Tolle, lege! Über den Umgang mit der Schrift

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Igor
Diakon
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Re: Tolle, lege! Über den Umgang mit der Schrift

Beitrag von Igor »

Genau, liebe Mary,

das ist das, was ich mit meinem ersten Beitrag zu der Fragestellung auch meinte.

Ich möchte es noch etwas ausbauen, dann wird vielleicht der Gedankengang etwas deutlicher:

Die ersten drei Fürbitten sind Bekenntnisse, sie sind im Zusammenhang zu betrachten.

„Dein Reich komme“: Das Reich Gottes kommt so oder so, hier aber bekennen wir, dass wir es erwarten.

„Dein Wille geschehe“: Der Willen Gottes geschieht so oder so, hier aber bekennen wir, dass wir darauf vertrauen.

Analog dazu:

„Geheiligt werde Dein Name“: Der Name Gottes bzw. Gott selbst ist heilig so oder so, hier aber bekennen wir, dass Gott für uns heilig ist.

Ich denke auch, dass wir in dieser Diskussion hier stärker auf die Kirchenväter blicken sollten. Deren Heilige Überlieferung (als zweite Säule des Orthodoxen Glaubens) hilft uns, die Heilige Schrift (als erste Säule des Orthodoxen Glaubens) auszulegen. Einer der größten unter ihnen ist Johannes Chrysostomus († 407), er schreibt im „Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC), Neunzehnte Homilie. Kap. VI, V.1-15.“:
Wer nämlich Gott einen Vater nennt, und zwar den gemeinsamen Vater aller, der sollte billigerweise ein solches Leben führen, dass er solch edler Abstammung nicht unwürdig erscheint, und sollte einen dieser Gabe entsprechenden Eifer im Guten an den Tag legen.

Indes begnügt sich der Herr damit nicht. Er fügt noch eine andere Bitte hinzu und sagt: "Geheiligt werde dein Name." Das ist ein Gebet, würdig dessen, der Gott seinen Vater nennt; ein Gebet, in dem man jeder anderen Bitte die Ehre des Vaters voranstellt und alles andere seinem Lobpreis unterordnet. Der Ausdruck: "Es werde geheiligt" hat nämlich den Sinn: Es werde verherrlicht. Gott besitzt zwar schon von sich aus die Fülle aller Herrlichkeit, die ihm auch immerdar bleibt, gleichwohl befiehlt er beim Gebete, darum zu bitten, dass er auch durch unser Leben verherrlicht werde. So hat er auch früher gesagt: "Euer Licht soll leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater loben, der im Himmel ist! (Mt 5,16) .Auch die Seraphim, die Gott verherrlichen wollten, riefen: Heilig, heilig, heilig" (Jes 6,3). "Es werde geheiligt" hat also den Sinn von: Es werde verherrlicht. Christus wollte damit sagen: Bitte, dass wir so rein leben, dass unseretwegen alle Dich verherrlichen. Auch das ist wieder eine Frucht vollkommener Lebensweisheit, allen gegenüber ein so tadelloses Leben zu führen, dass ein jeder, der es sieht, Gott dafür lobt und preist.

V.10: "Zukomme Dein Reich."

Gerade so redet wieder ein gutgesinntes Kind Gottes. Es hängt nicht am Sichtbaren, hält die irdischen Dinge nicht für etwas Großes, sondern fühlt sich hingezogen zum Vater und sehnt sich nach den zukünftigen Dingen. Das ist die Wirkung eines guten Gewissens und einer Seele, die von allen irdischen Dingen losgeschält ist.

