Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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Łukasz
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Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Łukasz » 15.01.2016, 15:43

Ich würde gerne wissen, wie die ROK zum Thema Selbstverteidigung steht, also wenn man z.B. von einem oder mehreren Angreifern auf der Straße offen (mit oder auch ohne Waffen) beleidigt und mit Schlägen und Tritten etc. körperlich angegriffen wird. Gibt es da Regeln in der Richtung? Was ist nach der ROK erlaubt und was nicht? Muss man ein solchen Vorfall (falls man ihn überlebt hat) beichten?

Und wie steht die Russisch-Orthodoxe Kirche zum Thema "fernöstliche Kampfsportarten" wie z.B. Karate, Taekwondo, Kung Fu etc., da diese oft ihre eigene Philosophie mitbringen, die z.B. stark vom Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus beeinflusst ist. Kann man solche Kampfsportarten ausüben, wenn man diese asiatischen Trainingsphilosophien weglässt, oder gibt es da noch weitere Einschränkungen, die man als orthodoxer Christ beachten sollte?

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Lazzaro
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Lazzaro » 18.01.2016, 21:41

Hallo Lukasz!

Welches die offizielle Ansicht der ROK zu diesem Thema ist, kann ich nicht sagen, da ich ihr nicht angehöhre. (Man nötigte mich die "Union mit Konstantinopel" eizungehen.) Ich versuche mich daher vom christlichen Standpunkt dem Thema anzunähern.

Unser Herr sagt eindeutig: "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39) Das bedeutet abstrakt formuliert, daß wir Christen den Kreislauf der Gewalt auf jeden Fall durchbrechen, aufbrechen und so Frieden stiften sollen.

Es gibt aber auch im AT Stellen, die eine andere Sprache sprechen: "Lass nicht ab, den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute schlägst, so wird er sein Leben behalten." (Spr 23,13) oder mein absoluter Favorit: "Die Lippen des Toren beginnen Streit, sein Mund schreit nach Schlägen." (Sprüche 18:6) Beides ist aber beim genaueren Hinsehen eben kein Aufruf zur Gewalt: Beim ersten Fall geht es eindeutig um Situationen, bei denen sich Lebensgfahr entwickeln kann, beim anderen gibt der folgende Vers: "Dem Toren wird sein Mund zum Verderben; seine Lippen werden ihm selbst zur Falle" die richtige Interpretation. Der Tor wird sich selbst schaden, deshalb ist es gar nicht nötig dem nachzuhelfen.

Anderseits gibt es aber auch Mitmenschen, oder Situationen, wo man den Kreislauf der Gewalt dadurch durchbrechen muß, daß man Grenzen setzt. Manchmal auch durch Taten, in den allerseltensten Fällen auch durch die Anwendung der Kampfkünste. In der Regel reicht hier in Zentraleuropa bereits ein aktives verbales Einmischen aus, wenn man den Eindruck erwecken kann, daß man sich durchaus verteidigen wird. Hier ist aber eher psychologisches Fingerspitzengefühl denn SV -Techniken gefragt.
Alles soll aber unbedingt in einem christlichen Geiste geschehen: das bedeutet, daß wir unser Gegeüber immer als Gottes Geschöpf und Ebenbild (vergl. Gen.1:27) achten müssen und vor allem gegen ihn keinen Groll oder Haß empfinden dürfen. Im biblischen Kontext ist also nur eine Maßregelung (Züchtigung) nur aus Sorge um das soziale, geistige und geistliche Wohlergehen des Gegeüber gestattet.
:!: Achtung: Dazu ist immer die Kenntnis der entsprechenden weltlichen Gesetze nötig, die regeln welche Maßnahmen erlaubt und welche verboten sind !

Absolut falsch und und unchristlich ist es, unbedingt den Helden zu spielen: Wenn jemand dein Geld und dein Handy will, dann gib es ihm und lauf weg. Wenn du durch die Beschäftigung mit den Kampfkünsten früh merkst, wann du wegrennen mußt, hast du auch viel gelernt; und das ist nicht die schlechteste der Möglichkeiten.

