Philosophie und Orthodoxie / Dialektik

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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peter
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Weisheit und Dialektik

Beitrag von peter »

Ihr lieben Orthodoxen Freunde !

Möchte von der User-Attacke und der Esphigmenou-Aufregung zurückkehren zum Dialog über "Orthodoxe Philosophie". Eure "gefächerten" Beiträge sindso voller Hinweise und Anstöße, daß ich garnicht weiß, wie ich das alles noch rechtzeitig vor meinem Tod, in
meinem "selbstverschuldeten Nicht-Sein", per metanoia christlich
aneignen, nützlich anwenden kann. Ja, Stephanus, Nietzsche starb im Wahnsinn, alle eitlen Denker sind tot, auch wenn sie Nachtrab und Gefolge
haben, aber der christliche Glaube lebt. Mir ging es (lebensgeschichtlich) bei dieser "Gratwanderung" hauptsächlich um das aktuelle "geistige" Klima auf diesem Globus, in unserem Lande. Wozu überhaupt "Gratwanderung": um die evtl. "Errungenschaften" eines spezifischen Bildungsweges nicht völlig aus den Augen zu verlieren, in christliches, orthodoxes Leben und Denken umzuwandeln, ohne dabei in die genannten "Abgründe" und "Versuchungen" zu fallen (der Anmaßung, des Stolzes, der Überheblichkeit, Unredlichkeit, Leichtfertigkeit u.v.a.m.). Heute nur dieses Päckchen, weil ich weg muß. Morgen mehr !

Herzlichen Gruß Peter[/list]
Zuletzt geändert von Gast am 27.12.2006, 14:30, insgesamt 1-mal geändert.
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
protopeter
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Beitrag von protopeter »

Lieber Peter !

Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag etwas Wesentliches, das gerade die orthodoxe Weltsicht in entscheidender Weise zu prägen vermag - die Aneignung der Werte durch metanoia. Genau hier liegt der Ausgangspunkt zur Erlangung einer im Glauben erneuerten Perspektive: Umkehr, Wendung und Neubesinnung sind unverzichtbarste Grundlagen geistlicher Existenz und in der Folge daraus einer Askese, die es dem orthodoxen Menschen möglich macht, "in dieser Welt, aber nicht mit dieser Welt" zu leben. Betrachten wir das Leben und Wirken jener Glaubensleuchten, die wir als Kirchenväter bezeichnen, so ist darin die harmonische Zusammenspannung der Faktoren "Glaube" und "Wissen" mehr als evident: "Ich glaube, weil ich erkenne" - das Wort des Hl. Augustinus bezeugt diese Grundwahrheit unwidersprochen und klar.

Wesentlich erscheint nun auch, daß die kirchenväterliche Zugangsweise integrierend - im Sinne einer "sowohl-als auch" Haltung - zu erfassen ist; so befürwortet beispielsweise Nektarios von Ägina eine umfassende intellektuelle Bildung, um auf diese Weise apologetisch im Sinne der Orthodoxen Kirche tätig sein zu können. Dies nun müßte auch ein Weg sein, der einer (im umfassendsten Sinne gedachten) Philosophie, die sich der Rechtgläubigkeit verpflichtet fühlt, zu eigen ist. Um nochmals auf die (frühen) Kirchenväter zurückzukommen - das Beispiel der großen Kappadokier (Basilios d. Große, Gregor d. Theologe und Gregor v. Nyssa) gibt in besonderer Weise den Weg vor, wie theologisches Denken, spirituelle Reflexion und mystische Erfahrung sehr wohl in Beziehung und Einklang mit intellektuellen Bildungsidealen gebracht werden können.

Von diesem ihrem Beispiel und Vorbild ausgehend erweist es sich, daß grundsätzlich keine Hindernisse zur Erstellung und Ausarbeitung einer orthodoxen Weltsicht, die sich gewisser "Bildungserrungenschaften" bedienen mag, vorhanden sein sollten. Die von Ihnen dabei apostrophierte Gratwanderung ist sicher nicht auszuschließen - diese so gefahrlos als möglich werden zu lassen, ist die geistliche Tugend der Unterscheidung der Geister, die auf Grundlage des gottmenschlichen Erlösungsmysteriums ihrer Wirksamkeit entfaltet, gefordert. Entscheidend ist eben auch, daß eine orthodoxe Philosophie nicht selbstgenügsam in der Erstellung abstrakter Konzepte verbleiben kann, sondern eine konkrete Manifestation des Lebens in und mit Gott sein muß.

Mit besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
peter
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Dialektik und Christliche Weisheit

Beitrag von peter »

