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Monastischer Einfluss
Verfasst: 11.10.2006, 11:57
von Milo
Hallo!
Wie stark ist, bzw. darf der Einfluss der Mönchskreise sein in Bezug auf das Gemeindeleben und die praktische Theologie ?
Ich habe das Gefühl seit langem das mit der Zeit sich Dinge latent eingeschlichen haben, die eigentlich nur für Asketen und Einsiedler "Pflicht" sind.
Was denkt Ihr über das Thema? Was sind Eure Beobachtungen?
Euer "grübelnder" br. milo

Re: Monastischer Einfluss
Verfasst: 11.10.2006, 12:11
von Sebastian
administrator hat geschrieben:
Wie stark ist, bzw. darf der Einfluss der Mönchskreise sein in Bezug auf das Gemeindeleben und die praktische Theologie ?
Ich habe das Gefühl seit langem das mit der Zeit sich Dinge latent eingeschlichen haben, die eigentlich nur für Asketen und Einsiedler "Pflicht" sind.
Hallo Milo!
interessantes Thema, aber welche Einflüsse / Dinge meinst du konkret?
lieben Gruß
Dein Br. Sebastian
Verfasst: 11.10.2006, 14:49
von Ehre sei Dir oh Herr
Hallo Milo,
nun, einerseits beobachte ich eher eine zunehmende Liberalisierung bzw Angleichung mancher Ansichten an den römischen Katholizismus bzw die e. Kirchen (z.B. die Wichtigkeit des Fastens, diesen Schatz!), andererseits zeigt ja der Kalender auch auf, wie (um bei dem Beispiel zu bleiben) der Mönch fastet und wie der weltliche Gläubige, wenn ich das so formulieren darf.
Man darf ja nicht vergessen, dass Mönch oder Mönchin / Nonne ja ein engelgleiches also bedürfnisloses Leben anstreben.
Natürlich ohne eine gewisse Askese geht es eben nicht. Fastenzeit (z.B.) heißt ja nicht nur Enthaltung von Speisen, aber dazu gibt es ja einen Extra Beitrag.
Die Praxis bei der Liturgie, so konnte ich zumindest beobachten, ist natürlich so, dass sich die Menschen anpassen, d.h. wenn ein Mönch in einer Gemeinde an der Liturgie teilnimmt (oder im Kloster) nehmen sich die Gläubigen die Verhaltensweisen des Mönches an, als Beispielgeber sozusagen.
Ein Beispiel ist z.B. das Sich Niederwerfen.
So zumindest habe ich es erlebt.
herzliche Grüße
In Christo
René
Verfasst: 11.10.2006, 17:53
von protopeter
Liebe Brüder und Schwestern in Christus !
In der Wahrnehmung "orthodoxen Lebensstils" sowohl von uns selbst als auch von Aussenstehenden geschieht es allzu oft, daß das Mönchtum gleichsam als "Verkörperung" der Orthodoxie, als absolutes Kriterium und Ideal betrachtet wird; in diesem Zusammenhang ist vor allem der gerade heute so akzentuiert vorgebrachte Stellenwert des Heiligen Berges Athos zu erwähnen. In einem Umkehrschluß würde eine Überbetonung einer Geisteshaltung, die einzig das monastische Leben als vollendete orthodoxe Existenz betrachtet, auch bedeuten, daß alleine jene Männer und Frauen, die diese Form geistlicher Existenz wählten, im wahrhaften Umfang "gottgefällig" wären und so die "in der Welt Lebenden" a priori nicht dazu befähigt wären, ein Leben gemäß der Fülle christlicher Tugend zu leben.
Von diesen Umständen ausgehend ist sicher ein gewisser Einfluß (der allerdings nicht erst seit kurzem Bestand hat. sondern über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten faßbar zu machen ist) der sich sowohl im gottesdienstlichen Leben als auch in der Praxis des alltäglichen geistlichen Lebens der Gläubigen auszuwirken begann, festzustellen - als konkretes Beispiel würde ich einerseits die allgemein verbreitete, streng nach dem Typikon (ohne mögliche Adaptierung an "Gemeindebedürfnisse") ausgerichtete Feier der Tagzeitengottesdienste (vor allem Vesper und Orthros) benennen; andererseits ist ein wesentlicher Einfluß (wir sprachen schon wiederholt darüber) in der Praxis von Beichte und Eucharistieempfang zu erkennen.
