Frage zur monastische Askese

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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Marypoppins
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Frage zur monastische Askese

Beitrag von Marypoppins »

Guten Abend!

Manche Sätze haben es ja in sich. Besonders wenn sie sehr lang und inhaltsschwehr sind :(

Heute Nachmittag habe ich gelesen:

"Die Gewissheit, in der Endzeit zu leben, verleiht nicht nur jedem Gläubigen das Bewusstsein des einmaligen Wertes, jedes Augenblicks
und der lebenswichtigen Bedeutung, die dieser für seine eigene Zukunft hat, sondern er hat insbesondere die Mönche der orthodoxen Kirche
dazu veranlasst, ihr Dasein ganz im Zeichen des kommen Reiches zu leben.

"Die monastische Askese der Jungfräulichkeit will das Weltende durch das Aussterben des Menschengeschlechtes beschleunigen...

Das Zöllibatsgelübte, die kollektive Weigerung der Zeugung sind Ausdruck einer extremen Haltung angesichts der Geschichte und der Zukunft des Lebens auf der Erde.

Die evangelische Vision einer plötzlichen Endes verschärft den krankhaften Zustand der Erde, die trotz mehrfachen Aufschubs die eigene
Agonie erlebt und sich ihrem unvermeidlichen Untergang nähert.""

(Zitat im Zitat)
Paul Ewdokimow: Les Ages de la vie spiritulle. Paris 1964 Seite 102.

Gesamtzitat aus:
Die großen Religionen der Welt
- Die Orthodoxe Kirche - von Bernard Sartorius
aus dem Französichen übertragen von Jean Komaromi Seite 72


Die monastische Askese der Jungfreulichkeit will das Weltende durch das Aussterben des Menschengeschlechtes beschleinigen??
Aber kindereiche Familien leben doch auch nach dem Willen Gottes???

Ich bin überzeugt, daß diese Gegensätze in Wirklichkeit keine sind.Trotzdem wäre ich froh, wenn mir das jemand in einfachen Worten erklären würde.

Gott schenke uns Frieden
Mary
IoannesProselytos
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Beitrag von IoannesProselytos »

Also diese Passage ist schon sehr "eigenartig". Ich könnte mich nicht erinnern, dass die Askese und die Keuschheit/Jungfräulichkeit jemals mit einer solchen Absurdität begründet wurde bzw. das der Zweck davon gewesen wäre (außer bei einzelnen "Narrn" evtl.).
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

IoannesProselytos hat geschrieben:Also diese Passage ist schon sehr "eigenartig". Ich könnte mich nicht erinnern, dass die Askese und die Keuschheit/Jungfräulichkeit jemals mit einer solchen Absurdität begründet wurde bzw. das der Zweck davon gewesen wäre (außer bei einzelnen "Narrn" evtl.).
Eigenartig vielleicht , aber es ist bestimmt positiv zu verstehen, da diese Menschen ja Gottes Schöpfung mit Liebe und Barmherzigkeit betrachten.

Habe mich schon gefragt, ob das mit der Ehelosigkeit um des Reiches Gottes Willen ( wer es fassen kann, der fasse es) zusammenhängen kann???

Mit den Narren könntest Du auch recht haben.
Diese werden , wenn auch nicht in direktem Zusammenhang, aber kurz darauf erwähnt.
In der Art, daß sie unter einem vorgetäuschten Wahnsinn ein tief empfundenes religiöses Leben verbergen.
IoannesProselytos
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Beitrag von IoannesProselytos »

Eigenartig vielleicht , aber es ist bestimmt positiv zu verstehen, da diese Menschen ja Gottes Schöpfung mit Liebe und Barmherzigkeit betrachten.
Na ja, das ist es ja eben! Askese und Keuschheit/Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sind ja positiv zu verstehen, aber diese Assoziation aus deinem Buch klingt eher negativ: Keine Kinder, damit die Menschheit so quasi ausstirbt etc. So wurde das wohl nie aufgefasst, außer vielleicht von wirklichen Verrückten.
(Die "Narren in Gott" sind allerdings wieder eine andere Sache - St. Franziskus v. Assisi bezeichnete sich auch als solcher z. B.)
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

IoannesProselytos hat geschrieben: (Die "Narren in Gott" sind allerdings wieder eine andere Sache - St. Franziskus v. Assisi bezeichnete sich auch als solcher z. B.)

Nee, der ist da 100% nicht gemeint

Es muß in der orthodoxen Kirche berühmte Heilige gegeben haben.
Meine sogar das Rafailia im Höllenthread das Thema kurz tangiert hat.

Vielleicht kann sie noch weiterhelfen.
protopeter
Priester
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einige Gedanken zum Thema...

Beitrag von protopeter »

Liebe Mitdiskutierende !