Ihr lieben Orthodoxen Freunde,

heute nun wieder ein größeres Paket, das hoffentlich nicht wie ein Mühlstein am Halse hängt. Denn es macht mich traurig, Euch in "Unruhe" versetzt zu sehen. Aber der Dämon des Negativen läßt meinen Geist nicht los, ich ringe mit ihm seit mehr als 40 Jahren, seit der "Studentenbewegung" und dem nachhaltigen Einfluß ihrer geistigen Ziehväter. Da ich seit meiner Aufnahme in die Orthodoxie (übrigens am 30.12. vor fünf Jahren) Jesus Christus recht verstanden habe, der ja sprach: "Ohne mich könnt ihr nichts tun", bete ich seitdem um geistliche Hilfe. Einige von Euch, die nicht aus diesem Lande kommen, oder die Zeit der sog. "68'er" und ihre unmittelbaren Folgen nicht mehr kennen oder an dieser nicht wie ich engagiert teilgenommen haben, mögen mir verzeihen, daß ich hier rekapituliere oder "rekurriere", wie man damals gesagt hätte. In diesem Nachkriegsdeutschland, schuldbeladen mit zwei Weltkriegen und dem sog. "Holocaust", erkannte ich über mein noch nicht völlig verdrängtes christliches Gewissen und über den Einfluß der "jüdischen", philosophischen Mentoren (Adorno, Horkheimer, Marcuse, Bloch u.a.),
daß dieses mein Land im "Kreuz" von vier geistigen Strömungen lag, daß es dieses zu tragen hatte, womit es aber auch andere Völker "kreuzigte", um diese christliche Metapher zu verwenden. 1) Der Hauptstamm, der "Pfahl", das sog. "Arisch-Germanische", wurde vom "Herrenmenschentum Hitlers" auf neopagane, faschistische Weise aufgerichtet, auf geistigem
Nährboden Schopenhauers (blinder Wille), Nietzsches (Wille zur Macht) sowie der "Archaik" Heideggers. Dem stand 2) entgegen (ob Grund oder Folge, mag noch zu klären sein) der wesentlich aus Deutschland über Marx / Engels in die Welt gebrachte "Balken" Kommunismus/Sozialismus, auf geistigem Grund von Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Dem erwuchs 3),
nach dem Großen Krieg die von leninistisch-stalinistischen Theorien und
Praktiken überlagerte "DDR", die nichtsdestotrotz das angeblich "bessere"
Deutsche, die "Aufklärung", das "Goethezeitalter", Heinrich Heine u.ä. zu beerben trachtete. Die Studentenbewegung wiederum entdeckte 4) nach "neomarxistischen", "maoistischen", "castristischen" Übergängen
immerhin so verschollene Angelegenheiten" wie das "kommunistische" Urchristentum, das "apostolisch-kommunistische Heldenzeitalter" der
deutschen Bauernkriege (mit Thomas Müntzer und der "Adventsstadt"
Münster im Gefolge) und seinen "Chiliasmus", schließlich den jüdischen
"Messianismus" als Vorbereiter der "Revolutionen". Diese 4. Option schien mir als Philosophiestudent für das sündige Vaterland der einzig gangbare Weg zu sein. Inzwischen geriet ich ins "Berufsleben" und damit - immer tiefer verstrickt - in die eigene Sünde. Geistig-politisch erlebte ich ein Erwachen in sog. "Demokratie", die immerhin Aktionen, Initiativen, "Bewegungen" (für Frieden, Umweltschutz etc.) ermöglichte. Doch auch
der Nährboden sog. "Freiheits-, Grund- und Menschenrechte" wurde mir im liberalistischen Neokapitalismus dieses "scheinheiligen" Musterlandes verdächtig, weil ich letztlich keinen christlich tragenden Grund seiner
propagierten "Werte" erkennen konnte. Im Gegenteil: wie ich über Solschenizyn, Eggert, Raddatz u.a. und seit Mitte der 90'er über Christliche und Orthodoxe Schriften diagnostizieren mußte, besetzten entchristianisierende Lehren, wie das buddhistisch-esoterische "New Age",
der holocaust-gerechtfertigte Judaismus / Talmudismus, der durch Koran, Geld und "taquiya" gedeckte Islamismus durchweg die geistig-kulturellen
Schaltstellen. Inzwischen brächen weitere Dämme: die Ideologien des Satanismus / Dämonismus, Atheismus, Nihilismus / Relativismus, Libertinismus, Homosexualismus, Materialismus pervertieren und enthemmen "mein" deutsches Volk bis auf Seele und Knochen. Mein Land von heute ist nicht mehr das "reuige" meiner Kindheit. Wozu erzähle ich euch das alles ? Wahrscheinlich, um Verständnis für mein "Verhältnis" zum Negativen zu wecken, das seit jeher ein kämpferisches war, der "Negation des Negativen" verpflichtet. Eine "Position des Negativen" hatte ich nie im Sinn, obwohl ich trotzdem durchaus schwer gesündigt habe, was in die Beichte gehört. Die "Position des Positiven" war aber für mich die höchste Einsicht aus "weltlicher" Philosophie, ist vollkommen identisch mit meinem spät gewonnenen und indessen etwas gefestigten Orthodoxen Glauben. Diese Einsicht, dieser Glaube wird aber permanent angefochten
von "Negation(en) des Positiven", weshalb das von Euch beschriebene "Hineinwachsen ins Mysterium" bei mir in einem äußerst gespannten, dialektischen "Prozeß" verläuft. Ich kann die Einsicht nicht lassen, ohne
im Glauben nachzulassen, und kann den Glauben nicht festigen, ohne an Einsicht zu gewinnen. Viele Quellen christlicher Einsicht muß ich mir erst
erschließen, um Orthodoxe Philosophie überhaupt "treiben" zu dürfen.
Und da muß Denken, Leben, Handeln natürlich übereinstimmen. Aber "fünfzig Jahre gefastet und gebetet haben", lieber Hans-Peter, da bin ich "61èr" leider etwas spät dran. Aber ich würde gerne statt des Kubismus
und der Zwölftonmusik in philosophischer Absicht die ungeheuren Fragen (mitsamt ihren dialektischen Potentialen) des "Imaginären", unserer "Phantasie", des "Schöpferischen" u.ä. in das Orthodoxe Denken auf
gottgefällige Weise einbringen. Doch dies später, wenn ich die Essenz
des Christozentrischen, Logoshaften, lieber Erzpriester Peter, mehr als ausreichend in meinem Geist verankert habe. Und wenn ich auf dem
Weg der "theosis", der persönlichen Reinigung, Erleuchtung, Heiligung (nach Metropolit Hierotheos), hoffentlichmit Siebenmeilenstiefeln, definitiv vorangekommen bin. Übrigens, lieber Milo, habe ich schon als teenager
mit meiner Oma Berta und meinem Onkel Werner, dem DDR-Pfarrer, über Philosophie diskutiert. Ich hatte nämlich, was damals fast ein kriminelles Delikt war, das Werk "Atheismus im Christentum" von Ernst Bloch, der Mitte der Sechziger schon exiliert war, über die Grenze ins Pfarrhaus geschmuggelt. Die Debatte mit "Oma" war nicht von Pappe, und sie hat mir, wie im nachhinein leicht festzustellen, gründlich christlichen Zunder verpaßt. Dank sei auf ewig den rechtgläubigen Omas. Um schließlich nochmals aufs Thema zu kommen: Dialektik scheint mir die zentralen Fragen auf oberster Ebene des Logoshaften anzusprechen:
den Sturz Luzifers, den Sündenfall, die "Welt"schöpfung (Naturfrage),
die Verleiblichung und Kreuzigung Christi, die Fragen des Bösen und
umgekehrt, möglichen Heils. Die Fragen der "Ordnungen" auf Erden in historischer Absicht möchte ich hier ausgrenzen und demnächst unter
dem Thema "Chiliasmus" in die fortlaufende Debatte werfen. Du hast recht, lieber Hans-Peter, die "Apokalypse" wird der "Utopie" des "endlich"
menschenwürdigen Lebens auf diesem Planeten ein apruptes Ende bereiten. Wie ich unter "Endzeit" bereits schrieb, schenke ich auch dem
Endzeitszenario des Neuen Testamentes volle Beachtung und vollen
Glauben. Aber ich wurde seinerzeit von Euch als "Schwarzseher" und
"Schwarzmaler" hingestellt. Deshalb probiere ich es hier dialektisch
andersherum, indem ich Euch frage: haben wir überhaupt noch eine
"christliche Zukunft". Wird es einen "Gottesstaat" auf Erden je geben ?
Wird es ein "Himmelreich" auf Erden je geben ? Doch das ist die andere
Frage, die später kommt. Zunächst, lieber Stephanus, wende ich mich
"ernsthaft und in demütiger Haltung" täglich "der heilsbringenden Lehredes dreieinigen Gottes" zu, der Betrachtung von "Schmerz, Verlust, Trauer etc.", die uns auf christliche Weise den "Sinn des Lebens" erschließt. Ich bin Euch allen zu tiefem Dank verpflichtet. Mein engagement für "Esphigmenou" ist sozialrevolutionäres Erbe (obwohl die Mönche vom Märtyrerkern ihres Glaubens her recht haben). Entschuldigt doch bitte diesen "philosophischen" Lebenslauf.

