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Kleine orthodoxe Festkunde

Verfasst: 25.08.2006, 14:30
von protopeter
Liebe interessierte Forumsteilnehmer !

Wie schon angekündigt, möchte ich versuchen, Grundsätzliches zu Inhalt und Theologie der Feste der Orthodoxen Kirche darzustellen; dazu sei nun zuerst einmal auf bestimmte Wahrnehmungen und Voraussetzungen hingewiesen:

Das kirchliche Leben ist in seiner Gesamtheit christologisch und eschatologisch orientiert - das Erlösungsmysterium des Gottmenschen Jesus Christus übersteigt jegliche faßbare Kategorisierung zeitlicher wie auch räumlicher Ausprägung; in diesem Zusammenhang erhält der Begriff des Ewigen seine Bedeutung. Die gesamte Schöpfung ist in dieses Mysterium integriert: Ihre Erneuerung in Christus schließt zugleich die Erwartung der Parousie - der Wiederkunft Unseres Herrn - mit ein.

Davon ausgehend sind zunächst einmal die mit Seiner Person verknüpften und durch das Zeugnis der Heiligen Schrift bekundeten Heilsereignisse - von der Verkündigung an die Gottesgebärerin bis zur Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Urgemeinde - klare Ausprägungen der (wie die Heiligen Väter sie nennen) gottmenschlichen Synergie. In diese Synergie (durch die spezifische Würde der Gotteskindschaft) eingebunden erfährt der orthodoxe Christ die Offenbarung der unmittelbaren Heilszuwendung; die kirchlichen Feste sind dafür ein besonders einprägsamer Ausdruck.

Deutlich wird dies unter anderem durch die Zusammenführung von Zeitgebundenheit und Ewigkeit: Gleichwohl der Kirchenkalender in genauer (traditionell begründeter, sich wiederholender) Abfolge die einzelnen Feste benennt, deuten diese ihrer Bedeutung nach eben auf höhere, nicht nach menschlich-begrenztem Kalkül bemessenen Realitäten hin. Gerade jedoch in diesen scheinbaren Widersprüchen wird die umfassende Bedeutung des Erlösungsmysteriums faßbar: So ist in den gottesdienstlichen Texten oftmals das Wort "heute" zu finden - z. B. im Kontakion des Weihnachtsfestes: "Heute gebiert die Jungfrau Den, der über allem Sein ist..."; da gibt es nichts Vergangenes, nichts Gewesenes - die Kirche lebt im Hier und Jetzt aus der zeitlosen Dynamik des Heilsgeschehens.

Somit werden sämtliche Feste - die Hochfeste wie auch die einzelnen Gedenktage der Heiligen - zu einem Abbild göttlicher Ewigkeit; diese Wahrnehmung entspricht ja auch dem orthodoxen Kirchenverständnis, da sich Himmel und Erde einander verbinden und Eins werden im Lob des Dreieinigen Gottes.

In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter

Verfasst: 25.08.2006, 16:40
von Ehre sei Dir oh Herr
Lieber Vater Peter,

ich möchte mich für Ihre Ausführungen herzlich bedanken.

In Christo
René

Verfasst: 05.09.2006, 11:45
von Milo
Ebenfalls Danke!

v. Peter,

könnten Sie uns etwas näher erläutern, was die Gewänderfarben der Priesterschaft, sowie Altarsüberzüge, in Bezug zu dem (vorstehendem) Fest /Ereigniss, für eine Symbolik haben? Vielleicht gibt es auch dazu eine eshatologische Relation/ Perspektive?

Eueren Segen erbittender,

unwissender milo

Verfasst: 05.09.2006, 14:37
von protopeter
Lieber Br. Milo !

Im Gegensatz zum römischen Katholizismus, der einen genauen Farbenkanon der liturgischen Gewänder wie auch der Altarbedeckung kennt, ist dies in der orthodoxen Tradition weitaus weniger ausgeprägt; im Prinzip vermag man eigentlich nur in hellere oder dunklere Farbtöne zu unterscheiden. Demgegenüber ist allerdings Schwarz (gleichsam als "Nicht-Farbe") als liturgische Farbe prinzipiell unzulässig - gerade auch aus der negativen Symbolik der Lichtferne, die nach patristischen Zeugnissen mit Gottesferne, Sünde und Unterwelt in Beziehung gebracht ist.