Wenn sich nun (gerade und vor allem von Seiten der Heiligen Väter) immer wieder eine deutliche Opposition gegen eine zu rigid-formalistische Auffassung zeigte - hier denke ich beispielweise an die Aussagen des Hl. Nikolaos Kabasilas über den "Vorrang" des christlichen Zeugnisses in der Welt (gegenüber der "abgeschlossenenen" monastischen Lebensweise) oder an die "Anpassung" der täglichen kanonischen Gebetsordnung für die Laien, wie sie der Ehrwürdige Seraphim von Sarov empfahl - so geschah dies, um dem rechtgläubigen Zeugnis seinen allumfassenden Charakter deutlich zu bestätigen. Daraus erwächst nun allen Gliedern der Kiche die Notwendigkeit, an der "martyria" entsprechenden Anteil zu nehmen; die Differenziertheit des jeweiligen Lebensstils kann niemals Unterscheidungskriterium sein, in welchem Ausmaß das Zeugnis "glaubwürdiger" oder "authentischer" ausfällt.
Im Bewußtsein der diversen, einander ergänzenden Aspekte orthodox-kirchlicher Existenz halte ich es allerdings keinesfalls für angebracht, einer "Liberalisierung" oder "Anpassung an den Zeitgeist" das Wort zu reden: Innerhalb der Orthodoxen Kirche kann und soll es - unter absoluter Bewahrung des allumfassend-gemeinsamen rechtgläubigen Bekenntnisses - verschiedene Wege geben, wie konkretes Leben aus dem Glauben zum Ausdruck gebracht werden kann; darin liegt eine wesentliche Aufgabe und die Berufung unserer Kirche auch im dritten christlichen Jahrtausend.
In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter
Verfasst: 11.10.2006, 17:56
von Milo
Hallo Sebastian und René!
Ja ich meine solche Dinge wie es br. René anspricht.
Was darf ich was nicht, wie soll man sich in manchen (auch ehelichen!?) Situationen verhalten...
Wie streng ist zu fasten...wie oft gilt es sich zu bekreuzigen...
soweit manchmal das man meint ein Mönch oder Abt hat mehr zu sagen als ein Bischof.
Nicht umsonst gab es in der frühen Epoche der Kirche Verruteilungen solcher "Extremiteten" und "Formalismen" (Bsp. Montanismus).
Heute wie gesagt, habe ich das Gefühl das soetwas latent die "normal in der Welt" lebenden Christen unterwandert.
Ich bin der Meinung, Mönch ist Mönch, und nur dort darf er den Einfluss
direkt üben. Unser Glaube verlangt nicht von uns das wir alle Mönche werden, bzw. uns teilweise wie diese benehmen.
Meine Meinung...
Es grüßt euch,
der weltliche milo

Verfasst: 12.10.2006, 13:47
von Sebastian
protopeter hat geschrieben:Liebe Brüder und Schwestern in Christus !
In der Wahrnehmung "orthodoxen Lebensstils" sowohl von uns selbst als auch von Aussenstehenden geschieht es allzu oft, daß das Mönchtum gleichsam als "Verkörperung" der Orthodoxie, als absolutes Kriterium und Ideal betrachtet wird; in diesem Zusammenhang ist vor allem der gerade heute so akzentuiert vorgebrachte Stellenwert des Heiligen Berges Athos zu erwähnen. In einem Umkehrschluß würde eine Überbetonung einer Geisteshaltung, die einzig das monastische Leben als vollendete orthodoxe Existenz betrachtet, auch bedeuten, daß alleine jene Männer und Frauen, die diese Form geistlicher Existenz wählten, im wahrhaften Umfang "gottgefällig" wären und so die "in der Welt Lebenden" a priori nicht dazu befähigt wären, ein Leben gemäß der Fülle christlicher Tugend zu leben.
Lieber Vater Petar!