Euer nochmals dankbarer Peter
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
protopeter
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Beitrag von protopeter »

Lieber Peter !

Ihr Bekenntnis bewegt mich sehr - vor allem, weil es Zeugnis eines Suchens ist, eines Suchens, das die von der vergänglichen "Weltweisheit" ausgehend den Kern der wahren Weisheit - der Sophia Theou - zu erreichen trachtet und sich entsprechend auf den Weg macht. Dieser Prozeß, der in der Tat ein Hineinwachsen in das Mysterium ist, wirft eine große Zahl von Fragen auf, stellt gerade den sich zu Christus Bekennenden immer wieder vor existentiell wesentliche Entscheidungen.

Vor allem in diesem Sinne verstehe ich Ihre Frage nach einer christlichen Zukunft mit allen Konsequenzen; als Grundlage sehe ich hier das Bekennen des Ewigen, Unvergänglichen und Zeitlosen, das im evidenten Gegensatz zu den vom Zeitgeist (einer jeglichen Epoche !) geprägten, menschengemachten ideengeschichtlichen Konstrukten steht. Es gibt (leider auch allzu oft in unseren "eigenen Reihen" !) eine nicht zu unterschätzende Versuchung, die Begriffe "orthodox" und "konservativ" (in weiterer Entwicklung möglicherweise dann auch "reaktionär") in einen engen Bezug zueinander zu bringen; die Kontraproduktivität einer solchen Sichtweise ist indessen mehr als augenscheinlich. Dagegen sollte gelten: Eine orthodoxe Philosophie, als deren unbestrittene Grundlage und absolutes Zentrum das Christusmysterium gilt, folgt eben genau dem heilsökonomischen Prinzip der Umschreibung des Unbegrenzten - sie ist zeitlos, ewiggültig, jegliches menschlich-irdische Kalkül übersteigend.

Wenn Sie die Frage eines Gottesstaates christlicher Prägung im Sinne der von Augustinus genannten civitas Dei im Auge haben, so sollte man nicht vergessen, daß dieser Kirchenvater nicht unbedingt an eine (späterhin feudalistisch konzipierte) Staatsordnung dachte; es ging ihm wohl eher um die Gottesbürgerschaft im Sinne der - in orthodoxer Terminologie analog gedachten - Gotteskindschaft aller Gläubigen. Davon ausgehend ist in der Welt von heute tatsächlich die besondere Berufung und "Qualifikation" der (orthodoxen) Christen herausgefordert: Die martyria - lebendige, unerschrockene Zeugenschaft und unmittelbar-persönliches Engagement (um sich hier eines zeitgeistigen Terminus zu bedienen) könnten hier Ausgangspunkte einer entsprechenden Entwicklung sein. Eine Orientierung gemäß solchen Werten ist fraglos unbequem (zuweilen auch gefährlich), weil sie der "Masse" als unkalkulierbares Risiko erscheint; für den Gläubigen selbst stellt sich dann zum wiederholten Mal die Frage von Freiheit der Entscheidung und persönlicher (Mit-)Verantwortung. In diesem Zusammenhang erweist sich dann orthodoxes Philosophieren als mit dem konkreten Lebensvollzug notwendigerweise auf das Engste verbunden.

