Die Ökumene

Beziehung zum nichtorthdoxen Christentum
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protopeter
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Beitrag von protopeter »

Lieber Bruder Milo !

Genau diese Art Sorgen sind es, die auch ich mir um die Orthodoxe Kirche mache

- daß in Rücksicht auf diplomatisches Vorgehen wesentliche Dinge, die einer notwendigen Klärung zur Wahrheitsfindung bedürfen, nicht ausgesprochen werden können

- daß hierarchische Vertreter unserer Kirche, die (in unterschiedlichem Ausmaß) von der Idee des Ökumenismus fasziniert sind, ihrer Verantwortung gegenüber der Tradition, ihrem Gewissen und dem Kirchenvolk nicht oder nur unzureichend gerecht werden

- daß folglich ein wirklich tiefgreifender "Dialog der Wahrheit" niemals stattfinden kann und darf, der Orthodoxen Kirche dafür jedoch die entsprechende Vorgangsweise, wie zur "Einheit" zu kommen ist, aufoktroyiert wird.

Es würde nötig sein, diese sogenannte "Ökumene", die sich solcher und ähnlicher Schachzüge zur Erreichung ihres Zieles bedient, von orthodoxer Seite zu meiden, da es unter Berücksichtigung unserer grundlegenden Positionen absolut unmöglich ist, in für den kirchlichen Bestand wesentlichen Fragen auf (wie auch immer geartete) Kompromisse einzugehen !

In brüderlicher Verbundenheit grüßt
Erzpr. Peter
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theofan
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Beitrag von theofan »

Liebe Brüder und Schwestern,

ich möchte gern zu diesem Thema einen Teilaspekt ansprechen, über den ich schon länger nachdenke.

Die sehr interessanten Links von Walter zeigen ja, dass es theologisch wohl früher oder später gelingen mag, die jahrhundertelang gehegten und immer wieder neu begründeten Differenzen so zu formulieren, dass jede Seite damit leben kann.

Gibt es aber nicht zwischen Ost und West einen ernsthaften Unterschied auch auf "psychologischem" Gebiet, in der Rezeption des Glaubens, also etwas, was sich vorwiegend in der Theopraxis auswirkt? Ist dieser Unterschied nur dem filioque und so weiter geschuldet, oder ist es nicht auch eine bestimmte mentale Profilierung der Ostvölker, die sie vor juristischem, protestantischem, individualistischem Geist schon immer bewahrt hat?

Nehmen wir an, Westeuropa wäre immer noch völlig heidnisch, und würde gerade erst missioniert. Wo ist denn die Garantie, dass (auch ohne filioque und Fegefeuer) nicht in zweitausend Jahren wieder die gleiche Veräußerlichung des christlichen Glaubens eintreten würde?

Ist es nicht bereits jetzt so, dass viele "zugereiste" Orthodoxe erst einmal ein Problem mit unseren eigenen laxen west-orthodoxen Sitten haben? Ist es nicht sehr eigensinnig von uns, in vielem besser zu WISSEN, was orthodox ist und was nicht? Jahrhundertelang sind orthodoxe Russinnen (u.a.) selbstverständlich mit Kopftuch in die Kirche gegangen, und niemals zur Eucharistie während bestimmter Tage. Und sie haben nie nach einer theologischen Begründung dafür verlangt. Ich weiß, das das keine grundsätzlich theologische Frage ist, aber es ist nur eines von vielen Beispielen, in denen unser westlicher Geist uns mit unseren östlichen Brüdern und Schwestern entfremdet.
Siehe auch die Ereignisse in der britischen russischen Orthodoxie.

Ich beziehe diese Überlegungen explizit nicht auf eine bestimmte Nationalkirche, aber es ist doch anschaulich, dass wir hier im Westen geneigt sind, das Ökumene-Problem theoretisch-theologisch anzugehen, während je östlicher je mehr ein eher "gefühltes" Fremdsein gegenüber katholischen und anderen Theopraxen das Verhältnis dominiert.

In dem von Walter verlinkten Schriftwechsel schreibt Kard. Ratzinger den beeindruckenden Satz:
Lieber Bruder und Freund, wir beide leiden darunter, daß wir nicht miteinander Eucharistie feiern dürfen, und gerade das eint uns.
Hier im Westen kann man - im persönlichen Kontakt- dieses Gefühl nachvollziehen. Auch ich kenne Katholiken, mit denen ich gerne interkommunizieren würde, filioque hin oder her.
Ich meine aber, dass dieses Leiden in den allermeisten orthodoxen Kerngebieten sehr wenig ausgeprägt ist (wahrscheinlich ebenso in urkatholischen Gegenden) und diese "gefühlte" Fremdheit daher auch in der Diskussion und in der Darstellung der Problematik viel mehr berücksichtigt werden muss.

