[Frage] zu Wundern
[Frage] zu Wundern
was mich persönlich ein Mal interessiert wäre, ob es die Stigmatation auch in der Ostkirche gibt. Leider habe ich noch nirgends einen Hinweis darüber gefunden.
Im Gebet verbunden.
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protopeter
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Nein, Stigmatisationen sind in der Orthodoxen Kirche unbekannt; im Übrigen ist die kirchliche Haltung zu diesem Phänomen grundsätzlich negativ - der Hauptgrund orthodoxer Kritik liegt vor allem darin, daß bei einem Großteil der Stigmatisierten eine Form von ekstatisch-exaltiert begründeter Religiosität wahrzunehmen ist. Davor wird nun im geistlichen Leben orthodoxer Prägung ausdrücklich gewarnt - gemäß kirchenväterlicher Lehren soll das mystische Erleben mit geistlicher Nüchternheit in absolutem Einklang stehen.
Mit der Hoffnung, klärend gewirkt zu haben, grüßt in der Liebe Unseres Herrn
Erzpr. Peter
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peter
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Stigmata
Da ich mal in Konnersreuth war, und mich mit der Lebensgeschichte der
Theresa befaßt habe, die von einer langjahrigen, schweren Krankheit
her analoge Wundmale vorwies, halte ich Ihre einleuchtende Deutung "ekstatisch-exaltiert" für differenzierbar in Richtung eines Beiworts "extrem glaubens- bzw. leidensintensiv", weil jene arme Frau mir recht authentisch vorkam. Es gibt sicher auch Scharlatanerie wie im Milieu des New-Age, wo ein italienischer Bekannter (Name ist mir entfallen) von Herrn Hesemann, dem Ufo-Experten, auf einträgliche Wundmal-Tournee ging. In einer Kirchengeschichte zu den Jahrhunderten gleich nach dem großen Schisma heißt es: "Ein neues Gewicht wurde auf G e f ü h l e im geistlichen Leben gelegt, eine Tendenz, die erst im Laufe des Mittelalters an Stoßkraft gewann und in derart phantastischen Erscheinungen wie S t i g m a t a gipfelte (das Auftreten von Wunden, die angeblich denen von Christus gleich waren, auf Körpern jener, die sich im Zustand von Ekstase oder Trance befanden". Dazu folgt eine Anmerkung: "das Phänomen der Stigmata ... kommt auch im muslimischen und anglikanischen Glauben, nicht aber in der Heiligen Orthodoxie vor".
Denkbar ist immer wieder, daß dämonische Besessenheit hier skurille
Blüten bzw. psychosomatische (Selbst-)Täuschungen produziert.
Dennoch wollte ich schon seit langem wissen, was genau Paulus im
Brief an die Galater meint (6,17), wenn er schreibt: "In der übrigen
Zeit bereite mir niemand Mühen ! Denn ich trage die Malzeichen (im
Griechischen wörtlich: stigmata) an meinem Leib".
Selbst durchaus leidensfähig Peter
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Rene
ich habe auch schon gelesen, dass es sich bei den Stigmata um religiöse Überspanntheit halten soll.
Allerdings muss das ja nicht für alle Fälle zutreffen, nun, zumindest kann ich mir kein Urteil weiter erlauben darüber....
Eine Frage habe ich aber noch, gibt es auch deutsche orthodoxe Bücher, in denen auf die einzelnen Evangelien erklärend eingegangen wird?
Im Boten findet man einige Zeilen zu Eph. in jeder Ausgabe ein wenig. Ich hege die Hoffnung, dass soetwas auch in Buchform erhältlich ist.
Hat jemand hier einen Tip?
L.G. Rene
Lieber Peter,
owohl ich nicht direkt angesprochen bin, so fühle ich mich indirekt.
Ich liste den ganzen Abschnit aus dem Galaterbrief, um auf den Kontext hinzuweisen.