Eine jegliche Form christlicher Askese (das Wort bedeutet im eigentlichen Sinne "Einübung") - und hierzu ist an sich der monastische Stand nicht einmal zwingende Voraussetzung - strebt als Ziel die Einigung mit Gott, mit Seinem Mysterium der Gnade und Menschenliebe, an. Der in der orthodoxen Spiritualität geprägte Begriff theosis (Vergottung des Menschen) beschränkt sich keineswegs auf Mönche, Nonnen oder ehelos Lebende - die Erlangung der Gotteskindschaft aus Gnade ist die elementare Berufung des Christen.

Was nun die sogenannten Narren in Christo anbelangt, so läßt sich diese Form der Askese in erster Linie auf das bei I Kor 1,25 zum Ausdruck gekommene Apostelwort zurückführen. Gerade auch in dieser Hinwendung erweist sich die im Glauben an die gottmenschliche Erlösungswahrheit verklärt-umgewendete Perspektive aufgrund der das authentische christliche Zeugnis erst ermöglicht werden kann. Besonders in der russischen orthodoxen Tradition sind einige Narren in Christo sehr berühmt geworden - so etwa der Hl. Vasilij von Moskau oder die Hl. Ksenija von Petersburg.

Mit Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

Lieber Protopeter,

Danke für den Denkanstoß.

Vermutlich haben ihn Alle außer mir verstanden.

Mir fehlt immer noch eine Erklärung.

Ich denke, daß die Idee, die hinter dem Ganzen steht positiv ist.

Für einen nicht Orthodoxen wirkt es allerdings wie ein Wiederspruch .

Die Mönche streben die Apokalypse an, weil damit die neue Welt mit Jesus da wäre...???

Und die Familien schenken der "alten Welt", auch im Auftrag Gottes ,ihre
Kinder???

Das wirkt irgendwie kontraproduktiv, obwohl die gute Absicht bei Beiden deutlich ist.

Was mach ich jetzt damit???

Einen gesegneten Abend
Mary
protopeter
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Beitrag von protopeter »

Liebe Mary !

Abgesehen davon, daß ich nach dem Originalzitat von Evdokimov sehen müßte, ist dieser Passus sicherlich in eschatologischer Perspektive unter besonderer Berücksichtigung des monastischen Sendungsbewußtseins zu sehen: Mönche und Nonnen sind eben jene, die in ihrer Form der Askese den bewußten Verzicht auf ein "Leben mit der Welt" praktizieren; sie leben aber "in der Welt" gleichsam als Vorverkünder des eschaton.

Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß Johannes der Täufer in der Orthodoxen Kirche als der "Prototyp" des Mönchs erfaßt wird; genau in diesem Sinne bildete sich gleichsam ein "kollektives mönchisches Bewußtsein" heraus, das zu manchen Zeiten durchaus auch apokalyptische Züge annahm. Evdokimov rezipiert auf diese Weise eine dieser maximalistischen Grundhaltungen in der baldigen Erwartung der Parousie Christi - es entspricht durchaus der monastischen Spiritualität, in konzentrierter Erwartung darauf zu leben. Damit ist durchaus auch ein Selbstverständnis verknüpft, das die im monastischen Stand Lebenden als besonders dem einen, einzigen Ziel - Fürbitter vor Gott zu sein - gewidmet erkennt.

Mit Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
IoannesProselytos
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Beitrag von IoannesProselytos »

Die Mönche streben die Apokalypse an, weil damit die neue Welt mit Jesus da wäre...???

Und die Familien schenken der "alten Welt", auch im Auftrag Gottes ,ihre
Kinder???

Das wirkt irgendwie kontraproduktiv, obwohl die gute Absicht bei Beiden deutlich ist.
Das ist das, was ich gemeint habe, dass es eben "eigenartig" sei - zumindest, wie es in der Passage dort vorkommt. So wurde die Sache ja auch wieder nicht verstanden, sondern eben so, wie sie Vater Peter beschrieben hat!
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

Die Passage im Buch endet vor der Angabe des Zitats.

Die Gegenüberstellung mit den Kindern ist von mir.

Es passiert ja Beides gleichzeitig in der Welt und im Leben der Gläubigen.

Und die Kirchenobern sehen ja auch wie die ihnen anvertrauten Gläubigen
Gottes Willen dann doch sehr unterschiedlich auslegen.

Warum denkt man denn eigentlich das die Menschen aussterben müssen, damit die Endzeit kommt?
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

Lieber Protopeter!

Vielen Dank ! Werde mir das Alles noch mal in Ruhe zu Gemüte führen.