Wenn nun beispielsweise zu den Gottesdiensten des Großen Freitags schwarze liturgische Gewänder (wie das auch heute noch leider allzu häufig in der serbischen oder russischen Tradition üblich ist) getragen werden, so kann dies in erster Linie auf abendländischen Einfluß zurückgeführt werden; dies entspricht jedenfalls nicht den in der Orthodoxen Kirche üblichen Gebräuchen.

Darüberhinaus ist jedoch die von Ihnen angesprochene eschatologische Perspektive durchaus gegenwärtig - so etwa in den Farben Weiß oder Gold, die (wie etwa auch in der Ikonographie) das Strahlen des Göttlichen Ungeschaffenen Lichtes symbolisieren; Rot ist einerseits mit den Energien des Heiligen Geistes in Beziehung gebracht, deutet aber auch auf die Berufung zum Martyrium - begriffen als Zeugenschaft für Christus im umfassendsten Sinne - hin; Grün kündet von der Erneuerung der Schöpfung in und durch den Erlöser Jesus Christus, das (ursprünglich allerdings ebenfalls auf abendländischen Urspung zurückzuführende) Blau als Festfarbe für die Gottesgebärerin verweist auf die gottmenschliche Synergie, die der Urgrund unseres Heiles ist.

Möge Ihnen der Herr den Reichtum Seines Segens gewähren !

In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter

Verfasst: 05.09.2006, 21:33
von Sebastian
Ich habe auch noch eine Frage zu den Gewändern, obwohl das schon bald ein eigenes Thema wird. :wink:
Obwohl ja der Bereich "Gottesdienst" (hier "Gewänderkunde") durchaus im Rahmen einer "Festkunde" steht, da wohl ein jeder Gottesdienst ein Fest sein soll.

Oftmals, wenn der Priester zum Segnen durch die Gemeinde geht wird, wenn er gesegnet hat und sich wieder in Richtung Ikonostase bewegt, der Saum seines Gewandes geküsst. Hat dies eine Beziehung zu Luk.8, 43-48, bzw Matthäus 9,22 ?

Liebe Grüsse an alle
Sebastian

Verfasst: 05.09.2006, 23:56
von protopeter
Lieber Sebastian !

Nur keine allzu große Sorge - die weiteren Gesichtspunkte einer orthodoxen Festkunde folgen bald; Sie stellen ja selbst zutreffend fest, daß Gottesdienst (im umfassendsten Wortsinne) der konkreteste Ausdruck christlicher Festesfreude sein soll.

Nun zur Sache: Eine unmittelbare Beziehung zu den genannten Evangeliumsperikopen würde ich beim Küssen der priesterlichen liturgischen Gewänder nicht herstellen- die Evangelisten zeigen nach kirchenväterlicher Interpretation in den genannten Ereignissen die gottmenschliche Dimension von Christi Heilswirken, die Ihn im buchstäblichen Sinne als "Arzt der Leiber und Seelen" bestätigen.

Die durch Küssen bezeugte Verehrung der Gewänder deutet nun eher auf die Hochachtung vor dem priesterlichen Weiheamt, wodurch der Geistliche als Vorsteher der Gemeinde und Vermittler der Göttlichen Mysterien eingesetzt ist, hin. Nach orthodoxem Verständnis werden die Zelebranten durch das Anlegen der gottesdienstlichen Gewänder selbst zu einem Wesenselement des Mysterienvollzuges - dies gilt in besonderem Maße für die Feier der Göttlichen Liturgie.

In der Volksfrömmigkeit wird nun dem Klerus auf die genannte Weise Reverenz erwiesen - wobei (bewußt oder unbewußt) dem Priester damit seine Verantwortung als (wie es der britische Byzantinist Runciman so einprägsam formulierte) "champion of Orthodoxy" vor Augen geführt ist.

