Austausch über die Kopten, Altkalendarier, Altgläubige, usw.

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Sebastian
Beiträge: 956
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Beitrag von Sebastian »

Lieber Hans Peter!

Ich möchte dir für deinen Beitrag danken, denn dass was du ansprichst kenne ich gut. Unsere Gemeinde besteht aus: Rum - Orthodoxen, Deutschen, Rumänen, Georgiern, Russen einigen Griechen und Polen. Um den Unklarheiten betreffend des Kalenders (Rumänen, Griechen, Polen [ich glaube die Rum -Orthodoxen auch]= NK; Russen, Georgiern = AK und der Gruppe, die nicht einordbar ist = Deutsche :lol:) Einhalt zu gebieten wurde beschlossen, dass die ganze Gemeinde nach altem Kalender feiert, auch wenn das moskauer Patriarchart es gestattete, dass ihre Gemeinden im Westen nach neuem Kalender feiern können.

Ein Kritikpunkt habe ich dennoch:
Aus meinen Darstellungen dürfte erkennbar sein, dass ich als "Neukalendarier" nicht wirklich glücklich bin - aber eins weiß ich definitiv: deshalb eine andere Gemeinde/Ortskirche/Konfession zu suchen, dürfte im Hinblick auf die geistigen Tugenden und das Ziel meines Christseins der schlechte Weg sein.
Gut, über Konfessionswechsel denke ich brauchen wir nicht zu diskutieren, wenn aber der innere Frieden so sehr unter dem NK leidet, dann frage ich im Ernst warum man sich nicht dem Teil der einen Kirche unterordnet, der nach Altem Kalender feiert? Doch genau dies wollen die Schismatiker nicht, sie wollen ihre eigenen, engstirnigen Vorstellungen durchsetzten (!) und nehmen dabei auch eine Spatung in Kauf. Was für eine Blamage vorm Herrn!

Damit möchte ich dich auf keinen Fall persönlich angreifen, aber ich frage mich, wenn wir schon von christlichen Tugenden sprechen, was christlicher ist: Sich zu beuegen (indem man sich, wie oben beschrieben dem Teil der einen Kirche unterordnet, der nach alten kalender feiert), oder den allheiligen Leib zu zerreissen, da die eigene Vorstellung sowieso immer die beste und wahrste ist?

In Christo
St.
Ehre sei Dir oh Herr

Beitrag von Ehre sei Dir oh Herr »

Lieber milo,

nun möchte ich zumindest einige wenige Zeilen antworten.
administrator hat geschrieben: bei der Debatte um die "Altkalendarier" müssen wir zwei Dinge entkoppeln:
1. den Kalender nach dem julianischen Stil
2. die Gruppierungen welche Diesen verwenden