Mit Segenswünschen und herzlichen Grüßen,
Erzpr. Peter
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theofan
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Beitrag von theofan »

Lieber Peter,

ich wünsche dir und der Orthodoxie natürlich von ganzem Herzen, dass du deine hochgesteckten Ziele erreichen mögest. Ich wusste nicht, dass du schon so "steinalt" :wink: bist und daher besonders schnell Fasten und Beten musst.

Ich mag dir als 1968 Dreijähriger da auch keine klugen Ratschläge geben wollen, meine aber, dass du dringend einen geistlichen Führer suchen solltest (so du noch keinen hast), der dein Drängen in der orthodoxen Bahn zu halten vermag.

Ich persönlich bin mit 34 zur Orthodoxie gekommen und halte das davorliegende Stück Leben zwar nicht für verschenkt (dort liegen schließlich die Grundlagen für meine innere Wende), spüre jedoch immer wieder auch das "Versäumte" auf meinem geistlichen Weg.

Johannes Klimakus hat vierzig Jahre als Eremit gelebt, Theophanes der Klausner immerhin achtundzwanzig.

Ich würde für mich selbst nach siebenjähriger Zugehörigkeit zur Orthodoxie (ohne Rückzugsmöglichkeiten aus dieser Welt) immer noch nicht die Bezeichnung "Christ" in Anspruch nehmen wollen :oops: und eine meiner großen Bitten an Gott ist, Er möge mir ein meiner Dumm- und Trägheit angemessen langes Leben schenken, um den einen oder anderen Schritt noch zu tun. Wenn ich mir überlege, wie schwer es mir fällt, einige der mir in meinem "ersten Leben" anerzogenen Ideen als falsch zu erkennen und abzulegen, und wenn ich so lese, was für Ideen so alles in deinem Kopf wirken (! sie tun es, vocatus atque non vocatus) - da hast du dir aber etwas vorgenommen...

Ich werde diesen Thread gespannt weiter verfolgen, auch wenn ich zur Sache selbst mangels Weisheit die nächsten zwanzig, dreißig Jahre vorerst lieber noch schweige.

Gottes Gnade!
Hans-Peter
peter
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Eremitage und Führung

Beitrag von peter »

Lieber Erzpriester Peter, lieber Hans-Peter,

Nicht nur das Tempo, sondern vor allem die Intensität des Fastens und Betens will ich in der "übrigen Zeit" meines Lebens zu steigern versuchen,
was demnächst das orthodox-christliche Problem "Askese in der 'zivilisierten' Welt" aufwirft, lieber Theofan. Dazu gehört die allgemeine Frage nach "Rückzugsmöglichkeiten aus dieser Welt", evtl. in deutsche Klöster oder in selbstgebastelte "Eremitagen" ? Philosophisch gesehen, habe ich ein Problem damit, ob man überhaupt als "Geworfener" die Möglichkeit hat, aus dieser Welt auszusteigen (weil das Ich ja überallhin folgt, als Schatten, auch ins Kloster). Aber vom "Hineinwachsen ins Christusmysterium" her gedacht, wird die gewählte Selbstisolation - wohl eher / früher noch im Verbund mit Gleichgesinnten (das Eremitendasein als höhere Stufe) - sicherlich auf schnellere Weise Früchte tragen. Übrigens hatte ich einst, im Kontext einer alten Romankonzeption, die Phantasie, einen (imaginierten) Einsiedler oberhalb des Eibsees in dessen Höhle am Zugspitzmassiv aufzusuchen. Armes Deutschland, wo sind hier unsere "Höhlen" und "Klüfte" ... ?
Lieber "Protopeter" (darf) ich Sie so nennen ?), Hans-Peter rät mir einen "geistlichen Führer" an. Wenn es aktuell im deutschsprachigen Raum so einen Menschen geben sollte, wären Sie nach allem Bisherigen einer der wenigen, der die erforderlichen "Qualitäten" aufzuweisen scheint, wenn das nicht schon wieder eine respektlose Bemerkung ist. An dieser Stelle möchte ich Ihnen ausdrücklich für Ihr segensreiches Wirken im Forum
danken. Sie sprechen mit dem Wort "konservativ" eine der Wunden an, die mein philosophisch-politisches Leben bislang begleiteten. Denn in den
vergangenen Jahrzehnten wurde nicht nur in "linker", sondern durchaus in breiterer Öffentlichkeit dieses Wort mit dem "Bestehenden" (Adorno), also in Bezug auf "Fortschritt" Rückschrittlichen, Zurückbleibenden, Stockigen,
Stockkonservativen, Stockreaktionären verbunden. Auch die "Orthodoxie"
jeder Couleur, galt bis heute in diesem Zusammenhang als eine Sache der "Altvorderen", der "Ewiggestrigen", bestenfalls noch der "Hardliner", z.B. der "orthodoxen" Kommunisten. "Orthodoxe" Juden und Muslims waren "Buch- oder Buchstabengläubige ", "Übergenaue/Überstrenge", "Mittelalterliche", "Antiquierte" und dgl. Ähnliche Zuweisungen mußte ich erleben, seitdem ich Orthodoxer Christ wurde. Schon zur Studentenzeit hörte ich von einer früheren Freundin: "Mit einem, der 'orthodoxe' Ansichten hat, würde ich n i e pennen" (klingt mir heute noch im Ohr).
Und immer wieder wird versucht, gerade auch von konfessioneller Seite,
uns "Orthodoxe" aufs (ur)alte Geleise zu schieben, weil man ja sehr viel
liberaler und moderner sei (Protestanten), oder dem wissenschaftlichen
und kulturellen Zeitgeist "bei weitem" aufgeschlossener (Katholiken).
Weshalb ich diese Frage hier angehe ? Weil sich hier eine wunderbare
"dialektische" Umkehrung für uns Orthodoxe eröffnet: Das Konservative (von conservare, lat. bewahren) erweist sich im Bezug zum "Ältesten",
zum "Christusmysterium" im Rahmen authentischer Tradition, als der
wahre Kern jedes "Neuen", als Ausgangsbasis jedes überhaupt noch denkbaren oder tatsächlichen "Fortschritts". Das wahre Alte wird zum wirklich Neuen; das Scheinbar-Neue, das "Ultra"-Moderne, der jeweils letzte Schrei, zum Schnee von gestern, zur "Zeitung" im Müll. Orthodoxie wird in diesem Sinne zur Speerspitze jeder "Innovation" überhaupt, zum "Hammer" des geistig-kulturellen Durchbruchs, zunächst bei sich selbst, dann aber vielleicht auch in der Gesellschaft. Gelingt es uns hier in Deutschland, die Orthodoxie zu "(re)implantieren" ? Schließlich waren
wir im 1. Jahrtausend "orthodox", übrigens auch europaweit, was die
Konfessionen garnicht gerne wahrhaben wollen. Und "Weltorthodoxie" als Projekt gehört eben zu meiner "Utopie", was denn sonst ? Also irgendwie müssen wir noch heraus aus dem Muff, in den wir von interessierter Seite schnell gepackt werden. Aber aus jeder Liturgie erkennen wir ja intuitiv, wie erhaben unser "konservativer" Gottesdienst
gegenüber allen "neueren" Entwicklungen ist. Ergo: Orthodoxe Philosophie
(das möchte ich fest umarmen) hat als "unbestrittene Grundlage und absolutes Zentrum das Christusmysterium". Die "Sophia theou" folgt "dem
heilsökonomischen Prinzip der Umschreibung des Unbegrenzten". Sie ist
ein Bekennen des "Ewigen, Unvergänglichen und Zeitlosen" ! Es gab mal
einen Physiker, ich glaube es war Hawking, der sagte, die Natur schuf sich
im Menschen ihren eigenen Beobachter. Das ist nur die halbe Wahrheit,
Gott schuf sich im Menschen den möglichen "Be-Ob-Achter") der Natur
und Seiner Selbst.