Mit den besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter

Verfasst: 06.09.2006, 08:16
von Milo
protopeter hat geschrieben: Wenn nun beispielsweise zu den Gottesdiensten des Großen Freitags schwarze liturgische Gewänder (wie das auch heute noch leider allzu häufig in der serbischen oder russischen Tradition üblich ist) getragen werden, so kann dies in erster Linie auf abendländischen Einfluß zurückgeführt werden; dies entspricht jedenfalls nicht den in der Orthodoxen Kirche üblichen Gebräuchen.
Vielen Dank für die Erläuterung v. Peter.

Der Einfluss, wie von Ihnen o.g., ist mir neu.

Gilt das Gleiche in allen "Todesangelegenheiten" (Begräbnis, Gedenkgottesdient aller Verstorbener-parastos, etc.), dass Schwarze gottesdienstliche Gewänder zu meiden sind?

Herzlichst,

Milo

Verfasst: 06.09.2006, 08:19
von Milo
Sebastian hat geschrieben: Oftmals, wenn der Priester zum Segnen durch die Gemeinde geht wird, wenn er gesegnet hat und sich wieder in Richtung Ikonostase bewegt, der Saum seines Gewandes geküsst. Hat dies eine Beziehung zu Luk.8, 43-48, bzw Matthäus 9,22 ?
Lieber Sebastian,

wo hast du das erlebt? Ich habe bisher es nicht gesehen, das Gläubige Gewänder eines Geistlichen küssen!

Gruß,

Milo

Verfasst: 06.09.2006, 11:14
von protopeter
Lieber Br. Milo !

Der von mir genannte Einfluß ist natürlich in erster Linie auf die Begegnung der Orthodoxen Kirche mit dem römischen Katholizismus (etwa in der Vojvodina oder in der Ukraine) zurückzuführen; es ist bekannt, daß in der Habsburgermonarchie oder im Königreich Polen-Litauen - teilweise mit entsprechenden staatlichen Verordnungen - in vielerlei Hinsicht (z.B. auch in der Ikonenmalerei) Einfluß auf das kirchliche Leben der Orthodoxie genommen wurde.

Die kanonische Farbe für Begräbnisse oder Totengedenken ist ohne Zweifel Weiß als Symbol der Auferstehung und des Lebens: Vom Heiligen Johannes Chrysostomos wird berichtet, daß er sich als er sein physisches Ende kommen spürte, in weiße Gewänder kleiden ließ; in der gegenwärtigen Praxis ist es darüberhinaus auch angebracht, die Farbe Rot zu verwenden.

Was nun das von Br. Sebastian erwähnte Küssen der priesterlichen Gewänder anbelangt, so ist mir dies (z.T. aus eigener Anschauung) von Gemeinden mit arabischen, georgischen oder auch albanischen Gläubigen bekannt; dieser Brauch soll außerdem auch in Rumänien und auf den griechischen Inseln verbreitet sein.

In der Hoffnung, zur Klärung beigetragen zu haben grüßt mit den herzlichsten Segenswünschen
Erzpr. Peter

Verfasst: 06.09.2006, 11:21
von Sebastian
Erzpriester Peter hat geschrieben: Was nun das von Br. Sebastian erwähnte Küssen der priesterlichen Gewänder anbelangt, so ist mir dies (z.T. aus eigener Anschauung) von Gemeinden mit arabischen, georgischen oder auch albanischen Gläubigen bekannt; dieser Brauch soll außerdem auch in Rumänien und auf den griechischen Inseln verbreitet sein.

Hallo lieber Milo,

da hat Erzpr. Peter recht. In Rumänien habe ich dies oft beobachten können.

Grüsse in der Liebe Christi
Sebastian

evtl. Antwort Frage zum Kalender

Verfasst: 15.09.2006, 13:49
von talitaNeu
Es ist bekannt, dass sogar die schweißdurchnäßte Klieder der Aposteln (denke Petrus) heilende Kräfte hatten.