Wann soll man beichten?
Nun ich bin kein Priester, aber ich würde grob sagen: Wenn man jemanden verletzt hat, wenn man zornig / wütend war oder wenn man später feststellt, daß man die Situation hätte besser lösen können, sollte man auf jeden Fall beichten.
Die bessere Möglichkeit ist, erstmal mit seinem Beichtvater über die Situation in einem selsorglichem Gespräch reden und es dann, falls nötig, mit der sakramentalen Beichte beenden.
Zuletzt geändert von Lazzaro am 18.01.2016, 23:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Lazzaro » 18.01.2016, 23:29

Des Sermons anderer Teil:

Sich sportlich zu betätigen ist immer etwas Gutes, egal ob man mit 22 Leuten hinter einem Ball rennt oder etwas anderes macht (Kampftrinken mal ausgenommen).
Kampfsportarten und noch mehr die Kampfkünste haben einen ganzheitlichen Ansatz: sie beinhalten auch medizinische, pädagogische und geistige Aspekte. Grundsätzlich kann man diese zusätzlichen Dimensionen prinzipiell leugnen und alles auf die Punkte beim Wettkampf reduzieren. Das wurde so z. B. in der DDR so gemacht.
Der Ursprüngliche Gedanke war aber meist Zweigleisig: Das beherrschen der fachlichen Technik des Kampfes für Selbstverteidigung / Militärdienst und die Arbeit an der eigenen Vollkommenheit im geistigen Sinn. Dagegen ist aus christlicher Sicht nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Kampfsport / -Kunst mit dem Anspruch, geistig zu wachsen ist immer besser, als auf dem moralischen Niveau einer Wirtshausschlägerei zu bleiben.

Hier in Westeuropa wird die zu den fernöstlichen Kampfsportarten gehörende Philosophie -wenn überhaupt- in einer völlig verwässerten Variante vermittelt. Meist geht es nur darum, ob sie hilft, den Partner auf die Matte zu befördern; Zitat: "Ich glaub auch nicht daran, aber es funktioniert."
Ein Beispiel: Bei den vom Zen inspirierten Sportarten geht es um die innere Leere. Das war ursprünglich ein buddhistisch-theologisches Konzept, ist aber -wenn man es überhaupt noch ernst nimmt- zu einer reinen Konzentrationsübung geschrumpft. Für das Christliche Seelenheil also recht ungefährlich.
Abstrahiert bedeutet das: Diese "asiatischen Trainingsphilosophien" sind entweder -von rituellen Relikten abgesehen- gar nicht mehr vorhanden, oder es wird mehr drüber geredet und mystifiziert als vorhanden ist. In China oder Japan ist das sicher anders.
Es könnte sinvoll sein fernöstliche Praktiken durch christliche zu ersetzen, Stichwort: Jesusgebet. Ich warne aber dringend vor einem übermäßigen Gebrauch ohne fachliche Anleitung.

Die wichtigste Einschränkung als Christ ist selbstverständlich: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." (Ex 20:3) Irgendwelche Respekterweise vor Buddhastatuen in Dojo sind selbstverständlich zu unterlassen. (Aber ich habe noch nie eine im Dojo gesehen, weder live noch auf einem Photo.) Die Verneigung beim betreten der Matte oder vor einer Photographie z. B. von Kanō Jigorō oder anderer Meister sind immer möglich weil es nicht religiös ausgelegt werden kann. Auch ist der Unterricht direkt in einer religiösen Einrichtung, Tempel oder Kloster sehr problematisch wenn zum theoretischen Unterricht buddh. Theologie gehöhrt, aber soviele dieser Institutionen gibt es hier nicht.
In einem normalen dt.sprachigen Verein oder Sportschule sollte es keine religiösen Probleme geben. Im Zweifelsfalle ist ein kurzes Gespräch mit dem Meister immer der erste Schritt.