Leider viel zu geschwätzig und redselig Peter
(si tacuisses, philosophus mansisses)

Beim Nüsseknacken brachte mich grade meine Allerliebste auf den Satz
von Basilios (?): "Wenn Du mehr zu sagen hast als Schweigen, dann rede"
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
protopeter
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Beitrag von protopeter »

Lieber Peter !

Nach allen Diskussionen, Meinungsaustäuschen und hochfliegenden Gedanken bin ich aus diversen Gründen wirklich tief berührt - meinerseits handelt es sich bei alldem letzten Endes um den Versuch, eine Annäherung an Fragen, die wir ohne den Beistand des Göttlichen Logos und der buchstäblichen Inspiration des Allheiligen Geistes aufgrund unserer eigenen Schwachheit nicht zu lösen vermögen, zu suchen. Indes - das Bemühen, einer orthodoxen Philosophie nahezukommen, die eben auch ein klarer Ausdruck in Verbindung mit unserer praktischen Lebenshaltung sein sollte, erfüllt gerade in einer Epoche, die den "Jahrmarkt der Weltanschauungen" zum selbstverständlichen Prinzip erhebt, einen besonderen Sinn.

Die Frage nach der "Konservativität" orthodoxen Glaubens und Lebens erscheint mir am Zutreffendsten im Wort des Völkerapostels, das bei I Thess 5,16 zum Ausdruck kommt, dargestellt - es ist dies zugleich die Aufforderung, in einer konstruktiv-kritischen Haltung, die durch das Bekenntnis an den Lebendigen Gott in besonderer Weise geprägt ist, vorzugehen. Hierin sind sowohl die Tiefe der Theanthropie, die Urgrund allen Seins ist, sowie der im umfassendsten Wortsinn christlich zu nennende Freiheitsbegriff erfaßt; beides müssen ohne jeglichen Zweifel Konstitutivelemente einer orthodoxen Weltsicht sein. Bedauerlicherweise ist in manchen Kreisen, die sich als "orthodox" apostrophieren, eine bestimmte Ängstlichkeit, die allzu oft das "Althergebrachte" unreflektiert beschwört, zu bemerken; es müßte sich dagegen vielmehr darum handeln, die urewige Dynamik der Erlösung in den Vordergrund zu stellen, die unter anderem im schon mehrmals genannten consensus Patrum ihren äquivalent-deutlichen Ausdruck findet.

Die altehrwürdig-rechtgläubige Tradition, deren Verbreitung im Laufe der Kirchengeschichte gleichsam in konzentrischer Kreisgestalt erfolgte, weist immer wieder auf den Fleischgewordenen Logos als ihren Ursprung und Mittelpunkt hin: Das damit verbundene gewaltige Mysterium ist das einzige Kriterium demgemäß ein jegliches menschliche "Weisheitsdenken" von begrenzt-egozentrischer Absurdität in wahrhaft universelle Sinngebung erhoben wird; die kirchenväterlichen Zeugnisse aller Jahrhunderte bestätigen dies in unbezweifelbar-eindrucksvoller Weise.

In diesem Sinne ist der von Ihnen genannte Begriff "Weltorthodoxie" eine wesentliche Aufgabe; ein im Hinblick auf diese Frage "unverdächtiger Zeuge", der Kulturphilosoph und Historiker Oswald Spengler, schrieb in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg: "Dem Christentum Dostojevskijs gehört das nächste Jahrtausend", wobei er damit in erster Linie auf den Zusammenhang von Gottes-, Menschen-, und Gesellschaftsbild orthodoxer Prägung (im Kontext russischer Kulturgeschichte) verweisen und daraus entsprechende Perspektiven ableiten wollte. So gesehen scheint die von Ihnen genannte "Utopie" für den Fortbestand (und eine mögliche Ausfaltung) aus dem Glauben kommender Werte durchaus wohl begründet - dies verstärkt sich auch im Erkennen der "Beliebigkeiten", denen sich das abendländisch geprägte Christentum durch Mittelalter, Moderne und Postmoderne hindurch oft genug allzu bereitwillig öffnete.