Das Berühren des Gewandes von Priestern, während der symbolischen Kreuzigung (wenn der Kelch getragen wird in der Kirche um die Gläubigen) ist mir auch begegnet. Ich habe mich selber nicht getraut aber ich sehne mich dann auch danach die Gewänder zu berühren. Als ob, man Jesus berührt.
Kennt ihr die Geschichte von Zacharäus(das war doch sein Name oder), der auf einen Baum gestiegen ist, so lauter Blödsinn können wir Menschen für unseren HErr so machen :-) ICh finde es lustig, wenn ich während der Liturgie nicht gut sehen kann, gut dass da kein Baum in der Nähe ist :lol:

Nun eine Frage, warum haben nur die Griechen den Neuen Kalender angenommen? Ich weiß nur bei Ostern da kommen sie zum Alten Kalender zurück, wahrscheinlich wegen dem Heiligen Feuer. Aber die Änderung der Zeiten ist in der Bibel auch negativ konotiert an sich.
- Für mich persönlich ist das Heilige Feuer ausschlaggebend um sich für den Alten Kalender zu entscheiden.

Wegen der neuen Zeiten, es ist bekannt, dass sich Mutter Maria in Medjugorje zum 15 August zeigt Also nach dem Neuen Kalender.

ICh weiß, dass Gott weiß, wann wir Menschen Seiner gedenken und so aber dennoch ist verwirrend alles mit den Kalendern. Bitte Vater Peter vielleicht können Sie was dazusagen. Wie cool, dass wir hier eine verlässliche Wissensquelle haben *g* :oops:
Gruß Aleksandra

Anmerkungen zur Kalenderfrage

Verfasst: 22.09.2006, 00:50
von protopeter
Liebe Aleksandra !

Etwas verspätet meine Antwort: Im Grunde gilt als allgemeine Regel, daß jene Orthodoxen Kirchen, die sich nach dem Julianischen Kalender halten, Feste mit fixem Datum - wie beispielsweise das Weihnachtsfest - derzeit 13 Tage später begehen, d.h statt am 25. Dezember am 7. Januar; der "neue Stil" bezieht sich demgemäß lediglich auf feststehende Termine - der bewegliche Osterfestzyklus wird (mit einer einzigen, weiter unten erwähnten Ausnahme !) generell nach dem Julianischen Kalender begangen.

Den sogenannten "reformierten Julianischen" Kalender führte nicht nur die Kirche Griechenlands ein - dies geschah übrigens nach einer panorthodoxen Versammlung in Konstantinopel 1923, auf der unter anderem Vertreter des griechischen Staates (möglicherweise unter freimaurerischem Einfluß) massiven Druck auf die Kirchenvertreter ausübten; der damalige Ökumenische Patriarch Meletios (Metaxakis) gab zu diesem Vorhaben schließlich seine Zustimmung. So wurde in der Jurisdiktion des Patriarchates von Konstantinopel, der Kirche von Hellas und in der Kirche von Zypern die "Reform" des liturgischen Kalenders durchgeführt - wenig später kamen dieser Änderung auch die Patriarchate von Alexandria und Antiochia nach.

Im Jahre 1932 nahm die Orthodoxe Kirche Rumäniens - auch hier unter Druck der Regierung - den "neuen Stil" an; 1969 folgte die Kirche Bulgariens, der die kommunistischen Machthaber die Kalenderreform (bei Androhung von staatlichen Sanktionen, die fallweise bis zum völligen Verbot kirchlicher Tätigkeit reichen sollten) aufzwangen. In anderen Kirchen ist die Kalenderfrage noch eine Spur verworrener: So hat die Orthodoxe Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei beispielweise verschiedene Regelungen - in Tschechien gilt der "neue Stil", in der Slowakei der unveränderte Julianische Kalender. Die Orthodoxe Kirche Finnlands wurde im Zuge ihrer Autonomieerklärung nach dem Ersten Weltkrieg von staatlicher Seite veranlaßt, überhaupt den Gregorianischen Kalender - für bewegliche wie unbewegliche Feste - anzunehmen; diese Regelung gilt bis auf die Gegenwart !