Alternativen?
A) Philipinische Kampfkünste ( https://de.wikipedia.org/wiki/Filipino_Martial_Arts ) Die Philipinos sind in der Regel Christen.
B) Russisches Sistema: Wie mir ein russ. orth. Praktiker berichtete, soll es philosophische Beziehungen zum Hesychasmus geben. (Ich selbst hab da absolut null Ahnung!) Das wird in seinem Umfeld aber nur gelehrt, wenn ein Schüler direkt danach fragt. Es gehe auch ohne.
C) Krav Maga: hat einen jüdischen Hintergrund, ist recht heftig, effektiv und ohne phil. Gedöns.
:ende: Lazarus
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Łukasz » 21.01.2016, 12:05

Lieber Lazzaro,

vielen Dank für deine Ansichten. Ich hab darin vieles gefunden, dem ich offen zustimmen kann. Man muss natürlich zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport unterscheiden - den das eine hat nicht zwangsläufig etwas mit dem anderen zu tun. Man kann eine Kampfsportart wie z.B. Taekwondo auch so trainieren, dass man sich sehr wohl damit (z.B. in einem Straßenkampf) selbst verteidigen kann. Und du hast Recht, die meisten Kampfsportvereine betreiben solche Kampfsportarten wie Karate, Judo, Taekwondo, Ju Jutsu etc. auch als reine Sportarten - irgendeine Religion oder Philosophie wird man in diesen Vereinen beim Training nicht finden. Einige Vereine integrieren den Selbstverteidigungsaspekt in ihr Training während andere Vereine sich z.B. rein auf professionelle Wettkämpfe spezialisieren. Es gibt jedoch auch viele Kampfsportarten, deren Techniken selbst wiederum einen religiösen/nicht-christlichen Ursprung haben (z.B. Aikido, Ninjutsu, Shaolin-Kung Fu etc.). Bei den asiatischen Kampfsportarten ist das für uns hier im Westen nicht immer so leicht zu unterscheiden.

Über deine vorgeschlagenen Alternativen habe ich auch schon nachgedacht: Systema gibt es in meiner Nähe erst in Hildesheim (45 Km), Krav Maga ist wiederum in Braunschweig stark vertreten (ich finde aber, da wird viel zu viel Rummel drum gemacht; ist halt momentan die angesagteste Kampfsportart wie es früher mal WingTsun war). Leider verlangen die Krav Maga-Clubs sehr hohe Monatsbeiträge, da sie nicht als Vereine registriert sondern kommerziell ausgerichtet sind, wo die Trainer versuchen, davon zu leben. Die philippinischen Kampfkünste gibt es zwar auch in Braunschweig, aber sie fristen hier bei uns eher ein Schattendasein - regelmäßiger Trainingsausfall, da kaum eingetragene Mitglieder regelmäßig zum Training erscheinen (-> "Karteileichen", wenn du verstehst, was ich meine). Was in meinen Augen eine Menge über die Qualität des Trainings dort aussagt.

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Lazzaro
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Lazzaro » 21.01.2016, 16:04

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Łukasz
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Łukasz » 22.02.2016, 15:25

Hallo Community,

nach langer Bedenkzeit zu diesem Thema, habe ich nun eine Entscheidung getroffen. Ich habe auch sehr viel auf englisch-sprachigen orthodoxen Webseiten gelesen, die sich ebenfalls mit diesem Thema kritisch auseinandersetzen. Kritik von orthodoxer Seite kam meist immer dann, wenn mit dem Training fernöstlicher Kampfsportarten (wie z.B. Kung Fu, Tai Chi, Aikido etc.) auch asiatische Philosophien (z.B. Buddhismus, Taoismus, Chi/Ki-Energie etc.) vermittelt werden oder aber auch, wenn mit dem Training (z.B. Mixed Martial Arts, Thai-Boxen etc.) die Menschen zu gewaltbereiten Schlägern ausgebildet werden (könnten), die ein Verhalten "antrainieren", welches mit dem orthodoxen Glauben nicht vereinbar ist. So habe ich folgende Kriterien festgelegt:

1. Die Kampfsportart muss für die Selbstverteidigung taugen, und regelmäßig aktualisiert werden.
2. Rechtliche Aufklärung über mögliche (juristische) Konsequenzen im Falle einer Selbstverteidigung.
3. Die Teilnahme an Wettkämpfen ist nicht zwingend.
4. Es darf nicht bloß darum gehen, einem "Geist" oder Mentalität zu folgen, in dem es nur darum geht, seinen Gegner zu vernichten.
5. Es darf kein menschenverachtendes/aggressives Verhalten im Training gelehrt werden.
6. Fernöstliche Philosophien wie z.B. Buddhismus, Taoismus, Budo, Bushido etc. werden während des Trainings nicht unterrichtet.
7. Es darf mit dem Training keine bestimmte Religion verbunden sein, der man sich zwingend anschließen muss, um trainieren zu dürfen.
8. Möglichst ohne all die asiatischen Fachausdrücke/Fremdwörter (ich bin schließlich Europäer und kein Japaner, Koreaner oder Chinese).