Die besondere Verantwortung für die Erhaltung und Vermittlung der Authentizität fordert von uns unbedingt die (Weiter-) Entwicklung dialogischer Strukturen - dies möge in der Welt von heute ein Zeichen echter Apostolizität (im wörtlichen Sinne !) unserer Kirche sein !

Mit herzlichen Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
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Sebastian
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Re: Eremitage und Führung

Beitrag von Sebastian »

Peter hat geschrieben:Lieber Erzpriester Peter, lieber Hans-Peter,

Nicht nur das Tempo, sondern vor allem die Intensität des Fastens und Betens will ich in der "übrigen Zeit" meines Lebens zu steigern versuchen,
was demnächst das orthodox-christliche Problem "Askese in der 'zivilisierten' Welt" aufwirft, lieber Theofan. Dazu gehört die allgemeine Frage nach "Rückzugsmöglichkeiten aus dieser Welt", evtl. in deutsche Klöster oder in selbstgebastelte "Eremitagen" ?
Hallo Lieber Peter :) !

Vorhin habe ich einen sehr langen Beitrag zu der aufgekommenen Frage nach "Rückzugsmöglichkeiten aus dieser Welt" und den Schwierigkeiten die man bei der sog. Metanoia hat, verfasst. Dieser ist mir leider abgestürtzt :? Ich versuche morgen nochmal. Betonen möchte ich, dass mE nach dies der bisher Strang ist den du eröffnet hast. :D

Sebastian
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Sebastian
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Beitrag von Sebastian »

Hallo Peter, hier mein etwas gekürzter Beitrag (zu den Nebenthema "Rückzug aus dieser Welt") von Gestern, der mir leider abgestürtzt ist. Ich gehe aber einen Beitrag von dir zurück um dann auf den Rückzug zu kommen.
Peter hat geschrieben:Aber der Dämon des Negativen läßt meinen Geist nicht los, ich ringe mit ihm seit mehr als 40 Jahren, seit der "Studentenbewegung" und dem nachhaltigen Einfluß ihrer geistigen Ziehväter. Da ich seit meiner Aufnahme in die Orthodoxie (übrigens am 30.12. vor fünf Jahren) Jesus Christus recht verstanden habe, der ja sprach: "Ohne mich könnt ihr nichts tun", bete ich seitdem um geistliche Hilfe.
Peter !

Da bist du schon ein ganzes Stück weiter als ich :) Vom Verstand her kann ich das Christusmysterium leider nicht recht erfassen. Ich muss es glauben, womit -und das muss ich ehrlich eingestehen- ich manchmal zu kämpfen habe. Kämpfen mit dem Dämon des Unglaubens, bzw. des Zweifels. Das Hineinwachsen in das Christusmysterium gestaltet sich gar nicht so leicht. Ein anderer zäherer "Geist" macht mir sehr viel angst. Als Menschen unterliegen wir immer mehr dem Alltag als Ganzes gesehen; Dem Alltag mit all seinen Facetten. Die auf uns einströmenden Dinge (zu ver/bearbeitende Informationen) des Alltages hinterlassen -für uns mitunter negative - Spuren. So sind Müdigkeitserscheinungen genauso im Glaubensleben zu finden, wie in allen anderen Bereichen unseres menschlichen Daseins. Ich denke hier muss Metanoia ansetzen. Aber wie dem Menschen, (wie der Metanoia) der am "Ausgangspunkt" (Vater Peter) sich befindet einen "Startschuss" verpassen?
Ich überspitze mal ein wenig, aber so war es manchmal bei mir:

Die meiste Zeit des Tages, also am Arbeitsplatz, ist man mit den verschiedensten Problemsituationen konfrontíert, die es heisst zu lösen. Arbeit wird eher mehr, als weniger. Dazwischen wirft man kurze Blicke ins Web, liesst Nachrichten (Aha... wieder 100 Tote hier, 100 Tote dort) und schaut mal im Forum vorbei. Man kommt nach Hause, die blöde "Glotze" dudelt schon vor sich hin. Man verspürt das Bedürfnis seiner Seele etwas Gutes zu tun, doch da klingelt auch schon das Telefon. Sind Telefon und Fernseher endlich aus, meldet sich der Magen... Schnell noch mit der Liebsten einkaufen, doch "Schnell" lässt sich belibig ausdehnen. Schwer bepackt nach Hause kommend, heisst es erst einmal Taschen leeren und Essen machen. Nach dem Essen kann man zumindest sagen, man hätte ein Bedürfnis befriedig. Und das Bedürfnis meiner Seele? Später, denn Küche sieht zum Wegschauen aus. Während des Abwaschens bemerkt man, dass der Fernseher mal wieder "Informationen" (mit unterschiedlich bedeutsamen Gehalt) von sich gibt. Ist die Küche geputzt, möchte der Partner sich mit einem über Verschiedenes noch unterhalten. Ein Blick auf die Uhr ( man ist froh, dass nicht noch mehr kam, z.B.unangekündigter Nachbarbesuch) löst kopfschütteln aus, da es schon 22:00Uhr ist. Müdigkeit macht sich breit, die Augen fallen zu. Man geht zu Bett. Der letzte Blick vor dem Einschlafen fällt auf die gegenüberliegende Wand bzw die daran hängende Ikone. Jesus Christus strahlt mich irgendwie an. Ganz freudig und liebevoll, als wolle Er mich zu sich ziehen. Doch ich Idiot drehe mich um und denke nur: "Ach nicht heute, morgen." und schlafe ein. Nicht mal ein kurzes Herzensgebet - über den Tag hinweg. Keine Zeit für Christus an solchen Tagen? Gerade beim schreiben schäme ich mich, denn ich frage mich wieviel mir Christus an solchen Tagen bedeutete? Rückzug aus der Welt, Metanoia, Umkehr, ständige Erneuerung/Verfestigung im Glauben? Pustekuchen.
Kann man sich aus dieser Welt zurückziehen? Ich sage: Ja, doch es ist z.T. sehr schwer, da wir mit dieser Welt partizipieren. Ich muss es mir bewusst machen. Bewusst werden, dass Christus einen ständigen Platz braucht. Orthodoxe Philosophie, meine persönliche Einstellung und mein Lebensgestaltungswille muss durch das Christusmysterium durchdrungen sein. ER muss an erster Stelle stehen.