Dabei, wie richtig schon gesagt wurde, fällt ja zB. Ostertermin unter anderes "Maasband" - Dieses setzt sich zusammen aus Kirchenkalender, Vollmondphase und jüdischies Pashafest. An dem gemessen entscheidet man in der OK des Osterfest. Nicht also allein durch den Kirchen(weltlichen)kalender. Dieser veränderte Parameter allein reicht nicht aus damit Du zum ENtschluss kommen kannst das die jenigen welche den Kalender "berichtigen" Häresie und Verrat an den Kirchenvätern begehen.
Wie schon erwähnt, die Apostel trafen sich mit ihren unterschiedlichen Standpunkten zu einem Konzil zusammen und legten ein Prinzip fest, welches die Kirche leiten sollte. Es wurden Regeln verkündet und Kanones erstellt, die das Siegel des heiligen Geistes trugen.
Da wir Orthodoxe in der Apostolischen Sukzession stehen, sind für uns doch die Beschlüsse der Apostel bindend, oder nicht?
Die zitierten Stellen muss ich nicht wiederholen, denke ich (nächste Woche mehr dazu).
Warum sollte ich auch 1700 Jahre kirchlicher Praxis gegen ein paar jahre NK vertauschen? Weil es die Zeit so will, oder weil ich wieder etwas der apostolischen Lehre verändern will, wie schon unsere ev. und r.kath. Brüder dies zur Genüge taten?
Schon der Apostel Paulus schrieb: "Nun wohl, Brüder, stehet fest und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr mündlich oder brieflich von uns empfangen habt."
Ich sage Dir auch warum...denn die heilige Orthodoxe Kirche ist nicht verbarikadiert hinter die buchstäbliche Deutung der Heiligen Schrift und lehnt alles was offenbar und belegbar in der Wissenschaft wird, ab!
Wie schonn oben stehendes Zitat belegt, sind wir aber den Traditionen verpflichtet.
Die Änderung des Kalenders ist eindeutig ein Abweichen davon!
Der julianische Kalender wird heute in der einen Orthodoxn Kirche von folgenden autokephalen (autonomen) Kirchen angewandt:
Patriarchate von Jerusalem, Russland, Serbien,Georgien und auf dem Berg Athos.
Die anderen autonomen KIrchen haben nach und nach den Neuen (nicht den gregorianischen Kalender!) angenommen.
Berichtige mich bitte, falls ich mich irre, aber schon der ROK gehören mehr als die Hälfte aller Orthodoxen Christen an...
Der Ungehorsam innerhalb einer autonomen Kirche gegen über des Synode als ihrer höchsen Instanz führt zu eigenwilligen Wegen und somit zur Abspaltung (Shisma). Ist das nicht schlimm?!
Statt Geschlossenheit und eines Herzens, nun Hass und Abstempelei wegen dem Kalender, dem alten ungenauen Maasband: Verräter, wir sind die wahren Orthodoxen!... Wiedertauferei, usw.
Ist das die Frucht des Heiligen Geistes?
Nur diese Gruppierungen werden als "Altkalendarier" genannt, da sie nicht der Orthodoxen Kirche zugehörig sindd
Ist das ein Grund respektlos zu sein? Ich zumindest habe es hier so gelesen und empfunden. Über die Form habe ich ja schon etwas gesagt.
Sollte ich etwas überlesen haben, bitte ich um Berichtigung und werde mich dann in aller demut selbstverständlich entschuldigen, aber, hat irgendjemand V.Theodor willkommen geheißen? Wie sah dieses aus? Lest die Antworten selbst nach. Ist das nicht schlimm? Unter uns Orthodoxen?
Oben stehende Sprüche sind bestimmt nicht hilfreich, eine Einigung über bestimmte Themen bzw eine Wiedervereinigung, wie sie bei der Russischen OK geschieht, voran zu bringen.
Er, ich kann das sagen, hilft den Mitbrüdern ohne nach dem Kalender zu fragen, hilft auch anderen Priestern... unabhängig davon. So habe ich es von verschiedenen Seiten gehört und selbst erfahren. Das ist Orthodoxe Praxis!

Mehr will ich dazu nicht äußern...

L.G. René
protopeter
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Beitrag von protopeter »

Lieber René !

Gestatten Sie mir bitte ein offenes Wort - ich hoffe, Sie werden es mir nicht übelnehmen: Beim Lesen diverser Ihrer Beiträge kann ich mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß Sie unbedingt zur Gleichsetzung "alt" = "der Tradition entsprechend" (und damit letztendlich "gut") tendieren - egal, welche zusätzlichen Beschwernisse für die Aufrechterhaltung der Rechtgläubigkeit (siehe die laufende Diskussion !) sich daraus auch ergeben mögen.

Ohne Frage ist die Berufung auf unveränderliche Werte der Überlieferung gleichsam existentiell bestimmend für unsere Kirche, doch sollte man auch nicht vergessen, daß sie - über die Jahrhunderte hinweg - durch die Dynamik des Heiligen Geistes, des Geistes der Wahrheit geleitet wird; aufgrund dieser Dynamik war es den Heiligen Vätern möglich, die rechtgläubige Lehre zu formulieren, erlangten sie wahrhaft gottinspirierte Erkenntnisse, die in zeitüberschreitenden Dimensionen Geltung haben.