Wir nehmen ja den Gnadenzustand, die Heilsverspürung u.Ä nicht durch Techniken ähnlich den Budisten, noch gar durch Selbstgeiselung o.Ä um damit noch mehr den "erzürnten HErrn" zu besänftigen.
Orthodoxe, also apostolische Tradition, besagt das man nicht sich selbst den Grund legen darf um dann den "Märtyrertod" zu sterben.
So verhält es sich auch um Apostel Paulus, der bewusst dient, aber nicht den Tod herbeiprovoziert. Er hat mehr als die anderen sich bemüht die "barbarische Zivilisation" zu aufklären. Dafür hat er etliche Male das Leid erleben müssen, wie zB. in Apg 14.19!
Die Verfolgung, das Kreuz was er trägt im Namen Christi, das sind die Malzeichen/Stigmata an seinem Leib.
Jh15.20Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen.
Interesant ist das es im ersten Jahrtausend unbekannt ist mit dem "Phänomen" der Stigmatation!?
Da wir heute nun der zwei großen Apostel gedenken, erflehen wir vom HErrn das womit der Hl. Apostel Paulus sein Brief an die Galater beendet:
18Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen.
sündiger br. milo
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protopeter
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Der Kirchenschriftsteller Origenes deutet diese Schriftstelle in folgender Weise: "Dies sind die Schläge und Narben um Christi willen"; interessant ist die Deutung des griechischen Dogmatikers und Exegeten Panayiotis Trembelas (20. Jahrhundert): Dieser stellte zwischen den Wunden des Apostels und dem antiken Gebrauch, den Sklaven auf Arm oder Stirn das "Kennzeichen" seines Besitzers anzubringen, einen direkten Bezug her. Paulus betone damit seine enge und unauflösbare Zugehörigkeit zu Christus, der sein Herr und Meister ist.Dennoch wollte ich schon seit langem wissen, was genau Paulus im Brief an die Galater meint (6,17), wenn er schreibt: "In der übrigen
Zeit bereite mir niemand Mühen ! Denn ich trage die Malzeichen (im
Griechischen wörtlich: stigmata) an meinem Leib".
Die von Ihnen beigefügte Ausdeutung bestärkt den von mir gebrauchten Begriff "ekstatisch-exaltiert" insoferne, als es sich bei all diesen Umständen um eine - profan ausgedrückt - "ungesunde" Religiosität handelt, die für uns Orthodoxe zum Teil schon blasphemische Züge annimmt - wenn etwa (wie im Falle des 2002 kanonisierten italienischen Kapuziners Padre Pio) es einen angeblichen "göttlichen Auftrag" geben sollte, die Leiden Unseres Herrn "mystisch-real nachzuvollziehen". Hier ist die Grenze zum Wahnhaften durchaus gegeben - gleichwohl als Basis der von Ihnen apostrophierte intensive Glaube durchaus vorhanden sein mochte.
Interessant ist auch, daß bei Stigmatisierten, denen es auf irgendeine Weise gelang, diese Ebene der - wie es die Mönchsväter ausdrücken würden - geistlichen Täuschung, des Fallens in diese spezifische Form religiöser Hysterie zu überwinden und ein "gesundes" mystisches Empfinden entwickelten (wobei dies durchaus mit Visionen verbunden sein konnte), die Wundmale wieder verschwanden - ein Beispiel dafür war die Schweizerin Adrienne von Speyr.
Mit Segenswünschen grüßt herzlich
Erzpr. Peter
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peter
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Stigmata
möchte hiermit Dank nachtragen für Eure Erklärungen, welche mir eine seit Jahren selbstauferlegte Binde gelockert haben. Ich war schon am Rätseln,
ob die Orthodoxie vielleicht ein streng gehütetes "katholisches" Geheimnis
verpaßt hätte. Aber für sich spricht ja das offensichtlich weitgehend stigmenfremde 1. Jahrtausend. Ihr Kreuz hingegen tragen die Christen
bereits von Anbeginn, und es wird nicht leichter ...
Dankbarer Peter