Solche, oder ähnliche Tage, wie oben beschrieben, wurden für mich unhaltbar. Ich mache es nun so, dass ich am Anfang eines jeden Tages Christus für den Tag mit einplane und wenn ich nur eine 1/4 Stunde Zeit zum Gebet einplane. Hört sich vielleicht komisch an, aber vergessen möchte ich IHN nicht mehr
peter
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Orthodoxie und Alltag

Beitrag von peter »

Lieber Sebastian,

Dank Dir für Deinen herrlich offenen Beitrag. Wie Erzpriester Protopeter gestern feststellte, ist das Theanthropische ein "gewaltiges Mysterium".
Ihm nahezukommen, es "einzuverleiben", muß mit Geist, Seele, Herz, Gemüt, mit ganzem Willen geschehen. Das ist unsere Lebensaufgabe.
Also nicht verzagen. Der Herr über das ganze Universum (!!!) mit all seinen Myriaden von Galaxen, Sternhaufen, Sonnen, Planeten hat uns für würdig erachtet, in Jesus Christus, dem All-Barmherzigen, seiner gewahr zu werden. Und dank des "Beistand(s) des Göttlichen Logos und der buchstäblichenInspiration des Allheiligen Geistes" (Protopeter) können wir aus der Schwachheit, den alltäglichen Schwächen und Sünden erstehen. Du hast recht, wir sollten auch über "Orthodoxie und Alltag bzw. Arbeit" sprechen. Der Dämon des Alltags ist der Geist der Welt selber, die Last der Arbeit Auswirkung dieses Geistes nicht minder ("im Fluche Eures Angesichtes ...").
Aber wie Du selbst in diesem Strang formuliertest: "Gerade, weil Gott
uns liebt, legt er uns Bürden auf, gibt Er uns ein Kreuz, läßt er nicht alles Üble von uns". Das Negative, das Böse, das Übel, um den dialektischen
Kontrahenten zu umschreiben, ist das überall und jederzeit lauernde
Chamäleon, bereit, "uns alle zu verschlingen". Deshalb ist ein sozusagen
philosophisch-orthodox geregeltes, zumindest mehr und mehr beeinflußtes und durchdrungenes Alltags- und Arbeitsleben die beste
Garantie dafür, Paroli zu bieten: intensives Kirchen- und Gemeindeleben,
Morgen-, Tages- und Abendregel, Jesusgebet zu jeder Gelegenheit,
praktische Nächstenliebe, Glaubenslektüre u.v.a.m. setzen im beliebig
gemischten Alltag die wachsenden Kontrapunkte gegen alle Listen des Kontrahenten. Kleiner Tip: Muß denn der Fernseher immer "dudeln" ?
Man kann ihn doch auch abschalten. Ich schaue seit Jahren eigentlich
grade mal die Tagesschau, und wenn's hochkommt, mal ganz gezielt
eine wissenschaftliche Sendung. Zeitraub ist auch satanisch.
Also (mit Protopeter): "Fleischgewordener Logos als ... Ursprung und
Mittelpunkt" unserer "altehrwürdig-rechtgläubige(n) Tradition" !

Dein Peter in Arbeitskluft und Alltagsgewand
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
protopeter
Priester
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Registriert: 24.07.2006, 21:21
Wohnort: Salzburg

Beitrag von protopeter »

Liebe Brüder in Christus !

In unseren Bemühungen, Wesen und Eigenschaft orthodoxer Philosoophie nahezukommen, scheinen wir tatsächlich einen entscheidenen Schritt weitergekommen zu sein, da orthodoxer Glaube sowie eine daraus entspringende Lebensgestaltung als absolute Einheit Bestand haben. Diese Einheit wurde in der Verklärung allen Seins im Göttlichen Ungeschaffenen Licht zur greifbaren Realität, bindet uns in die lebendige communio mit Gott und Seinen Heiligen, definiert auf diese Weise unsere spezifische Würde - und erlegt uns einen mit großer Verantwortung verbundenen Auftrag auf: Alle im Gottmenschlichen Mysterium Verankerten und durch die Teilhabe an der offenbarten Wahrheit mit einem neuen, erneuerten Bewußtsein Ausgestatteten sind dazu gerufen, in wahrhaft kreativer Weise (und sei es in noch so bescheidenem Rahmen) tätig zu werden - hier mag es sich vor allem auch darum handeln, ein glaubwürdiges Zeugnis im Alltag abzulegen

Der schon genannte Rückzug aus der Welt - welche Bedeutung kann und darf dieser dann haben: Vollkommene Isolation, Suche nach der apatheia, einer "Leidenschaftslosigkeit" (doch in welchem Maß kann diese gelebt werden, sodaß sie nicht zu Abstumpfung und Gleichgültigkeit degeneriert ?!) ? "Rückzug" ist in weiterer Folge also keinesfalls mit "Abwendung" auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen; gerade die geistliche Tradition unserer Kirche legt die wesentliche Tatsache offen, daß im Lichte der Frohen Botschaft eine Neubesinnung und Neubewertung der "Dinge dieser Welt" ermöglicht sind - gerade auch im Hinblick einer im ursprünglichen Wortsinne dringend notwendigen Kritik, die dann eben tatsächlich zu einer umfassenden Unterscheidung der Geister zu werden vermag.