In der Heiligen Überlieferung ist nichts Statisches, nichts "Museales"; nach den Worten des großen russischen Theologen Vladimir Losskij, der zweifellos als ein den ewigen Glaubenswerten eng Verpflichteter gesehen werden muß, ist "die Tradition der kritische Geist der Kirche". Mit anderen Worten: Der Gesamtinhalt der Tradition ist den offenbarten Wahrheiten der Schrift absolut verpflichtet, substituiert sie aber nicht - gerade weil die Gefahr besteht, daß gewissen Interpretationen der Geist menschlicher Fehlbarkeit zugrunde liegen kann!

Ich habe darüberhinaus zum Traditionsbegriff einen eigenen Thread eröffnet - vielleicht wäre es passender, an dieser Stelle eingehender über damit verbundene Fragen zu diskutieren.

In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter
Ehre sei Dir oh Herr

Beitrag von Ehre sei Dir oh Herr »

Lieber Vater Peter,

aber keineswegs nehme ich dies übel.
Jeder gewinnt einen Eindruck von dem Gelesenen und jeder nimmt es für sich auf, das geht Ihnen ebenso wie mir.
In der Tat bemühe ich mich, mich an die Wurzeln zu halten, an die Hl.Schrift, die Hl.Überlieferung, und natürlich die Beschlüsse der Hl.Apostel.
Daraus, soweit mir zugänglich und soweit ich dies erfassen kann, bilde ich mir meine Meinung zu vielen Themen, also auch praktisch.
Es ist ganz sicher auch so, dass meine Meinung nicht unbedingt richtig sein muss, aber die von mir beschriebenen Punkte sind für mich zumindest eindeutig. Es gibt sicher auch genug Beispiele, wo man sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, die Liturgie zum Beispiel.

Nun, ich habe nicht Theologie studieren dürfen, wie Sie lieber Vater Peter, aber abgesehen von den schon angesprochenen Begründungen zeigt der Hinweis auf das Hl.Feuer und die Verstümmelung des Apostelfastens, dass doch auch praktisch gewichtige Gründe gegen Kalenderänderung sprechen.
Es ist zumindest meine persönliche Folgerung. Das gibt allerdings auch mir kein recht, jemanden deswegen als nicht Orthodox zu bezeichnen.
Dann würde ich über andere richten und mich Jak. 4,11-12 entgegenstellen. Ich darf nicht richten. Sollten Sie den Eindruck gehabt haben, dann muss ich mich dafür entschuldigen! Dies aber auch sehr gerne, denn es war nicht mein Anliegen.

Ich nehme aber auch gerne praktische Vorschläge an, wie die Empfehlung des NT von F.Stier, dafür herzlichen Dank. Ich habe mir dieses zugelegt und auch schon darin gelesen. Mein persönlicher Eindruck ist erstmal positiv.

Den von Ihnen eröffneten Thread werde ich verfolgen, um auch davon zu lernen. Vielen Dank dafür.

herzl. Grüße
René
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theofan
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Beitrag von theofan »

Sebastian hat geschrieben: Ein Kritikpunkt habe ich dennoch:
Aus meinen Darstellungen dürfte erkennbar sein, dass ich als "Neukalendarier" nicht wirklich glücklich bin - aber eins weiß ich definitiv: deshalb eine andere Gemeinde/Ortskirche/Konfession zu suchen, dürfte im Hinblick auf die geistigen Tugenden und das Ziel meines Christseins der schlechte Weg sein.
Gut, über Konfessionswechsel denke ich brauchen wir nicht zu diskutieren, wenn aber der innere Frieden so sehr unter dem NK leidet, dann frage ich im Ernst warum man sich nicht dem Teil der einen Kirche unterordnet, der nach Altem Kalender feiert? Doch genau dies wollen die Schismatiker nicht, sie wollen ihre eigenen, engstirnigen Vorstellungen durchsetzten (!) und nehmen dabei auch eine Spaltung in Kauf. Was für eine Blamage vorm Herrn!

Damit möchte ich dich auf keinen Fall persönlich angreifen, aber ich frage mich, wenn wir schon von christlichen Tugenden sprechen, was christlicher ist: Sich zu beugen (indem man sich, wie oben beschrieben dem Teil der einen Kirche unterordnet, der nach alten kalender feiert), oder den allheiligen Leib zu zerreissen, da die eigene Vorstellung sowieso immer die beste und wahrste ist?