Ich muss dazu anmerken, dass nach Anwendung all dieser Regeln nur sehr noch wenige Kampfsportarten in meiner Region übrig blieben, die für mich in Frage kommen. Ich habe mich daher für die Kampfsportart "Ju Jutsu" entschieden. Es handelt sich dabei um eine deutsche Kampfsportart, die sich aus dem japanischen "Jiu Jitsu" entwickelt hat. Im Ju Jutsu liegt der Fokus auf der Selbstverteidigung. Wettkämpfe sind erlaubt, aber nicht zwingend und folgen strengen Regeln, in der Fairness und Respekt verlangt werden. Aggressives Verhalten bzw. eine feindliche Einstellung gegen einen oder mehrere potentielle Angreifer sind nicht Teil des Trainings. Man wird nicht zum "Schläger" ausgebildet und falls man seine JuJutsu-Techniken gegen seine Mitmenschen missbraucht, wird man aus dem Verein geworfen. Fernöstliche Philosophien oder die Vermittlung einer bestimmten Religion werden ebenfalls nicht unterrichtet, es steht jedem frei seiner eigenen Philosophie oder Religion zu folgen. Asiatische Fremdwörter sind auf ein Minimum beschränkt und das Training erfolgt durch ausgebildete Trainer, die nach einheitlichen Bundesstandards ausgebildet werden, so dass man bundesweit (egal in welchem Verein in Deutschland man sich gerade befindet) immer den gleichen Trainingsstandard vorfindet.

Ich denke, dass ich damit die beste Lösung für mich gefunden habe, die auch mit unserem orthodoxen Glauben vereinbar ist. Ich schreibe das hier nur rein, damit auch andere Leute, die sich für das Thema interessieren, eine Art "Entscheidungshilfe" in die Hand bekommen, mit der sie für sich entscheiden können ob eine bestimmte Kampfsportart/Kampfkunst mit ihrem christlichen Glauben vereinbar ist oder nicht. Natürlich interessiert mich auch eure Meinung, und ob es noch irgendwas gibt, was ich zusätzlich dabei beachten sollte.

Kai
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Kai » 23.02.2016, 11:39

Ich mache seit einiger Zeit brasilianisches JiuJitsu und kann deine Gedanken gut verstehen. Ich finde deine Punkte plausibel, selbst wenn ich z.B. Punkt 8 (die Terminologie) nicht so problematisch finde. Vieles hat sich eben aus dem japanischen JiuJitsu entwickelt und da gab es eben diese Bezeichnungen. Egal.
Einen für mich sehr wichtigen Punkt habe ich in deiner Auflistung nicht so explizit gefunden. Es ist sicher wichtig zu überlegen, welchem Trainingsumfeld man sich aussetzt (Spiritualität, Philosophie, aber auch Umgang miteinander), ebenso wichtig ist es aber auch zu überlegen, wie man sich selbst verhält und z.B. seinem Gegner/Trainingspartner gegenüber tritt (Vgl. z.B. Markus 7,15) Kampfsport ist kein Wattepusten und ich lerne dort Techniken, die den anderen Schmerzen bereiten oder ihn sogar verletzen könnten. Man überlässt dem Partner im Training Kontrollmöglichkeiten über seinen Körper. Aber auch der Partner vertraut darauf, dass ich mit seinem Körper respektvoll umgehe. Es ist ein großer Unterschied, ob ich eine Technik voll durchziehe oder sie konsequent ansetze aber immer darauf achte, dem Partner die Möglichkeit zum Abbruch zu geben. Für dieses Vertrauen, dass mir meine Trainingspartner schenken bin ich ihnen sehr dankbar und sage ihnen das auch. Vor einem Training bete ich für respektvollen Umgang miteinander und ein verletzungsfreies Training.
Viel Spaß beim Training,
Kai

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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Pirx » 24.02.2016, 13:59

Ich habe einige Jahre lang Kampfkünste japanischen und chinesischen Ursprungs trainiert, vor allem Jiu-Jitsu und Xing Yi Quan, bis ich das leider aus gesundheitlichen Gründen sehr stark reduzieren musste.