Wie seht Ihr das?


Einen gesegneten ersten Advent :wink:

Peter
Ehre sei Dir oh Herr

Beitrag von Ehre sei Dir oh Herr »

Lieber TheoFan,

an einigen Gedanken ist sicher etwas dran.
Allerdings, nehmen wir mal die angesprochenen Russinnen.
So einfach kann man das alles nicht sagen.
Ich habe mal eine Erklärung gelesen, wo geschrieben wurde, dass man hier im Westen mehr mit dem Verstand und im Osten mehr mit dem Herzen glaubt, getreu der Geschichte, wo (sinngemäß) in einem Saal 2 Türen sind, auf der einen steht zum Reiche Gottes und auf der anderen über das Reich Gottes. Die Russen stürmen in die erste Tür und die Deutschen stellen sich artig an der 2. Tür an...
Auf Russland bezogen wirkte wohl das Christentum aus Byzanz, aus Bulgarien oder aus dem Westen (sprich Böhmen) ein...
Es gibt allerdings (ich weiß das zumindest von der Ukraine) auch evangelische Kirchen, wenn auch nicht so viele.

Na, ich bin gespannt auf andere Gedankengänge zu diesem Thema..

L.G. René
Walter
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Registriert: 01.06.2006, 18:53

Beitrag von Walter »

TheoFan hat geschrieben:Gibt es aber nicht zwischen Ost und West einen ernsthaften Unterschied auch auf "psychologischem" Gebiet, in der Rezeption des Glaubens, also etwas, was sich vorwiegend in der Theopraxis auswirkt? Ist dieser Unterschied nur dem filioque und so weiter geschuldet, oder ist es nicht auch eine bestimmte mentale Profilierung der Ostvölker, die sie vor juristischem, protestantischem, individualistischem Geist schon immer bewahrt hat?
Die Lebensumstände der Menschen wirken sich sicher auch auf die Theopraxis (auch innerhalb von Völkern und Kulturen) aus, dass es aber Volkstypen gibt, die für das orthodoxe Christentum mehr oder weniger geeignet sind, glaube ich nicht. Auch Mentalitäten können sich sehr schnell ändern oder geändert werden. Das zeigt sich auch am Beispiel der immer noch unübersehbaren Unterschiede in der Ost- und Westmentalität.

Sie wird gerade im Osten als scheint's uraltes Kulturgut gepflegt, obwohl jeder wissen müsste, des es eben kein religiöses oder etnisches Gefälle zwischen Ost- und West gab (und wenn waren die eher unter anderem Vorzeichen), sondern dass die Unterschiede durch totale Trennung und radikale Umerziehung (in nur einer einzigen Generation!) erzwungen wurden (und zwar von außen und auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs).

Insgesamt gesehen herrscht in Europa auch eher eine Nord-Süd- als eine Ost-West-Polarisierung (die ist wahrscheinlich auch eher durch das im Osten vorherrschende Kontinentalklima bestimmt).

Die Verteilung von griechisch-orthodoxen und römisch-katholischen Christen in Europa hat m.E. auch nur politische Ursachen.

Dafür spricht auch auf jeden Fall die Tatsache, dass die Ausbreitung von Orthodoxie und Katholizismus weltweit, wo die Unterschiede zwischen den Kulturen ja noch weit größer ist, überhaupt nichts mit den missionierten Völkern selbst zu tun hat, sondern in erster Linie davon abhängig ist, wer wann wo missioniert hat.

Gruß
Walter
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protopeter
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Beitrag von protopeter »

Liebe Forumsteilnehmer !

