Liebe Geschwister im Glauben, an alle Suchenden und möglichen künftigen Konvertiten und ganz besonders Elyas,
Ich habe nun eine Weile mitgelesen und überlegt, ob ich mich äußern möchte oder nicht.
Da ich mich tatsächlich in einer ähnlichen Situation wie Elyas befinde - wenn auch inzwischen vielleicht 1 oder 2 Schritte weiter, soll heißen, bei mir ist die Entscheidung zur Konversion nun herangereift – und hier ja vielleicht weitere Menschen, die sich mit dergleichen Gedanken tragen, mitlesen, möchte ich nun doch aus meinem Erleben ein wenig berichten. Vielleicht ist es hilfreich.
Hintergrund:
Ich selbst war oder bin getaufte Katholikin, aufgewachsen und sozialisiert mit den Jesuiten und ihrer Weltmission, später in eine katholische (ebenfalls ignatianische Spiritualität) Schule gegangen.
Mein Weg zur Orthodoxie lief über viele Kanäle und äußerste sich zunächst nur in einem für mich ganz diffusen Interesse.
Ich habe mich seit Kleinkindertage immer für den (von Deutschland aus betrachtet) östlichen Raum interessiert, hauptsächlich für Griechenland und den Orient. Ich habe Fernsehberichte geliebt, die sich mit der frühchristlichen Kultur beschäftigten und unsere Johannes Ikone zuhause habe ich stundenlang ohne Ermüdung angestarrt (obwohl ich damals der Überzeugung war, dass es sich um Jesus handele

) – sie war geheimnisvoll, mystisch, unerklärlich und anziehend. Gleiches gilt für orthodoxe Hymnen, denen ich geradezu verfallen bin. Ach ja und natürlich nicht zu vergessen die Geistlichen, die ich in Urlauben zu sehen bekam. Sie wirkten archaisch, anders aber faszinierend.
Soweit dazu… es handelte sich also bis dahin nur um exotische Bilder/Schlaglichter, die mit meinem Leben herzlich wenig zu tun hatten.
Suchen:
Als ich mich nach einer längeren kirchen- und glaubensfernen Phase wieder Christus zuwandte, tat ich dies selbstverständlich in meiner Kirche, also der katholischen. (Der Protestantismus ebenso wie die Freikirchen waren - und sind es bis heute - mir höchst suspekt, sie kamen als Ort der Suche überhaupt nicht in Frage)
Ich besuchte einen Glaubenskurs, lernte Ordensleute kennen mit denen mich auch bis heute eine Freundschaft verbindet, führte viele viele geistliche Gespräche, las viel, besuchte Klöster, war in geistlicher Begleitung, ging regelmäßig zur Beichte und zur Kommunion. Und dennoch…ich wurde nie satt. Ich nahm verschiedene geistliche Angebote (klösterliche Einkehrtage, Gebetskreise etc.) wahr und nichts von all dem konnte den Hunger stillen. Entweder fühlte ich mich vollkommen fehl am Platze oder es war nicht genug. Ich war ziemlich frustriert, hatte mich aber mit meinem Gefühl des Alienstatus notgedrungen zu arrangieren versucht.
Im Zuge einer kirchengeschichtlichen Vorlesung begann ich zwar von katholischer, der Orthodoxie sehr zugetaner Seite, mehr zum Thema Glaubensstreitigkeiten und Kirchenpolitik des frühes Christentums zu hören. Auch früher schon war mir aufgefallen, dass mich die Kirchengeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit nur mäßig interessierte, wohingegen die ersten Jahrhunderte mich ausnehmend faszinierten.
Dann ging alles plötzlich ziemlich schnell. Meine Vorlesung artete in einen Frage-Antwort-Dialog aus. Ich begann im Internet zu recherchieren und stieß auf die Seite
http://katholisch-orthodoxe-freundschaft.de Dort las ich zunächst viel, stellte viele Fragen, begann hier in Deutschland orthodoxe Gemeinden zu suchen, tauschte mich übers Internet und dann telefonisch mit orthodoxen Geschwistern aus, begann mit Ihnen zu beten. Und damit tat sich eine neue alte Welt auf. In den (zunächst mir natürlich fremden) Gebeten fand ich genau die Sprache, die Gedanken, die mich ansprachen, die mich bewegten, die auch mir zu entsprechen schienen und sie wirkten direkt auf mich und meine Geisteshaltung zurück.
Heimat?
Letztlich habe ich nun – und an dieser Stelle sei Lazzaro für seinen Tipp ganz ganz herzlich gedankt – „meine“ (da ich ja noch nicht offiziell aufgenommen bin) Gemeinde gefunden:
http://www.rok-wuerzburg.de/
Die Gemeinde ist dem Moskauer Patriarchat zugeordnet und der Priester, Vater Vladimir ist trotz seiner jungen Jahre ein sehr beeindruckender, sehr gewissenhafter und ernsthafter geistlicher Vater. Die Tradition der Gemeinde ist durch Vater Peter, selbst ein Konvertit, geprägt und die Gemeinde führt dessen Geist weiter, d.h. die Liturgie wird zeitgleich in Slawisch und Deutsch gefeiert. Soll heißen, ein Gebet auf Slawisch, das andere auf Deutsch, ebenso die Gesänge und die Predigt. Mal ganz davon abgesehen, dass mir wirklich schon die Tränen liefen weil die Gebete/Gesänge/Psalmen mitten ins Herz getroffen hatten, ist eben der schöne „Nebeneffekt“, dass es keine Zerteilung der Gemeinde gibt, niemand bleibt außen vor/fühlt sich benachteiligt… Für künftige Konvertiten gilt, dass sie am geistlichen Leben der Gemeinde teilhaben (also regelmäßige Teilnahme an Vesper und Göttlicher Liturgie), dass sie an der Katechese teilnehmen (je nach Anwärtern findet diese auf Russisch oder Deutsch statt), Lektüre lesen, mit dem Priester sprechen und sich auch andere orthodoxen Gemeinden ansehen...und natürlich Geduld mitbringen. Schnell, schnell geht gar nichts.