Dort habe ich vieles gelernt, von dem ich einiges gern hier aufzähle:

1. Respekt vor dem Trainingspartner/Gegner. Dessen körperliche Unversehrtheit ist wichtiger als jeder "Trainingserfolg". Dementsprechend war die Verletzungsgefahr überall, wo ich bisher trainiert habe, erheblich geringer als zum Beispiel in einem Fußballverein.

2. Ein gewisses Gespür für brennzlige Situationen außerhalb des Trainingsraums. Es ist meist besser, vor einer drohenden Schlägerei einfach davonzulaufen, falls das möglich ist. Ein brutaler Straßenschläger oder Hooligan ist zunächst immer im Vorteil gegenüber einem Kampfsportler, weil er nämlich keinerlei Hemmungen hat, einfach möglichst rücksichtslos draufzuhauen. (Nicht nur keine Hemmungen, sondern im Gegenteil: Das ist geradezu sein Hobby.) Ein durchschnittlicher Kampfsportler hat diese Hemmungen sehr wohl.

3. Kampfsport ist aus technischer Sicht einfach Körpermechanik, d.h. es geht hauptsächlich um Spannung und Entspannung von Muskeln, um Gleichgewicht und Schwerpunkt, Anwendung des Hebelgesetzes usw. Ein guter Lehrer sollte das auch so vermitteln können, wobei es mir persönlich immer ziemlich egal war, ob er Muskelspannung "Yang" nennt und Muskelentspannung "Yin", weil das in der jeweiligen Kampfsportart so Tradition ist. Lehrer allerdings, die diese einfache Körpermechanik nicht vermitteln konnten und auf Anfragen irgendwelche esoterische oder pseudoreligiöse Grütze von sich gaben, habe ich gemieden.

@Kai: :freu-dance: Könnte es sein, daß dein aktueller Jiu-Jitsu-Trainingsort maximal 200 Meter von meinem ehemaligen entfernt liegt?

Kai
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Kai » 24.02.2016, 17:31

Pirx hat geschrieben:@Kai: :freu-dance: Könnte es sein, daß dein aktueller Jiu-Jitsu-Trainingsort maximal 200 Meter von meinem ehemaligen entfernt liegt?

GoogleMaps meint, es sind 220m ;-)

Łukasz
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon Łukasz » 26.02.2016, 09:41

Kai hat geschrieben:Ich mache seit einiger Zeit brasilianisches JiuJitsu und kann deine Gedanken gut verstehen. Ich finde deine Punkte plausibel, selbst wenn ich z.B. Punkt 8 (die Terminologie) nicht so problematisch finde. Vieles hat sich eben aus dem japanischen JiuJitsu entwickelt und da gab es eben diese Bezeichnungen. Egal.


Im größten JuJutsu-Verein in meiner Region wird parallel zum JuJutsu-Training auch Brasilianisches Jiu Jitsu und sogar Krav Maga angeboten. Ich finde BJJ (Kurzform für Brasilianisches Jiu Jitsu) auch sehr interessant, möchte mich aber erstmal aufs Ju Jutsu konzentrieren. Mein Motto in dem Fall lautet: Erst mal eine Sache richtig erlernen, bevor man noch was anderes anfängt. Ich würde auch am liebsten alle drei (JuJutsu, BJJ und Krav Maga) gleichzeitig erlernen aber ich bin nicht so ein Naturtalent, dass ich zwei oder drei Kampfsportarten parallel nebeneinander trainieren kann, ohne alles durcheinander zu bringen. Die Terminologie im JuJutsu/JiuJitsu ist ja mittlerweile nahezu komplett eingedeutscht, daher habe ich mit den "Restbeständen" an japanischen Fremdwörtern, die noch übrig geblieben sind, auch keine Probleme.