Segne!
ich darf an dieser Stelle kurz erwähnen, dass Du mit dieser Ansicht nicht alleine stehst. Bei seinem letzten Gesprächskreis thematisierte Vater Georgios Manos (Ein Athos Fan) in Hamburg genau das oben beschriebene und stimmt Dir darin auch zu. "Durch eine gewisse Überbetonung bzw Idealisierung des Mönchtums wird das Bild der Orthodoxie verzerrt. Orthodoxie besteht schließlich auch aus schreienden Kindern (z.B. während der Liturgie) , Müttern, Vätern, nicht-zölibatärlebenden Geistlichen etc.. " (-von mir wiedergegeben)
Eine zu starke Akzentuierung des Mönchtums blendet jedoch genau diese -wertvollen- Teile kirchlicher Existenz aus und zeichnet ein Bild, was nur eine Seite des vielseitigen orthodoxen Lebens sichtbar werden lässt und die gesamte Kirchlichkeit im vollen Umfang nicht greift. Das ist meine Meinung dazu. Im Übrigen - ich habe sehr hohen Respekt vor Mönchen - finde ich es unangebracht sich überdemütig/übertrieben unterwürfig sich Mönchen zu nähern und mit Ihnen das Gespräch zu suchen, ich meine es sind schließlich auch Menschen, die eben nicht engelsgleich 10 cm über dem Boden schweben. Die Mönche, die ich bisher traf waren auch ganz froh über mein Verhalten (Respektvoll und brüderlich, ist mir lieber als über/unterbrüderlich).
Lieben Gruß in der Liebe unseres auferstandenen Herrn Jesus Christus
Dein
Sebastian
Verfasst: 12.10.2006, 14:37
von Ehre sei Dir oh Herr
Hallo Sebastian,
nun, das engelgleiche Leben das ich meinte, bedeutet ja die Bedürfnislosigkeit. Wenn man die Heiligenleben liest, z.B. im Synaxarion, findet man sehr schnell Hinweise darauf.
Natürlich darf man nicht sagen, die Mönche sind super und der Rest ist nur halbsoviel wert. Wem stünde solch ein Urteil zu? Und auch die Mönche sündigen, da es nur einen gibt, der ohne Sünde ist, unseren Herrn selbst!
Wir Menschen haben alle mit unseren Sünden zu kämpfen, und wenn man sich einbildet nur 1 Minute ohne Sünde zu sein, hat man schon die nächste begangen...
Und, da gebe ich Dir auch recht, sie sind Menschen und da sie ihr Leben dem Herrn geweiht haben (wir ja auch) und dem weltlichen sozusagen entsagt haben, können sie sich auf die geistlichen Dinge konzentrieren.
Und, sie können uns auf unserem Weg helfen. Z.B. in München. Ich bin kein Christ der ROKA, aber sie haben für uns gebetet.
Auch einige Fragen bekam ich beantwortet, vergelts Gott. Natürlich haben sie nicht die Zeit Email´s an Maß zu schreiben, aber sie halfen mir auch da.
Und ich bin sehr dankbar dafür und werde sie in meine Gebete mit einschließen.
herzlichst René
Verfasst: 12.10.2006, 14:51
von Sebastian
Hallo Milo!
ich stimme mit dir überein.
exemplarisch:
Wie streng ist zu fasten...wie oft gilt es sich zu bekreuzigen...
Ich finde, dass sollte jeder sebst mit sich aus machen. Ich versuche schon gewisse Regel einzuhalten, aber ich denke die Erfüllung muss aus dem Herzen herraus erfolgen und nicht aufgrund von Mönchsvorschriften. Beim Thema Bekreuzigen (ich weiss jetzt nicht, ob du den Gottesdienstlichen Teil meinst, oder zu Hause (vor dem Essen etc) handhabe ich dies bisher so, dass ich selbstverständlich mich bei der trinitären Ausrufung Gottes bekreuzige und bei allen Segnungen, Verehrungen etc. Manchmal tue ich es auch einfach so, ohne einen für andere Gottesdienstteilnehmer ersichtlichen Grund - die anderen Geschwister machen das auch so. Einfach aus Bedürfnis oder Freude. Glaube nicht, dass ich, oder andere damit gegen den Hl. Kanon verstosse. Eine Regelung nach dem Motto: "Was zuviel, was zu wening" halte ich für etwas unsinnig.