In Christo
St.
Lieber Sebastian,

ich habe mich möglicherweise nicht deutlich ausgedrückt:
Natürlich ist es schön, wenn die Gemeindedemokratie so funktioniert, wie von dir beschrieben. Der andere Weg, der gerade hier in Deutschland zu beobachten ist, ist, wenn das Gemeindevolk "mit den Füßen" abstimmt und sich eben eine andere Gemeinde sucht, die besser zur eigenen Meinung passt.

Dieses "Kirchenhopping" ist nach meinem persönlichen Verständnis eine große Versuchung und dem geistigen Wachstum nicht zuträglich. Es gibt - auch kanonisch! - Fälle, in denen das Kirchenvolk geradezu verpflichtet ist, seinem Bischof die Gefolgschaft zu verweigern (wenn der z.B. in Häresien verfiele). Ansonsten ist es aber nicht umsonst so, dass z.B. Mönche/Nonnen oder Priester ohne "Entlassungsbrief" nicht die Gemeinde/Klostergemeinschaft wechseln dürfen. Nur Schikane? Wenn man denn mit den in der örtlichen Gemeinde vorgefundenen Verhältnissen so überhaupt nicht leben kann, dann sollte man das mit dem Priester da bereden, und m.E. nicht ohne dessen Einverständnis "weiterziehen".

Natürlich gibt es keinen Gemeindezwang, aber Gott wird sich doch etwas gedacht haben, als er meine Füße in die NK-Gemeinde lenkte.

Gottes Segen wünscht
Hans-Peter
Milo
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Beitrag von Milo »

Lieber Hans-Peter,

ich wollte nur bescheidener meinerseits Dir zustimmen in deiner Ansicht.
Man übersieht wirklich einen wichtigen Punkt: der Hirte muss seine Herde persönlich einzeln kennen. Das ist belegbar apostolische Tradition. Und das geht in dem heutigen , wie Du sagst, Kirchenshopping nicht mehr.
Was sind die Folgen bei so einer Praxis?
Ist dieser Punkt zB. Prio höher einzustufen als die Neu/Altkalenderfrage?

In ernsten Gedanken,

Dein Br. Milo
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Sebastian
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Beitrag von Sebastian »

Lieber Milo und Hans - Theopeter ;)

natürlich stimmen wir in der Frage des Gemeindehoppings überein, da habe ich dich wohl tatsächlich missverstanden. Es ist meiner Meinung nach hier konsens, dass mit dem NK kein Heilsverlust verbunden ist.

Um mal einen cut in der Diskussion über Altkalendarier herbeizuführen möchte ich euch fragen:

Wen bezeichnet man eigentlich als ALTGLÄUBIG?

Danach können wir uns vielleicht dem Thema der Kopten widmen.

Gruß
Sebastian
Milo
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Beitrag von Milo »

Lieber Br. Sebastian,

guter Vorschlag. Hier auch Vorbereitungsmaterial:

http://www.oldbeliever.de/

Frage mich warum die sich gerade auf Deutsch so ausgiebig präsentieren?
Weis das jemand?

Alle grüßend,

Br. Milo
Walter
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Beitrag von Walter »

administrator hat geschrieben:http://www.oldbeliever.de/

Frage mich warum die sich gerade auf Deutsch so ausgiebig präsentieren?
Weis das jemand?
Hallo Milo,

diese eine private Internetseite eines in Deutschland lebenden Altgläubigen würde ich jetzt nicht als "ausgiebige Präsentation der Altgläubigen" bezeichnen, aber Du hast schon recht damit, dass die Altgläubigen durch die Radikalität ihres Glaubensleben in ihrer Umgebung wie in den Medien einen stärkeren eindruck hinterlassen als z.B. Durchschnittskatholiken -orthodoxe oder -protestanten und zudem auch in ihrer Mission radikaler und aktiver sind (sprich: ihren Glauben ernster nehmen). Vergleichbar sind hier im Westen z.B. mit Bewegungen wie die "Zwölf Stämme", die in alle Medien kamen, weil sie sich unnachgiebig weigerten, ihre Kinder in öffentlichen Schulen unterrichten zu lassen, deshalb einen offenen Kampf gegen den Freistaat Bayern wagten und diesen sogar gewannen.