Kai hat geschrieben:Einen für mich sehr wichtigen Punkt habe ich in deiner Auflistung nicht so explizit gefunden. Es ist sicher wichtig zu überlegen, welchem Trainingsumfeld man sich aussetzt (Spiritualität, Philosophie, aber auch Umgang miteinander), ebenso wichtig ist es aber auch zu überlegen, wie man sich selbst verhält und z.B. seinem Gegner/Trainingspartner gegenüber tritt (Vgl. z.B. Markus 7,15) Kampfsport ist kein Wattepusten und ich lerne dort Techniken, die den anderen Schmerzen bereiten oder ihn sogar verletzen könnten. Man überlässt dem Partner im Training Kontrollmöglichkeiten über seinen Körper. Aber auch der Partner vertraut darauf, dass ich mit seinem Körper respektvoll umgehe. Es ist ein großer Unterschied, ob ich eine Technik voll durchziehe oder sie konsequent ansetze aber immer darauf achte, dem Partner die Möglichkeit zum Abbruch zu geben. Für dieses Vertrauen, dass mir meine Trainingspartner schenken bin ich ihnen sehr dankbar und sage ihnen das auch. Vor einem Training bete ich für respektvollen Umgang miteinander und ein verletzungsfreies Training.


Dankend zu Kenntnis genommen. Nehme ich gerne in meine Punkte-Sammlung auf.

Pirx hat geschrieben:Dort habe ich vieles gelernt, von dem ich einiges gern hier aufzähle:

1. Respekt vor dem Trainingspartner/Gegner. Dessen körperliche Unversehrtheit ist wichtiger als jeder "Trainingserfolg". Dementsprechend war die Verletzungsgefahr überall, wo ich bisher trainiert habe, erheblich geringer als zum Beispiel in einem Fußballverein.

2. Ein gewisses Gespür für brennzlige Situationen außerhalb des Trainingsraums. Es ist meist besser, vor einer drohenden Schlägerei einfach davonzulaufen, falls das möglich ist. Ein brutaler Straßenschläger oder Hooligan ist zunächst immer im Vorteil gegenüber einem Kampfsportler, weil er nämlich keinerlei Hemmungen hat, einfach möglichst rücksichtslos draufzuhauen. (Nicht nur keine Hemmungen, sondern im Gegenteil: Das ist geradezu sein Hobby.) Ein durchschnittlicher Kampfsportler hat diese Hemmungen sehr wohl.

3. Kampfsport ist aus technischer Sicht einfach Körpermechanik, d.h. es geht hauptsächlich um Spannung und Entspannung von Muskeln, um Gleichgewicht und Schwerpunkt, Anwendung des Hebelgesetzes usw. Ein guter Lehrer sollte das auch so vermitteln können, wobei es mir persönlich immer ziemlich egal war, ob er Muskelspannung "Yang" nennt und Muskelentspannung "Yin", weil das in der jeweiligen Kampfsportart so Tradition ist. Lehrer allerdings, die diese einfache Körpermechanik nicht vermitteln konnten und auf Anfragen irgendwelche esoterische oder pseudoreligiöse Grütze von sich gaben, habe ich gemieden.


Auch deine 3 Punkte, wie die von Kais, nehme ich gerne in meine Punkte-Sammlung auf. Wobei dein zweiter Punkt für mich zu meinem Punkt 1 gehört, nur sehr viel ausführlicher beschrieben wird. Dein Punkt 1 deckt sich nahezu komplett mit dem, was Kai oben geschrieben hat. Ich finde auch, dass Realismus im Training nicht alles ist. Wichtig ist zuerst ein respektvolles Miteinander beim Training und eine gute Stimmung im Verein. Deswegen muss realistische Selbstverteidigung noch lange nicht darunter leiden.

ElvisVrinic
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Re: Orthodoxie und Selbstverteidigung/Kampfsport

Beitragvon ElvisVrinic » 09.12.2017, 10:49

Łukasz hat geschrieben:Ich würde gerne wissen, wie die ROK zum Thema Selbstverteidigung steht, also wenn man z.B. von einem oder mehreren Angreifern auf der Straße offen (mit oder auch ohne Waffen) beleidigt und mit Schlägen und Tritten etc. körperlich angegriffen wird. Gibt es da Regeln in der Richtung? Was ist nach der ROK erlaubt und was nicht? Muss man ein solchen Vorfall (falls man ihn überlebt hat) beichten?