Zu dem bereits Gesagten würde ich noch einen weiteren, meines Erachtens nicht unwesentlichen Aspekt, der heute das römisch-katholische (und mithin ebenso das protestantische) kulturelle Bewußtsein von der orthodoxen Auffassung wesentlich trennt, einfügen. Dabei handelt es sich um die dualistische Sichtweise, die nicht nur "Geist" und "Materie", sondern auch "Glauben" und "Wissen" voneinander in gerade unversöhnlicher Weise zu unterscheiden scheint; die Entwicklung dieser gespaltenen Weltsicht zieht sich in den abendländischen christlich geprägten Zivilisationen von der Scholastik über Humanismus und Aufklärung bis hin zur antitheistischen Weltsicht der Postmoderne. Dagegen steht die orthodoxe Auffassung der All-Einheit des Seins in Gott, als deren unmittelbarste Folge eine grundsätzlich andere Weltsicht ermöglicht sein müßte; doch wurde diese im Laufe der Geschichte immer wieder durch zum Teil gewaltige Beeinträchtigungen diverser Natur an einer entsprechenden Ausformung gehindert.

Als wacher Kritiker im Geist der Kirchenväter erkannte beispielsweise Archimandrit Justin Popovic den Verlust orthodoxen Bewußtseins im Abendland ebenso richtig nicht als die Folge einer grundsätzlich differenten kulturell-zivilisatorischen (eventuell auch nach Mentalitätsunterschieden bedingten) Entwicklung - für ihn ist es die geistige Revolte, die in der Apotheose humanistischer Pseudoideale innerhalb der nichtorthodoxen Bekenntnisse ihren krassesten Ausdruck findet: Der "Mensch von Rom" und der "Mensch von Wittenberg" - beide in symbolhafter Weise verstanden - sind das eigentlich Trennende, die Pervertierung authentisch christlicher Weltanschauung und Kultur.

Wenn wir nun die (vielleicht auch nur kleinen Ansätze einer) Wiederverankerung der Orthodoxen Kirche in jenen Zivilisationen, die ein Jahrtausend lang auch zu unserer Kirche zählten, ins Auge fassen, so besteht eine wesentliche missionarische Aufgabe sicherlich darin, das orthodoxe kulturübergreifende Ethos zu verkünden. Damit meine ich eben nicht gewisse lokale (durchaus mit Berechtigung praktizierte) Gewohnheiten oder Gebräuche, sondern die aus dem gottmenschlichen Erlösungsmysterium kommende Kirchlichkeit in ihrer ganzen, alle zu ihr gehörenden Menschen umfassenden Bandbreite. Es war ebenfalls Archimandrit Justin, der im Kontext der Frage nach einer geistigen Wiedergeburt der Orthodoxie gerade auch die Besinnung auf die - wie er sich ausdrückte - "gottmenschliche Kultur", die gemäß dem Herrenwort der Sendungsberufung bei Mt 28,19 universelle Bedeutung in sich trägt, anmahnte.

Mit besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Milo
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Beitrag von Milo »

Guten Abend.

Ich denke es ist ein sehr komplexes Thema das br. Theophan hier aufwirft...man sieht es anhand der letzten drei Beiträgen, wie sehr sie unterschiedlich an die Sache ran gehen.

Aus meiner Sicht ist es der "alte" Mensch, der auf sein Recht pocht...der Recht haben will, auch Macht über andere, die Welt haben will in seinen Händen. Dieser heidnische (gottfeindliche) Ethos trug sich paralell zum christlich-theozentrischem Leben durch Gebiete und Zeiten durch und durch...den Märtyrern haben wir es zu verdanken (vor allem jenen aus der apostolschen Zeit) das manch einer oder sogar Massen zu Umkehr und Einsicht überzeugt wurden, und somit sie die (orthodoxe) geistige Wiedergeburt tatsächlich erlebten.(Jh 3.5)

Was wir intiutiv spüren aber, ist das es Versuche gab und gibt im "alten Geist" oder "als alter Mensch" den christlichen Glauben "ein-zu-verleiben".
So kommen doch die alten Leidenschaften schnell hoch, und der Mensch setzt wieder sich selbst auf den Thron Gottes. V. Peter hat das ja symbolisch gut dargestelt. Theozentrik wird zur Anthropozentrik, vor allem hier im Westen.
Aufwachsend in solch einer "kirchlichen Tradition", kann mir der jenige nur Leid tun.