Dir einen schönen Tag und liebe Grüsse nach Stuttgard
Sebastian
Verfasst: 12.10.2006, 14:55
von Sebastian
Ehre sei Dir oh Herr hat geschrieben:Hallo Sebastian,
nun, das engelgleiche Leben das ich meinte, bedeutet ja die Bedürfnislosigkeit.
Hallo lieber René,
ich habe dein Beitrag schon ganz gut verstanden. Ausnahmsweise bezog sich mein Beitrag nicht auf deinen.

Hätte bei deinem ersten Beitrag etwas aufmerksamer gelesen, hätte ich mich anders ausgedrückt - damit es nicht missverständlich wird.
Lieben Gruss
Sebastian
Verfasst: 12.10.2006, 15:05
von Ehre sei Dir oh Herr
ach, null Problemo.
Mach Dir keine Sorgen

manchmal stehe ich auch etwas auf der Leitung... und denke dass ich mich nicht klar genug ausdrücke...
Das Thema Kloster und Mönch usw ist ja auch sehr interessant. Da könnte man soviel schreiben...
Noch interessanter ist aber die Praxis, vielleicht könnte uns ja ein Mönch oder eine Mönchin einige seiner/ihrer Ansichten schreiben, wie er/sie das sieht...
Vielleicht hat ja Vater Chrysostomos einmal Zeit und Lust, würde mich sehr freuen
herzlichst René
Verfasst: 12.10.2006, 22:07
von protopeter
Liebe Brüder in Christus !
Ohne Zweifel findet sich ein wesentlicher Aspekt des orthodoxen geistlichen Lebens in der Tatsache, daß alle Glieder der Kirche zum Zeugnis für Christus berufen sind; von dieser Grundwahrheit ausgehend erscheint es angebracht, die Aufgaben des Mönchseins und des Asketentums zu betrachten: Alle, die sich dem (wie schon gesagt wurde) "engelgleichen Stand" widmen, sind - unter dem Versuch der Überwindung des Lebens in und mit der Welt - zwar im vollen Umfange auf das Ziel der "Vollkommenheitswerdung in Gott" orientiert, sollten dabei aber niemals den Bezug zu den Menschen, die sich "außerhalb" ihres Lebensbereiches finden, verlieren.
Aus zahlreichen Beispielen - hier ist vor allem die "Funktion" der Starzen zu nennen - erweist sich, daß aus dieser ihrer asketischen Lebensweise dann auch die spirituelle Kraft zur beratenden Hinwendung für jene, die in der Welt leben, erwachsen kann; in diesem Sinne bleibt also sehr wohl eine organische Verbindung bestehen, die entweder in direkter geistlicher Unterweisung oder in Gebetsgemeinschaft ihren Ausdruck findet.
Was nun die Unterweisungen der unterschiedlichen Geistlichen Väter - beginnend bei den Altvätern der Nitrischen Wüste über die Lehrer und Erneuerer der hesychastischen Tradition und die Starzen Rußlands bis hin zu den Asketenpersönlichkeiten unserer Tage (wie beispielsweise die Archimandriten Philotheos Zervakos oder Cleopa Ilie) anbelangt, so ist hier überall ein klares Bewußtsein für das notwendige Zeugnis des Christen in seiner alltäglichen Existenz zu erkennen - die Aufgabe des Mönchtums ist hier, Fürbitter und geistlicher Begleiter zu sein; auf diese Weise durchdringen spirituelle und pastorale Dimensionen einander.
In jedem Falle erweist sich durch die gemäße Wahrnehmung des Mönchsstandes als unverzichtbares Element unseres kirchlichen Lebensvollzuges zum wiederholten Male die orthodoxe All-Einheit, die eben keine isolierende Trennung zuläßt, sondern den verschiedenen Ausdrucksformen geistlichen Daseins innerhalb der Kirche ausdrücklich Raum gibt.
Mit besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Verfasst: 13.10.2006, 14:32
von Ehre sei Dir oh Herr
Lieber Vater, bitte segnen Sie!
ich kann mich dem voll anschließen.
Wirklich Heilige Menschen (ich meine jetzt speziell die Starzen), betrachten sich selbst als die größten Sünder...
herzlichst René