Und wie steht die Russisch-Orthodoxe Kirche zum Thema "fernöstliche Kampfsportarten" wie z.B. Karate, Taekwondo, Kung Fu etc., da diese oft ihre eigene Philosophie mitbringen, die z.B. stark vom Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus beeinflusst ist. Kann man solche Kampfsportarten ausüben, wenn man diese asiatischen Trainingsphilosophien weglässt, oder gibt es da noch weitere Einschränkungen, die man als orthodoxer Christ beachten sollte?


Hristos anesti,

nach mehreren Jahren abstinenz vom OF möchte ich auch mal wieder melden. ich denke, nach einiger Jahren der Orthopraxie kann ich auch besser im geistigen Bereich mitwirken.

ich möchte auch noch sagen, dass ich selbst wieder Shotokan-Karate mache und später auch noch das Iaido (japanisches Schwetziehen) ausüben werde.

Als allererstes, ist der oder die fernöstliche Kampfkünste vergleichsweise Kompliziert. Sie sind nämlich nicht pragmatisch, wie vergleichsweise Europäische Kampfkünste, wogegen mehr als 90% auf das Duellieren ausgerichtet sind, angefangen vom Boxen über das Fechten bis hin zu Pankration die antike wurzeln hat.

Es gibt wirkich nur eine Kampfkunst die mit den fernöstlichen zu vergleichen wäre und das wäre Systema, welche auf Altrussische Kampftechniken basiert die durch die wahre kirche stark beeinflusst sind. Es ist aber so, dass man Systema-dojos kaum findet, bei mir selbst ist meine erst mehr als hundert kilometer entfernt, aber nun zu den Fernöstlichen die auf den zen-buddhismus basieren, zumindest behauptet das jeder.

von Kirchlicher seite, gibt es keine offiziellen äusserüngen, ausser das bspw. in Griechenland die Metropolie in Glyfada gegen das JiuJitsu im Schulsport protestiert, da es möglicherweise in bereich moderner esoterik auch bekannt als new age führt.

Es ist auch meistens so, dass Starzen meistens davon abraten, da es wie in jeder Kampfkunst auch eine Spirituelle seite gibt, die entweder ausgetauscht werden muss oder man ganz weglassen, aber dann wäre man wieder beim Kampfsport der auf den Wettkampf ausgerichtet ist und nicht bei der Kampfkunst die eher praktischen nutzen hat.

weder zazen, noch qigong (daoistische meditation) und erst recht nicht Yoga ist alles andere als orthodox christlich und davon sind die finger zu lassen, einfach aus dem Grund, da weder Christus noch seine Heilige miteinbezogen werden können und man von Anthropozentrischer Spiritualität spricht. Soll sogar fälle geben, wo Okkultistische praktiken wider besseren wissens miteinbezogen werden (dazu gehört die Transzendente Meditation).

Es ist somit zu sagen, dass geistliche gefahren lauern.

von der Philosphischen seite wäre es wirklich ratsam, dass auch wenn man fernöstliche Kampfkünste betreibt, die Systeme Philosophie, die eben auf unsere Kirche basiert verinnerlicht (so verschieden ist man nicht, es ist lediglich eine andere didaktik)

Ratsam wäre es somit, diese ganze Philosphien angefangen von Daoismus, Buddhismus bis hin zum Konfuzianismus völlig wegzulassen und wirklich anfangen unsere Kirchen- und Gotttragenen Väter zu lesen, und je nach kampfkunst, beim Angrüssen (Mokuso) anstatt nur zu atmen, dass jesusgebet mit dem Atem verbinden (kann man auch bei der Kata)


Gottes segen und lasst euch nicht davon abschrecken, die Kampfkunst kann sogar der nächstenliebe dienlich sein :)
Am Anfang war das Wort und das Wort war bei GOTT und GOTT war das Wort. Dieses war im Anfang bei GOTT. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts Geworden. Was geworden ist - in IHM war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen (begriffen, erfasst). (EVANGELIUM nach Johannes)

Ehre Sei dem Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.
Jetzt und immerdar und in alle ewigkeit. Amen

IC XC
NI KA


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