Ebenso erregten die Altgläubigen immer wieder sowohl durch ihr Aussehen und Auftreten (Männer haben fast alle lange Bärte, tragen keine Krawatten, weil das für sie ein Symbol des Strickes, mit dem Judas sich erhängt hat, sind, Frauen tragen auch außerhalb der Kirche Kopftücher, etc.), als auch durch ihre Geringschätzung der weltlichen Obrigkeit und deren Gesetze, wodurch sie sich natürlich auch besonders schmerzhafter staatlicher Verfolgung aussetzten, sowohl unter der Zarenherrschaft als auch später durch die Kommunisten.

In Deutschland sind sie zudem auch noch durch die russische Literatur recht bekannt (z.B. Dostojewskij setzte sich mit ihnen in mehreren Romanen auseinander), weil sie eben zum einen zur "offiziellen" Kirche im Schisma leben, aber trotzdem viel intensiver und akribischer als die gewöhnlichen Russen, die dafür z.T. großen Respekt zeigen.

LG an alle,
Walter
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protopeter
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Beitrag von protopeter »

Liebe Mitdiskutanten !

Es sei mir gestattet, zum Thema der Russischen Altritualistischen Orthodoxen Kirche - so ihre zutreffendere (Selbst-)Bezeichnung einige Anmerkungen beizufügen: Natürlich gilt dieser Kirche auch heute noch als Grundprinzip die (im wahren Wortsinne !) akribische Einhaltung der kirchlichen Gebräuche und einer Lebensform, die nach ihrer Auffassung als gottgefällig-traditionell zu bewerten ist.

Bei all dem sollte aber nicht vergessen werden, daß sie heute sowohl von Seiten des Moskauer Patriarchates als auch seitens der ROKA (die sogar einen altritualistischen Bischof und einige Gemeinden des alten Ritus in den USA und Kanada in ihren Reihen hat) anerkannt ist und ihre Gläubigen als edinovercy bezeichnet werden - als jene, die trotz gewisser formeller Unterschiede den einen orthodoxen Glauben bekennen. In diesem Sinne träfe der Begriff der "Schismatiker" (oder gar "Sektierer") für jene, die eine kanonische Hierarchie apostolischer Sukzession anerkennen, in keinem Falle zu.

Etwas anders verhält es sich bei den (weitaus eine zahlenmäßige Minderheit darstellenden ) sogenannten bezpopovcy - den Priesterlosen - die nach den Ereignissen im 17. Jahrhundert die orthodoxe Hierarchie ablehnten, da sie ihnen nicht mehr als "rechtgläubig im alten Sinne" galt. Diese Gruppierungen (heute vor allem in Weißrußland oder Sibirien noch zu finden) schufen in der Tat eine "neue Kirche" mit eigenen Gebräuchen, die wohl richtiger als Sekte zu bezeichnen ist.

Was nun die Bedrängung zur Zeit der kommunistischen Herrschaft anbelangt, so vermochten die Altritualisten aufgrund ihrer Erfahrung mit Verboten und Verfolgung zur Zeit der Monarchie eigene Taktiken zu entwickeln, die zur Folge hatten, daß diese Kirche die Diktatur wesentlich unbeschadeter überstand. Als zum Millennium der Orthodoxie Rußlands 1988 die Frage diskutiert wurde, wie groß denn der Anteil der Altritualisten sein mochte, gingen die Schätzungen zwischen 200.000 und 20 Millionen Gläubigen; wenngleich letztere wohl etwas zu hoch gegriffen war, schien eine Mitgliederzahl von drei bis fünf Millionen doch durchaus realistisch.