Eben darnach verlangt auch der hl. Paulus Tag für Tag; darum sagte er: "Auch wir, die wir den Anfang des Hl. Geistes besitzen, wir seufzen in der Erwartung der Gotteskindschaft und der Befreiung unseres Leibes" (Röm 8,23). Wer nämlich eine solche Liebe besitzt, der kann weder von dem Glück dieses Lebens aufgeblasen, noch vom Unglück niedergebeugt werden; vielmehr hält er sich von beiden Extremen fern, wie einer, der schon im Himmel weilt. "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!" Siehst du, wie folgerichtig dies ist? Der Herr hieß uns nach den zukünftigen Dingen verlangen tragen und nach dem Heimgang in die andere Welt uns sehnen. Solange aber der Zeitpunkt hierfür noch nicht gekommen ist, sollen wir uns bemühen, auch hienieden schon das gleiche Leben zu führen wie die Himmelsbewohner. Wir sollen, sagt er, uns nach dem Himmel sehnen und nach dem, was im Himmel ist; wir sollen aber auch schon vorher, bevor wir in den Himmel kommen, die Erde zum Himmel machen und hienieden so leben, als befänden wir uns schon drüben, sollen alles so tun und so reden und auch in dieser Absicht zum Herrn beten. Das Leben auf dieser Erde ist nämlich durchaus kein Hindernis, die Vollkommenheit der himmlischen Mächte zu erreichen; vielmehr kann man auch in dieser Welt schon in allem so leben, als wäre man bereits im Himmel. Was also der Herr sagen will, ist dies: So, wie dort alles ohne Hindernis geschieht, und die Engel nicht dem einen Befehl gehorchen, dem anderen sich widersetzen, vielmehr in allem willfährig und gehorsam sind ("denn", heißt es, "sie sind mächtig in ihrer Kraft und gehorsam seinem Willen", Ps 102,20) , so gib, dass auch wir Menschen Deinen Willen nicht halb tun, sondern alles beobachten, so wie Du es willst. Siehst du, wie Christus uns auch Bescheidenheit lehrte, indem er uns zu verstehen gab, dass die Tugend nicht nur ein Werk unseres Eifers ist, sondern auch der Gnade von oben. Und auch hier hieß er wieder einen jeden von uns im Gebete für das Wohl der ganzen Welt bedacht zu sein. Er sagte nämlich nicht; Es geschehe Dein Wille an mir, oder an uns, sondern: Auf der ganzen Welt, auf dass aller Irrtum verschwinde, die Wahrheit erscheine, jegliches Böse ausgerottet werde, die Tugend ihren Einzug halte und so kein Unterschied mehr bestehe zwischen Himmel und Erde. Wenn das geschähe, meint er, wären Irdisches und Himmlisches gleich, wenn auch der Natur nach verschieden, indem wir uns auf der Welt wie andere Engel aufführten.
Quelle: http://www.unifr.ch/bkv/kapitel428-3.htm

Dieses Zitat dürfte dann sicherlich auch Marys Frage beantworten.

Vielleicht sollten wir die bevorstehende Fastenzeit nutzen, uns stärker dem Studium der Kirchenväter zu widmen. :idea:

In Christo
Igor

PS: @Lazzaro: Ich kann die Folgerungen in deinem Post Scriptum nicht nachvollziehen und möchte dir als Gegenbeispiel eine Stelle aus der heutigen Schriftlesung bringen:

Lk19,38 nach Luth „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“
Lk19,38 nach EÜ „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“

Ich denke nicht, dass man den Übersetzern der EÜ so ein Outing vorwerfen könnte.
Bild
Als der Höchste hernieder fuhr, verwirrte Er die Sprachen, zerteilte Er die Völker, nun, da Er Feuerzungen ausgeteilt, ruft Er alle zur Einheit: Einmütig preisen wir deshalb den Heiligen Geist. (Pfingstkondakion im 8. Ton)
Nassos
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Re: Tolle, lege! Über den Umgang mit der Schrift

Beitrag von Nassos »

Lieber Igor,

nutzen wie die Fastenzeit zu mehr Gebet, danke für Deinen Vorschlag.
Wir könnten uns auch über das Triodion unterhalten. Ich erlebe es derzeit mit seinen wundervollen Gebeten zum ersten Mal.

Im entsprechenden Strang bat ich darum. Vielleicht könnte jemand dort auch etwas einstellen (es muss nicht das Revision selber sein, aber zum Beispiel Texte etc).

Lieben Gruß und gesegnete Butterwoche,
Nassos
Nassos
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Re: Tolle, lege! Über den Umgang mit der Schrift

Beitrag von Nassos »

Kirchenväter hat geschrieben:Wer nämlich Gott einen Vater nennt, und zwar den gemeinsamen Vater aller, der sollte billigerweise ein solches Leben führen,
Dieser Aspekt ist sehr hevorzuheben, das heißt, wir bekennen mit "geheiligt werde dein Name".

Vielen Dank, lieber Igor, für diese Hervorhebung!
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