Lieber Milo,
danke für die interessante Frage.
Milo hat geschrieben:Wie würdest du folgende dogmatische Verfehlungen, bzw. Häresien der RKK aufarbeiten wollen damit wir tatsächlich die eine apostolisch katholische und vor allem heilige Kirche sind?
Mit dem Vorwurf von "dogmatische Verfehlungen, bzw. Häresien" sollte man, wenn es um Einheit geht, erst einmal sehr vorsichtig sein, weil der ja einen Ausschluss begründet. Ich nenne Deine Punkte deshalb zunächst einmal "Differenzen".
Diese Differenzen dürfen nicht als Hinderungsgrund für eine Kircheneinheit hervorgebracht werden, wenn sie zum einen auch innerkirchlich bestehen:
Innerorthodox: 12, 13
Innerkatholisch: 4, 5, 6, 9, 10, 11
Zum anderen können die Differenzen nicht als Häresie bezeichnet werden, welche vor der Trennung 1054 einvernehmlich geduldet wurden: (1), (2), 4, 5, 6, (7), 9, 10, 11
Als auf jeden Fall nicht akzeptabel bleiben so nur die Punkte 3 und 8, also die Dogmen des ersten Vaticanums. Hier sind sich übrigens Orthodoxe, Lutheraner, Anglikaner, eigentlich alle im Weltkirchenrat vertretenen Kirchen, sogar die Altkatholiken einig. Wie Rom das allerdings "aufarbeiten" könnte, da bin ich überfragt.
Zu den eingeklammerten Punkten:
2-Primat des Papstes
Das ist der Dreh- und Angelpunkt!
Benedikt XVI. hat geschrieben:Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern, als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde. Wenn Patriarch Athenagoras am 25. Juli 1967 beim Besuch des Papstes im Phanar diesen als Nachfolger Petri, als den ersten an Ehre unter uns, den Vorsitzer der Liebe, benannte, findet sich im Mund dieses großen Kirchenführers der wesentliche Gehalt der Primatsaussagen des ersten Jahrtausends und mehr muss Rom nicht verlangen.
Wenn Rom wirklich einmal die Primatslehre darauf beschränken wird, fällt natürlich auch die Unfehlbarkeitslehre und der Anspruch, Gesamtkirche zu sein. Das würde auch den nach 1054 verkündeten Dogmen die gesamtkirchliche Gültigkeit nehmen, die darin enthaltenen Lehrsätze müssen jedoch nicht automatisch als falsch angesehen werden.
Auch könnte ein wie im ersten Jahrtausend anerkannter Primat Roms auch die momentanen Querelen innerhalb der Orthodoxie, die durch nationale Zersplitterungen entstanden sind, bereinigen. Eine innerorthodoxe Lösung sehe ich da besonders durch den (wie Du sagst: unchristlichen) Machtanspruch Moskaus nicht.
1-Filioque
Der unerlaubte Zusatz des
Filioque war natürlich unerlaubt, nicht aber aber die dahinter steckende Zwei-Naturen-Lehre Christ. Dass die katholische Kirche jedoch auch kein Problem damit hat, das
Filioque wegzulassen, sieht man wie schon gesagt schon in der Erklärung
Dominus Iesus. Das
Filioque wurde für die menschgewollte Spaltung geschaffen und könnte genauso für die gottgewollte Einigung wieder verschwinden.
7-Purgatorium
Das gibt es zwar in der Ostkirche nicht, ist m.E. aber auch nicht ausgeschlossen. Wenn man es in der Westkirche nicht verbinden würde mit dem päpstlichen
Ablass für "zeitliche Sündenstrafen", käme es der orthodoxen Vorstellung des "Zwischenzustandes" sehr nah. Die Ablässe würden aber zusammen mit Punkt 2 fallen.
Ausgeschlossen kann eine solche Vorstellung auch nicht aufgrund der sieben ökumenischen Konzilen, des dort wurde die wahre Lehre ja nicht definiert (das ginge auch gar nicht), sondern nur gegen Häresien abgegrenzt.
4-Verwendung des ungesäuerten Brotes zur Eucharistiefeier
ist innerhalb der katholischen Kirche auch nur für die römische Messorder vorgeschrieben, aber bereits im ersten Jahrtausend.
5-Segnungsmoment des Gaben (Lehre)
ist wie oben ritusabhängig.
6-Kommunion der Gläubigen nur in Form Brotes
ist wie oben ritusabhängig.
9-Zwangszöllibat
gab es schon im ersten Jahrtausend; das kann (auch heute schon) jede Teilkirche selbst bestimmen.
10-Trennung von Taufe und Salbung
wie 9.
11-Salbung als nur ausschließlich das Recht der Bischöfe
Das gibt es nicht einmal (mehr?) in der katholischen Kirche.
Zu den Kalenderfragen:
Da geht es ja nicht im Glaubensinhalte, sondern wie weit man sich an die Konzilsbeschlüsse halten muss.
12-Eigenhändiges Wechseln des Kirchenkalenders
Das ist allein schon ein Problem, das innerorthodox gelöst werden muss. Der julianische Kalender wurde nie als gottgegeben angesehen, sondern war der weltliche Kalender, der damals in der römisch-byzantinischen Reichskirche von Staatswegen galt. Das ist heute aber der gregorianische. Der "Mischkalender" ist z.B. wegen des zeitweisen Wegfallens des Apostelfastens auf Dauer die schlechteste Lösung für die orthodoxe Kirche.
13-Osterfeiertag wird nicht so bestimmt wie es die großen Konzilien vorgeben
Das kann und müsste ein neues "großes" Konzil einfach neu regeln. Dazu gibt es ja auch schon Ansätze, z.B. den astronomisch exakten jerusalemer Frühlingsanfang als Bezug zu nehmen.
Dazu hätte ich selbst auch eine Frage, die mir noch kein Priester beantworten konnte: Ich die orthodoxe Zusatzregel, beim Zusammenfallen des Osterdatums mit dem jüdischen Pascha das Osterfest um eine Woche zu verschieben, auch Konzilsbeschluss? Wenn ja, wo steht das?
Ein zusätzlicher Streitpunkt ist die Anwendung von Akribie und Ökonomie
Das gibt es ja in der katholischen Kirche so nicht, und hat Auswirkungen auf z.B.
Wiederverheiratung trotz Unauflöslichkeit der Ehe.
Im Falle einer Sakramentsgemeinschaft müsste die katholische Kirche die orthodoxe Praxis übernehmen, zumindest das orthodoxe Sakrament für (staatlich) Geschiedene anerkennen.
Milo hat geschrieben:Würdest du nach heutigem Stand ein gemeinsames Zelebrieren des Gottesdienstes der RKK und OK befürworten?
Das ist natürlich nicht (oder nur in Notfällen) zu akzeptieren. Dazu ist ja auch nicht nur um eine Einigkeit in dogmatischen Fragen notwendig, sondern auch in der Hierarchie. Und die ist ja momentan leider nicht einmal innerorthodox vorhanden. Gerade die serbische Kirche kann da ja ein Lied von singen.
LG
Walter