Die Patriarchate von Jerusalem, Moskau und Serbien, die Kirchen der Ukraine und Weißrußlands blieben indessen der ursprünglichen Kalkulationsweise treu - in absoluten Zahlen ausgedrückt, hält sich die Mehrheit der Weltorthodoxie somit nach dem "alten Stil". In anderen Jurisdiktionen (vor allem Griechenland und Rumänien) bildeten sich sogenannte "altkalendarische" Parallelstrukturen, deren Vertreter mit zum Teil blindwütigem Fanatismus zu Werke gehen und dabei nur allzu oft die "Form" über den "Inhalt" stellen - der Kalender ist dabei zu einem sakrosankten Objekt der Überlieferung stilisiert, den "Neokalendariern" wird jegliche Kirchlichkeit abgesprochen, die "Gültigkeit" ihrer Sakramente angezweifelt oder glattweg verneint; darüberhinaus spalteten sich auch einzelne altkalendarische Gruppierungen untereinander auf, ohne sich in der Folge gegenseitig anzuerkennen !

Wenngleich die genannten Eingriffe in diesen Bereich kirchlicher Tradition nun auch nicht unbedingt den absoluten Maßgaben der Orthodoxie entsprechen, so sollte man dennoch bedenken, daß sie - trotz aller möglichen Dissense - nichts im Wesen des orthodoxen Glaubensgutes, das im Mysterion der Gottmenschlichen Synergie seinen vornehmsten Ausdruck findet, änderten; alle Orthodoxen - seien sie nun "Neokalendarier" oder Befolger des "alten Stils" - sind in der Einen Kirche Christi geschwisterlich vereint.

In der Liebe Christi grüßt herzlich
Erzpr. Peter

Grübel

Verfasst: 22.09.2006, 13:09
von talitaNeu
Danke Vater Peter,
ich wünschte ich könnte sagen, dass ich etwas verstanden habe :oops: :lol:

Also Griechen wurden gezwungen den neuen Kalender anzunehmen ...

Ich würde nie auf den Gedanken kommen zu sagen, weil einige Kirchen den neuenn Kalender angenommen haben seien ihre Sakramente nicht von Gott geheiligt....

Nur man wird schon verstehen, dass ich in der Bibel auf die Änderung der Zeitrechnung als "Vorzeichen" der Endzeit negativ konotiert gefunden habe, oder habe ich das auch misverstanden *grübel* ???

Eine Frage, könnten die orthodoxen Kirchen den nicht eine einheitliche alte Kalenderform wieder annehmen? Müßen sich die orthodoxen Kirchen nicht auch erst in solchen Sachen einigen, bevor sie Gespräche mit Katholiken zur Vereinigung der kiche aufnehmen?

Bei der möglichen Wiedervereinigung von Katholiken und Orthodoxen würde ich auch eher die Alte Kalenderrechnung bevorzügen. Was meint ihr?

Verfasst: 22.09.2006, 14:51
von protopeter
Liebe Aleksandra !

In dem Versuch, Licht in das (eventuell noch vorhandene) Dunkel zu bringen, hier noch weitere Ausführungen zum Thema - ich wollte nicht alles auf einmal massiv in die Diskussion werfen, um niemanden zu überfordern oder mit Informationen zu erschlagen ! :wink:

In Griechenland gab es nach dem Ersten Weltkrieg eine Regierung, die sich in gewisser Hinsicht an den liberalen Ideen Frankreichs (wo schon seit 1905 eine Trennung von Religion und Staat gesetzlich verankert war), orientierte. Es war den Machthabern allerdings bald klar, daß dieses System auf eine orthodoxe Zivilisation nicht vollkommen übertragbar sein konnte - so entschloß sich die Staatsmacht, in gewissen Punkten auf einer "Anpassung an zeitgemäße Gegebenheiten" seitens der Orthodoxen Kirche zu bestehen; am Augenscheinlichsten war dabei die Kalenderfrage.