Es steht vollkommen außer Frage, daß diese Fähigkeiten nicht im Handumdrehen zu "erlernen" oder zu "erwerben" sind - gerade aus der asketisch-spirituellen Überlieferung unserer Kirche ist bekannt, daß sich selbst große geistliche Persönlichkeiten gleichsam Tag für Tag um diese Klarsicht mühten. Aus all dem bisher in den diversen Beiträgen Gesagten wird klar, daß orthodoxe Weisheitsliebe eine allganze Annäherung an die Heilsgeheimnisse zum Inhalt haben muß; in der hesychastischen Tradition wird das Wort von der Gottesschau besonders apostrophiert - darin offenbart sich eine Wahrheit, die sich außerhalb aller nur möglichen menschengemachten Denksystemen bewegt, jedoch unmittelbar, konkret und ohne jegliche Abstraktionen gegenwärtig ist.

Mit herzlichen Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
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Sebastian
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Beitrag von Sebastian »

Sie sprechen mit dem Wort "konservativ" eine der Wunden an, die mein philosophisch-politisches Leben bislang begleiteten. Denn in den
vergangenen Jahrzehnten wurde nicht nur in "linker", sondern durchaus in breiterer Öffentlichkeit dieses Wort mit dem "Bestehenden" (Adorno), also in Bezug auf "Fortschritt" Rückschrittlichen, Zurückbleibenden, Stockigen,
Stockkonservativen, Stockreaktionären verbunden. Auch die "Orthodoxie"
jeder Couleur, galt bis heute in diesem Zusammenhang als eine Sache der "Altvorderen", der "Ewiggestrigen", bestenfalls noch der "Hardliner", z.B. der "orthodoxen" Kommunisten. "Orthodoxe" Juden und Muslims waren "Buch- oder Buchstabengläubige ", "Übergenaue/Überstrenge", "Mittelalterliche", "Antiquierte" und dgl. Ähnliche Zuweisungen mußte ich erleben, seitdem ich Orthodoxer Christ wurde. Schon zur Studentenzeit hörte ich von einer früheren Freundin: "Mit einem, der 'orthodoxe' Ansichten hat, würde ich n i e pennen" (klingt mir heute noch im Ohr).
Und immer wieder wird versucht, gerade auch von konfessioneller Seite,
uns "Orthodoxe" aufs (ur)alte Geleise zu schieben, weil man ja sehr viel
liberaler und moderner sei (Protestanten), oder dem wissenschaftlichen
und kulturellen Zeitgeist "bei weitem" aufgeschlossener (Katholiken).
Weshalb ich diese Frage hier angehe ? Weil sich hier eine wunderbare
"dialektische" Umkehrung für uns Orthodoxe eröffnet: Das Konservative (von conservare, lat. bewahren) erweist sich im Bezug zum "Ältesten",
zum "Christusmysterium" im Rahmen authentischer Tradition, als der
wahre Kern jedes "Neuen", als Ausgangsbasis jedes überhaupt noch denkbaren oder tatsächlichen "Fortschritts".
Lieber Peter !

jetzt mal wieder ein "Päckchen" von mir ;) . Ich würde gerne all die von dir aufgeworfenen Themenaspekte in jeweils einem Beitrag vereinigen, doch denke ich würde ich bei der "Fülle", der angesprochenen Punkte von der "roten Schnur" schnell abkommen.

Für das oben zitierte möchte ich dir vom Herzen danken! Ganz besonders unterstreichen möchte ich dabei nochmals:
Das Konservative (von conservare, lat. bewahren) erweist sich im Bezug zum "Ältesten",
zum "Christusmysterium" im Rahmen authentischer Tradition, als der
wahre Kern jedes "Neuen", als Ausgangsbasis jedes überhaupt noch denkbaren oder tatsächlichen "Fortschritts".
Dem habe ich weiter auch nichts hinzuzufügen. Der Terminus "KONSERVATIV" erfährt aktuell eine unwahre Umwandlung. Konservativ = rückständig, altmodisch, überholt... etc. aber ganz besonders reformunfähig. Alles soll reformiert werden: Kirche, Dogmen und natürlich die Menschen, die in und mit der Kirche leben. Wer dazu nicht bereit ist, auf den fällt dann der Ruf eines "Überholten", "Rückständigen". Ausgehend von dem bewahrenden Verständnis des Wortes konservativ (danke Peter auch für den kurzen Hinweis auf das "Bewahren"), bekommt der Begriff jedoch eine total andere Bedeutung. Die Wahrheit, die der orthodoxe Christ erkannt hat, nicht zu reformieren, sondern sich und der Gemeinschaft zu bewahrenist meines Erachtens ein Teilaspekt orth. Philosophie; die Lebenseinstellung des Gläubigen zum Glauben an das Christusmysterium.
Das "Reformproblem" bzw die Falschauffassung des Wortes Reform ist nicht zu unterschätzen. Während man in anderen christlichen Gemeinschaften durch Reformen die göttliche Wahrheit durch einen immerwährenden Prozess der Reformation ständig neu erfinden möchte geht es mir darum nicht Gott reformieren zu wollen, sondern mich in einem Prozess der lebenslangen Neujustierung ständig Gott wiederzufinden (zum Bsp. wenn man etwas abkommt vom göttlichen Weg, verflacht, einschläft)... nun und so kommen wir zurück zu den Rückzugsmöglichkeiten aus dieser Welt ;)
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