Mt11.25Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

An was liegt es also das wir unterschiedliche Auffassungen des Glaubens an Christus haben? Egoismus, Eitelkeit, Hochmut...?

nichtsnutz milo
Walter
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Beitrag von Walter »

Milo hat geschrieben:Was wir intiutiv spüren aber, ist das es Versuche gab und gibt im "alten Geist" oder "als alter Mensch" den christlichen Glauben "ein-zu-verleiben".
So kommen doch die alten Leidenschaften schnell hoch, und der Mensch setzt wieder sich selbst auf den Thron Gottes. V. Peter hat das ja symbolisch gut dargestelt. Theozentrik wird zur Anthropozentrik, vor allem hier im Westen.
Aufwachsend in solch einer "kirchlichen Tradition", kann mir der jenige nur Leid tun.
Lieber Milo,

unsere Hin- und Hergerissenheit zwischen "Theozentrik und Anthropozentrik" gab es schon immer, wird es immer geben, sowohl im Westen als auch im Osten. Lassen wir uns nicht blenden von allen möglichen Schönfärbereien. Der jetzige römische Papst schrieb zu dem Thema schon vor fast 40 Jahren:
Joseph Ratzinger (in [i]'Einführung in das Christentum'[/i], 1968) hat geschrieben:Machen wir uns nichts vor: In jenes Ich der Credo-Formel einzutreten, das schematische Ich der Formel in Fleisch und Blut des persönlichen Ich umzuwandeln, das war schon immer eine aufregende und schier unmöglich scheinende Sache, bei deren Vollzug nicht selten, statt das Schema mit Fleisch und Blut zu füllen, das Ich in ein Schema umgewandelt worden ist. Und wenn wir heute als Glaubende in unserer Zeit vielleicht ein wenig neidisch sagen hören, im Mittelalter sei man in unseren Landen ausnahmslos gläubig gewesen, dann tut es gut, eine Blick hinter die Kulissen zu werfen, wie ihn die historische Forschung heute gestattet. Sie kann uns darüber belehren, dass es auch damals schon eine große Schar der Mitläufer und die verhältnismäßig geringe Zahl der wirklich in die innere Bewegung des Glaubens eingetretenen gab. Sie kann uns zeigen, dass für viele der Glaube doch nur ein vorgefundenes System von Lebensformen war, durch das für sie das aufregende Abenteuer, welches das Wort "Credo" eigentlich meint, wenigstens ebenso verdeckt wie eröffnet wurde.
In dem Kapitel geht es darum, was es heißt, zu sagen "ich glaube" (ganz unabhängig davon, ob man jetzt der West- oder der Ostkirche angehört; das filioque kommt in dem ganzen Buch nicht vor). Leider kann ich nicht alles zitieren, aber ich hoffe, es wird trotzdem klar, worum es geht.

Lg
Walter
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peter
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oekumene 3000

Beitrag von peter »

Liebe Freunde,

die Oekumene-Frage sollte nicht so sehr von Vergangenheit und Tradition,
sondern von der Zukunft her erschlossen werden. Zweifelsohne unterliegt
die orthodoxe Tradition den Einflüssen von Ost und West, kulturellen, politischen, nationalen, ethnischen Besonderheiten. Aber darin besteht ja gerade die Crux, daß die christliche Wahrheit zum Spielball der "Welt" geworden ist. Und ob diese in und durch Jesus Christus offenbarte Wahrheit mehr denkend oder fühlend erschlossen wurde, ist nebensächlich, gegenüber ihrer sozusagen apriorischen Bedeutung. Eine Oekumene der Zukunft, die sich statt einem flachen "Oekumenismus" - oder geschweige der antichristlichen Welteinheitskirche ("religion of the future", Seraphim Rose) - stattdessen der orthodox-christlichen Wahrheit verpflichtet fühlte - oder dieser "gedächte" - müßte sich als "Weltorthodoxie" verstehen, als lebendiger Kern der Wahrheit. Diese Zeiten, wenn sie denn je kämen (das tausendjährige Friedensreich Christi liegt unausgesprochen auf meinen Lippen), scheinen mir fern, vielleicht,
wenn die Geschichte sich nicht vorher in Feuer und Asche auflöst, ca. im Jahre 3000 realisierbar. Damit will ich sagen, daß die Entchristianisierung
programmatisch-bewußt voranstürmt, die anti-christlichen Tendenzen überhandnehmen, und das apokalyptische Geschehen bereits erahnbar wird. "Trachtet zuerst nach dem Himmelreich ...", soll ja zunächst auch
heißen, die Dinge der Welt nicht zu ernst zu nehmen, doch haben wir
in dieser Welt vielleicht auch "transpersonale" Aufgaben. Somit könnte
die Frage einer wahrhaft christlichen Oekumene als "Politik" der
Orthodoxie verstanden werden, mit einem a u c h "irdischen" Ziel vor
Augen, das aber, wenn überhaupt, in weiter Ferne liegt.

Euer trauriger Peter
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
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