Über die Rolle, die Patriarch Meletios IV. von Konstantinopel bei all dem spielte, herrscht bis heute weitgehend Unklarheit; Faktum ist jedoch, daß er bald nach dem genannten panorthodoxen Kongreß 1923 zurücktrat - um späterhin zum Patriarchen von Alexandria gewählt zu werden ! Es scheint indessen, daß für diesen Hierarchen diplomatisches Handeln vor der Bewahrung einer einheitlichen orthodoxen Handlungsweise Priorität besaß.

Was nun die Kalenderfrage im Zusammenhang mit ökumenischen Aktivitäten der Orthodoxen Kirche anbelangt - konkret auf eine "Wiedervereinigung" mit dem römischen Katholizismus (ich würde allerdings eher sagen: "Wenn der römische Katholizismus wieder zur Orthodoxen Kirche zurückkehren sollte") bezogen - so ist es vollkommen klar, daß in jedem Falle das orthodoxe Paschalion (Osterberechnung) anzunehmen ist.

Sowohl der römische Katholizismus als auch die protestantischen Denominationen feiern das Osterfest nicht nach gesamten im Konzil von Nikaia 325 allgemein verbindlich festgelegten Maßgaben: 1. am Sonntag, 2. am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond und 3. nach dem jüdischen Pessachfest. Die nichtorthodoxen abendländischen Bekenntnisse orientieren sich zwar gleichfalls nach Punkt 1 und 2, unterlassen jedoch die Ausrichtung nach Pessach - so fällt der nichtorthodoxe Ostertermin gelegentlich direkt mit dem jüdischen Fest zusammen, zuweilen liegt er vorher, manchmal nachher.

Wohl wurde die Frage der Rücknahme der Kalenderreform immer wieder ins Gespräch gebracht, doch ist die Bedeutung dieses Fragenkomplexes für die Gesamtorthodoxie heute von eher untergeordneter Bedeutung - wobei man allerdings die partielle Wirkung der sogenannten "Altkalendarier", die sich in Griechenland unter anderem "Wahre Orthodoxe Christen" nennen und dort durchaus auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht Einfluß zu nehmen versuchen, nicht unterschätzen sollte. Eine wirkliche Kuriosität in diesem Kontext ist beispielsweise die (erst seit einigen wenigen Jahren aktive) altkalendarische Bewegung in Serbien (wo es allerdings niemals eine Kalenderreform gab !), die sich hauptsächlich darin gefällt, Hierarchen und Theologen - unter ihnen auch Patriarch Pavle - angeblicher "Irrlehren" oder der "Apostasie vom wahren Glauben" zu bezichtigen und alleine für sich den Besitz der absoluten Wahrheit reklamiert.

Mit besten Segenswünschen und brüderlichen Grüßen,
Erzpr. Peter

Re: Grübel

Verfasst: 22.09.2006, 14:52
von Walter
talitaNeu hat geschrieben:Bei der möglichen Wiedervereinigung von Katholiken und Orthodoxen würde ich auch eher die Alte Kalenderrechnung bevorzügen. Was meint ihr?
Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass der julianische Kalender noch einmal irgendwo eingeführt wird. Als die Kirche sich auf ein gemeinsames Osterfest und einen einheitlichen Kalender einigte, war einfach der heidnische julianische Kalender im Reich gültig, deshab hat man ihn übernommen.

Heute weiß man, dass dieser vorchristliche Kalender sehr ungenau ist, deshalb wird er in keinem Staat der Weltgemeinschaft mehr benutzt. Auch im Moskauer Patriarchat wird übrigens teilweise schon der "neue" Kalender benutzt. Man wird sich sicher irgendwann auf den gregorianischen Kalender einigen (und ihn höchstens der Orthodoxen Kirche zuliebe umbenennen).

Wichtig ist, dass irgendwann alle Christen weltweit wieder gemeinsam Ostern, Pfingsten und Weihnachten feinern dürfen, deshalb würde ich mich freuen, wenn die Gesamtorthodoxie möglichst bald dem Beispiel Finnlands folgen würde. Alles andere ist unrealistisch.