Die Atmosphäre in dieser Gemeinde ist so warm, freundlich und offen, dass ich mich wirklich jedes Mal ganz aufrichtig freue, dorthin zu fahren (trotz der sich deutlich im Geldbeutel bemerkbar machenden Fahrtkosten und der für einen Katholiken gänzlich ungewohnten Anreise von 1 Std. reiner Zugfahrt pro Strecke) und immer ganz traurig bin, wenn ich wieder nach Hause fahren muss. Berührungsängste muss man auch keine haben, denn irgendjemand nimmt einen immer an der Hand und wenn er/sie selbst aufgrund sprachlicher Barrieren nicht weiterkommt, führt er/sie dich zum Nächsten, der dann die Übersetzungsarbeit leistet - und der Rest wird mit Hand und Fuß, Umarmung und Lächeln geleistet
Unterschied
Ich bin der katholischen Kirche nicht negativ gegenüber eingestellt. Wie auch? Ich wurde in sie hineingeboren, samt meiner Familie und meiner lieben Großeltern - die immerhin das Senfkorn des christlichen Glaubens in mein Herz gepflanzt hatten. Und es bekümmert mich zutiefst zu sehen, welchen Kurs die Katholische Kirche in Deutschland einschlägt, wie sehr der Glaube, die Spiritualität abnehmen und gar merkwürdige Formen annehmen, wobei ich das nicht als ein Ergebnis der letzten paar Jahre, sondern als einen viel früher einsetzenden, sich neuerdings exponentiell verschlimmernden Prozess sehe. Es ist wie mit einem breiten Fluss, der langsam zu einem Bach und letztlich zu einem Rinnsal wird, das letztlich in der ausgetrockneten Erde versickert.
Auf theologische Unterschiede will ich jetzt nicht eingehen, dazu gibt es weit aus fähigere Menschen, die das fundiert tun und getan haben. Aber auf der Ebene des persönlichen Erlebens, möchte ich dazu Folgendes sagen:
Ich fühle mich in der Orthodoxen Kirche ernst genommen! Das ist eigentlich die zentrale Unterscheidung, die ich spüre. Mein Hunger wird wahrgenommen und genährt (gestillt werden kann er letztlich nur von und bei Gott, am Ende der Reise).
In der Orthodoxie ist es vollkommen klar, dass wir von Gott kommen und zu Gott zurückkehren wollen und dass dieser Weg nicht einfach irgendwie schon werden wird, sondern Arbeit ist! Aber mir wird auf diesem Weg Hilfe zuteil und wir gehen diesen Weg gemeinsam. Auch ist die Kirche kein Wellness-/Bespaßungs-/Gewissenberuhigungsverein. Ich werde nicht mit Phrasen und einem salbungsvollen „das passt schon alles, was du tust/bist“ oder „such dir halt das passende Angebot aus“ abgetan. Ich bekomme echte Hilfestellung, die manchmal durchaus auch eine echte Zumutung sein kann. Natürlich, denn für den bequemen Weg benötige ich keine Anleitung, den finde ich auch selbst…ob der mich zu Gott führt…das will ich jetzt mal offen lassen.
Ein orthodoxer Priester und die Gläubigen–soweit meine bescheidene Erfahrung diese Beurteilung zulässt – glauben tatsächlich an die Sakramente. Das mag sich banal anhören, ist es aber keinesfalls! Es muss nicht jede privat Befindlichkeit jedes einzelnen Gläubigen ausdiskutiert und berücksichtigt werden – die Kommunion wird nur unter bestimmten Voraussetzungen gespendet und das mit Ehrfurcht.
Und bei allen Lobeshymnen nun vielleicht die wichtigste: Auch Orthodoxe sind Normalsterbliche, d.h. nicht-perfekte Menschen, also Sünder. Aber sie nehmen ihr Gegenüber und sich selbst als solche wahr und ernst.
Wichtig war für mich
Der Kontakt zu orthodoxen Gläubigen, die sich intensiv mit dem Glauben auseinandergesetzt haben und mir etwas erklären können – das ist etwas ganz Anderes, als aus Büchern zu lernen.
Das gemeinsame Gebet (außerhalb der Kirche) mit orthodoxen Gläubigen.
Dass der Priester ausreichend Deutsch beherrscht, damit die Seelsorge (Beichte, geistliche Gespräche) gewährleistet ist.
Der Weg ist (noch) lang…aber ich bin frohen Mutes und Herzens, ich habe wohl endlich meine geistige Heimat gefunden.
Fünfuhrtee