Lieber Erzpriester Peter!
Segnen Sie!
protopeter hat geschrieben:
Es ist sehr löblich, daß Sie - wie Sie sagen - "Gott aus der Gewaltspirale herauslassen" möchten; diese Absichten verfolgten vorgeblich auch sogenannte "ökumenische Gebetsinitiativen" , die 1999 "Nachtwachen für die Opfer (=Albaner) im Kosovo" organisierten - und mit größtem Unverständnis oder sogar ablehnend reagierten, wenn sie darauf verwiesen wurden, daß zur selben Zeit in Serbien und Montenegro (mit internationalem "Segen") Bomben fielen, wobei zahlreiche unschuldige Zivilisten getötet wurden (die aber eben serbischer Herkunft waren....) !
Wie Sie zurecht sagen, kamen bei den Angriffen der NATO (vor allem nachdem das Kriegsgebiet auf ganz Serbien ausgeweitet wurde) viele Zivilisten ums Leben. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass ich persönlich an einer ev. Friedenskundgebung im Jahre 1999 teilnahm, die sich mit einem großen Schwerpunkt gegen die NATO Angriffe auf Serbien richtete. Dies nur am Rande, da ich eine andere Wahrnehmung der Proteste erfuhr.
Die Medien -und das möchte ich bei Ihrem Schreiben einmal deutlich unterstreichen- glänzten in dieser Zeit vor allem durch Objektivlosigkeit. Ich sah jeden Kriegstag irgendwelche NATO Generäle/Sprecher, die mir versuchten, anhand von Bildschirmpräsentationen, die Genauigkeit der NATO-Waffen zu verdeutlichen. Als dann nach und nach, die "Patzer" (schreckliches Wort für Aktionen bei denen Menschenleben gelöscht wurden) dieser Militäraktionen ans Licht kamen, wurde es etwas stiller, aber bei weitem nicht kritischer. Im Fernsehen sah man fast nur noch einen. Milosovic. Man bekam beinahe das Gefühl, als liefen in Serbien nur kleine Milosovices und Schergen durch die Gegend. Helden waren für mich die Frauen und Männer die sich Nacht für Nacht auf die Brücken in Novi Sad und Belgrad stellten und auf ihren T-Shirts die Bezeichnung "Target" hatten. Sie taten niemanden etwas und protestierten still. Wahr ist aber leider auch, dass viele paramilitäre Einheiten (z.B. Die "Weißen Tiger" - bekannt aus Bosnien) dieses Menschen names Milosovic (wobei es richtig ist dies nicht zu sehr alleine auf die Person Milosovic zu fokusieren)Leid über die Bevölkerung brachten, welches eben in keinster mit dem christlich - orthodoxen Glauben in Verbindung gebracht werden sollte -
Das war Intention meines -zugegebenermaßen zu kurz geratenem- oben stehenden Beitrag
Ich erinnere mich in jenen Jahren - 1999 oder 2000 - auch eines Vortrages, den auf Einladung römisch-katholischer Kreise ein sogenannter "Experte" des ÖRK zum Thema "Christentum in Südosteuropa" mit Schwerpunkt auf der Orthodoxen Kirche hielt. Dabei fiel unter anderem eine Bemerkung bezüglich "kultureller Unterschiede" zwischen dem abendländischen Christentum und der Orthodoxie, die letztlich darauf hinauslief, daß die Orthodoxe Kirche in gewisser Weise in "primitiven Ideenwelten" verharren würde, da an ihr weitere geistesgeschichtliche Entwicklungen wie Humanismus und Aufklärung im Großen und Ganzen ohne tiefere Auswirkung vorübergegangen wären !
Nun, dem Experten hätte ich nach dem Vortrag geraten sich bezl. seiner Wortwahl bewusst zu werden, was er da von sich selbst offenbart. Die OK defacto als primitiv darzustellen zeugt von der eigenen Primitivität sich a) auszudrücken und b) den (angeblich gewollten) innerchristlichen Dialog voranzubringen.
Der Vortragende fühlte sich sodann bemüßigt, aufgrund des seiner Ansicht nach "offensichtlichen Mangels an kultureller Entwicklung" die Orthodoxe Kirche zu einem wesentlichen Teil mitverantwortlich für die Ereignisse zwischen 1991 und 1999 zu machen, da sie es ja gewesen sei, die in einem "Anfall von nationalreligiöser Hysterie" die Pläne der seinerzeitigen Machthaber vorgeblich mitunterstützt hätte ! Ich erinnere mich auch, daß die Zuhörerschaft (darunter auch Professoren zweier theologischer Fakultäten) dies alles im Wesentlichen wohlwollend-unkommentiert hinnahm.
Ob sie dies wohlwollend hinnahmen? Jedenfalls sind die Herrn Professoren nicht aufgesprungen und haben Protest geschrien, bei dem Bockmist, welcher ihnen zu Ohren drang.
Lassen Sie mich kurz mit einem persönlichen "Erzählung" abschließen:
Ich war lange Zeit in einer Kindertagesstätte tätig. Dort hatte ich die Freude mich mit einer albanischen Kosovarin (einer Mutter) anzufreunden. Ihre ganze Familie musste aus dem Kosovo fliehen. Paramilitärs brannten ihr Haus nieder. Auf der Flucht begegnete ihre Familie (Sie und ihr Sohn Ali waren zum Glück schon in Mazedonien) einem serbischen Truppenkonvoi. Ein Mitte 30 Jahre alter Berufssoldat kam der Großmutter+Vater, Schwester und dem Onkel und Cousin von Ali entgegen. Der Soldat lächelte sie freundlich an und versuchte zu beruhigen. Er erklärte ihnen, dass sie die Strasse nicht weiter fahren könnten, da die Schergen alle Strassen nach Prizren blockiert hätten und jeden kampffähigen Mann und Frau festnahmen. Hilflos fragten sie nach einem Ausweg. Der Soldat sah nur einen Ausweg. Er entfernte die Tarpulinmatte von seinem LKW und lud die gesamte Familie rein. Eingefercht zwischen serbischen Soldaten und so unauffällig wie es nur ging, fuhren diese an den Kontrollposten der Paramilitärs vorbei bis kurz vor die mazedonische Grenze, über die sie weiterflüchteten und letztendlich nach Deutschland kamen. Im Jahre 2004 besuchte meine Freundin nach langer Suche den serbischen Offizier, der ihrer Familie so viel Gutes tat. Glücklich kehrte sie von der Reise, die sie bis nach Novi Sad führte zurück. 2005 bekam ich die "Info", dass sie aus Deutschland abgeschoben wurde.