In diesem Zusammenhang ein Literaturhinweis:

Peter Hauptmann, Rußlands Altgläubige. Eine Gesamtschau des russischen Altgläubigentums in Geschichte und Gegenwart. Göttingen
2005. 456 S. m. 46 Abb. ISBN: 352556130X

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen,
Erzpr. Peter
Nikolaj Thon
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Beitrag von Nikolaj Thon »

Die Altgläubigen erfreuen sich - nicht zuletzt durch einige Werke der russischen Literatur wie besonders von "Versiegelten Engel" von N. Leskov - einer gewissen romantischen Wertschätzung.
Ich denke, bei näherer Betrachtung löst sich aber ein Großteil dieser Romantik rasch auf. Nicht nur die Priesterlosen haben sich im Laufe der Jahrhunderte in zahlreiche, heute teils nicht mehr existente Gruppen aufgespalten, die zum Teil recht absurde Riten und Gebräuche entwickelten, sondern auch die so genannten "Priesterlichen" existierten und existieren bis heute in mehreren Zweigen, nämlich heute den Jurisdiktionen (soglasija) von Moskau (Friedhof von Rogozskoe) bzw. Belaja Krinica (Fantana Alba) und jenen von Novozybkov. Auch bei ihnen gab es und gibt es etliche Absurditäten: So wurden vor Errichtung einer eigenen Hierarchie in der Mitte des 19. Jahrhunderts (durch einen abgesetzten griechischen Metropoliten vom Balkan, der zudem für die Weihen gut bezahlt wurde; man könnte es auch Simonie nennen!) übergetretene Priester der Staatskirche in vollem Ornat neu getauft, was zugleich als "Inkraftsetzung" der Priesterweihe galt!
Über das Niveau dieser Sakramententheologie braucht man wohl kaum lange zu disputieren ...
Noch vor zwei Jahren wurde ein von den griechischen Altkalendariern zu den Altgläubigen übergetretener Bischof (übrigens deutscher Nationalität) erst neu getauft, dann neu geweiht.
Ich denke, man darf bei Betrachtung des altgläubigen Schismas, denn das ist es, nicht von den Gegebenheiten des 17. Jahrhunderts ausgehen und davon, dass Protopop Avvakum durchaus ein rechtschaffener Mann war, wenn auch nicht weniger einseitig als Patriarch Nikon, sondern man muss auch sehen, wie sich das Altgläubigentum, auch der am Priestertum festhaltenden Teil, in den folgenden Jahrhunderten weiter entwickelte. Und da wird man wohl konstatieren dürfen, dass das angebliche Festhalten an den "alten" Riten oft nur den Stand von 1650 meinte, wobei sekundäre Ritualfragen den Rang von höchsten dogmatischen Wahrheiten erhielten, aber andere grundlegende Punkte, besonders der Sakramententheologie einfach missachtet wurden.
Als Literatur möchte ich noch empfehlen:
Paul Meyendorff, Russia, Ritual, and Reform: The Liturgical Reforms of Nikon in the 17th Century, St Vladimir's Seminary Press,U.S. (2003)
sowie (in gewisser Unbescheidenheit) meine Artikelserie zum Algläubigentum in der Zeitschrift "Hermeneia".
In der Liebe Christi
Ipod. Nikolaj
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Beitrag von protopeter »

Lieber Ipodiakon Nikolaj !

Wenngleich ich Ihnen prinzipiell zustimme - denn es ist eine Tatsache, daß sich die Altritualisten seit etwa 1650 einer jeglichen kirchlichen wie auch gesellschaftlichen Weiterentwicklung verschlossen - kann man nicht darüber hinweggehen, daß heute von einem Schisma im strengen Sinne nicht mehr gesprochen werden sollte. Ich verweise hierzu auf den Akt des Landeskonzils des Moskauer Patriarchates vom 2. Juni 1971, den Sie in Ihrem Quellenbuch zur Geschichte der Orthodoxen Kirche, S. 299-302 in deutscher Übersetzung publizierten. So wird hier zunächst von einer "altritualistischen Kirchenspaltung" gesprochen, doch hebt man zugleich den Kirchenbann über die Altritualisten auf, indem betont wird, daß diese zwar "die alten russischen Riten heilig halten", zugleich jedoch auch "heiligmäßig den heilsamen orthodoxen Glauben bekennen".