Liebe Grüße
Mary
Ieromonach
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Beitrag von Ieromonach »

+ Die Lebensweise nach dem Evangelium ist grundsätzlich a l l e n Christgläubigen aufgegeben. In der Kirche Gottes haben wir keine Christen 1. und 2. Sorte. Was ich da gelesen habe über Askese ist nicht christlich. Der Mönch lebt nicht deshalb keusch weil die Menschheit austerben soll, sondern er nimmt die Lebensweise der Engel an und trägt sein Kreuz. Hier ein Gebet bei der Mönchsweihe:
"Abt:(oder Priestermönch): Herr, unser Gott, führe ein deinen Knecht (Magd) N. in deinen geistlichen Hof und zähle ihn (sie)zu bei deiner vernünftigen Herde; reinige sein (ihr) Sinnen von den fleischlichen Lüsten und dem leeren Trug des Lebens, und lasse ihn (sie) unaufhörlich gedenken der Güter, die weggelegt sind für die, die dich lieben, und die sich für diees Leben gekreuzigt haben um deines Reiches willen............"

Askese hat nur dann einen Sinn wenn es nicht ein SELBSTZWECK , sondern eine Hilfe zum Erlangen des Zieles wie es jedem Christen aufgeben ist. Dieses ist möglich in der Ehe und im Mönchtum.

+ Priestermönch Theodororos
Um Gott zu lieben muß man sich von sich selbst lossagen, und die Liebe Gottes läßt sich nur als Liebe des Herzens zu Gott wahrnehmen.
IoannesProselytos
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Beitrag von IoannesProselytos »

Was ich da gelesen habe über Askese ist nicht chritlich. Der Mönch lebt nicht deshalb keusch weil die Menschheit austerben soll, sondern er nimmt die Lebensweise der Engel an und trägt sein Kreuz.
Genau das, was Vater Theodor gesagt hat, meine ich! Mir ist das mit dem "Aussterben" mehr als nur "nicht koscher" vorgekommen ...
Marypoppins
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Beitrag von Marypoppins »

Guten Morgen!

ein paar Links zu einigen Stichworten.

Narren in Christo - Beschreibung

http://de.wikipedia.org/wiki/Jurodiwy

http://russische-kirche-l.de/bibliothek ... .htm#illen
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Verweis auf passende Bibelstellen

http://209.85.129.104/search?q=cache:ac ... =firefox-a
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Einige Heilige, die als Solche (Narren) bezeichnet werden

http://www.prokopij.de/Heilige/heiliger_prokop_de.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_der_Selige

http://www.heiligenlexikon.de/Biographi ... Emesa.html

http://www.bautz.de/bbkl/s/s4/symeon_s-v_e.shtml

http://www.orthodoxe-kirche.de/Literatu ... /db59.html
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Link zum Thema :
Überwindung des Todes in der hesychastischen Tradition

Ich fand die Seite, als ich nach mehr Information über die "monastische Askese" suchte.
Wenn jemand zu dem Inhalt dieser Seite was sagen möchte, würde mich das sehr freun.
Die Ideen sind zwar nachvollziehbar, aber sehr fremd.

http://www.kirchen-in-osteuropa.de/archiv/06041906.htm

Liebe Grüße
Mary
rafailia_3
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Beitrag von rafailia_3 »

Ich denke, der Beitrag von Pater Theodoros(eylogeite) ist am aufschlussreichsten. Ich weiss nicht, wer das mit dem Aussterben mit der menschlichen Rasse geschrieben hat, aber es ist absurd und hat nichts mit der Orthodoxie zu tun.
Jemand, der sich einem Kloster anschliesst, tut dies aus Liebe, zu Gott und zu den Menschen, nicht weil er an die Apokalypse denkt oder weil die menschliche Rasse Aussterben muss. Wenn Gott dies gewollt haette, haette er es in einem Moment vollbringen koennen.

Beides ist "gesegnet", wie man hier in Griechenland sagt, die Jungfrauelichkeit wie auch die christliche Ehe, aber jeder Mensch hat in sich von Gott gegeben einen "Hang" zum einem oder zum anderen. Auf Griechisch nennt man dies "Klisi". Vielleicht kann jemand uebersetzen. Das heisst, dass Gott fuer alle eine "Bestimmung" hat. Es list jedoch in unserer Hand zu entdecken welche diese fuer uns ist und dieser zu folgen.

Und das mit der Apokalypse.. ich weiss nicht ob wir sie noch erleben werden, aber eines ist sicher: wir werden alle sterben und auferstehen wenn diese Zeit kommen wird. Deswegen ist fuer die Moenche und generell fuer alle Christen ein wichtiges Ziel in ihrer Askese, dieses Bewusstsein zu erlangen, dass jede Stunde die letzte sein koennte..
Verzeiht mir die vielen Worte

In Christlicher Liebe
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