Diese Feststellung führt demgemäß zur Aufhebung der Anathemata über die Altritualisten und gesteht ihnen volle Gleichrangigkeit zu; dies unbeschadet der von Ihnen genannten, mit den Kanones und der Tradition wohl nur schwerlich in Einklang zu bringenden Tatsachen. Es ist darüberhinaus auch bekannt, daß manche altritualistische Kreise die Übereinkunft mit dem Moskauer Patriarchat gleichsam als "Niederlage" und "Verrat" betrach(te)ten.

Die Neutaufe und wiederholte Weihe des von Ihnen genannten altkalendarischen Bischofs geschah (wiewohl die Kanonizität dieses Vorgehens mehr als fragwürdig genannt werden muß !) aus der Überlegung, daß die Altkalendarier durch ihre - im Rahmen dieses Forums schon genannten - Entwicklung die Fülle der orthodoxen koinonia, die den Altritualisten eben wiedererstattet wurde, verloren. In jedem Falle scheint es angebracht, die damit verbundenen Fragen differenziert zu betrachten.

Mit besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Nikolaj Thon
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Beitrag von Nikolaj Thon »

Lieber Vr. Peter,

danke, dass Sie an die Entscheidung von 1971 erinnert haben. Allerdings denke ich, ist sie - leider - teilweise ebenso überholt wie die damals ja auch in Moskau beschlossene Zulassung von Katholiken in bestimmten Umständen zur orthodoxen Kommunion, die inzwischen ja auch offiziell zurückgenommen wurde.
Was die Altgläubigen angeht, so war man seinerzeit wohl auch der Hoffnung auf eine baldige Einigung. Allerdings scheinen diese Erwartungen voreilig gewesen zu sein, denn bislang ist von einer solchen Einigung wenig zu spüren. Die Jurisdiktion von Novozybkov insbesondere lehnt jede Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat ab (ich erinnere mich an eine wissenschaftliche Konferenz zum Millenium 1988, an der auch Altgläubige teilnahmen: Nachdem alle anderen das Tischgebet beendet hatten, sprachen die Vertreter von Novozybkov demonstrativ ihr eigenes!). Und die Belaja Krinica-Jurisdiktion hat inzwischen ihrem Vorsteher auch den - parallelen - Titel eines Patriarchen von Moskau verliehen.
So fürchte ich, wird man weiter von einer tiefen Spaltung (ich will nicht auf dem Begriff "Schisma" beharren) sprechen müssen.
Was die Taufe und Neuweihe des - als Person sicher umstrittenen - Bischofs angeht, so wurde nicht die mangelnde Kanonizität der altkalendarischen Weihe angeführt, sondern generell, dass es sich nicht um eine altgläubige handelte; mit einem kanonisch orthodox geweihten Bischof wäre man wohl kaum anders verfahren.
Die Entscheidung des MP von 1971 basierte, so denke ich, auf einseitigen Hoffnungen auf eine Aussöhnung mit den Altgläubigen, die von diesen aber im Großen und Ganzen nicht geteilt und erwidert wurden.
In der Liebe Christi
Ipod. Nikolaj
Buecherwurm
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Altgläubige in Deutschland

Beitrag von Buecherwurm »

Liebe Forumteilnehmer,

wie ich inzwischen aus sicherer Quelle weiß, gibt es in Deutschland einen altgläubigen Bischof der Belaja-Krinica-Jurisdiktion, der auch hinter der Website www.oldbeliever.de/ steht, selbst deutschstämmig ist und vor etlichen Jahren zum Altgläubigentum konvertierte. Es kommen hierzulande auch Altgläubige zusammen; das Bistum selbst umfaßt aber wohl nicht nur Deutschland, sondern auch weitere Gebiete Westeuropas.

Mit herzlichen Grüßen,
Joseph
Milo
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Beitrag von Milo »

Lieber Joseph,

danke für diese Info. Eine Frage noch von mir:
weist Du noch evtl. wo diese Gemeinschaft in Deutschland zelebriert?

Grüße!
Gesperrt