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Die deutschsprachige Orthodoxie stellt sich vor
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MariaM
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Re: Konversion

Beitragvon MariaM » 19.08.2015, 11:42

P.S. Entschuldigung, am Ende sollte es heissen "woher das Problem kommen mag" und "die, die die "Mentalität" besser kennen". M.

Kai
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Re: Konversion

Beitragvon Kai » 19.08.2015, 14:23

Vater Paisios (Jung) hat in diesem Vortrag davon gesprochen, dass er in der ganzen Diskussion um deutschsprachige Orthodoxie zwei Dinge immer vermisse: Zum einen die Dankbarkeit denjenigen gegenüber, die die Orthodoxie nach Deutschland gebracht und fortgeführt haben und zum anderen die Demut, sich selbst dem Gottesdienst unterzuordnen. Weiterhin spricht er von Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes - ein sehr hörenswerter Vortrag zu diesem Thema!
Auch der Hl. Ephrem spricht ja von einem Geist der Demut, Geduld und Liebe.
Mich zerreißt es auch zu oft, wenn ich mir alle liturgischen Texte, den Gesang, die Predigt, die Gespräche nach dem Gottesdienst auf deutsch wünsche, wenn ich mich nicht beachtet fühle (oder auch mal mißachtet?), keine Frage und ich stelle mich da auch nicht auf einen moralischen Sockel. Aber:
Ich versuche solche Situationen dazu zu nutzen mich in Demut, Geduld und Liebe zu üben, dankbar zu sein, überhaupt einen orthodoxen Gottesdienst besuchen zu können und darauf zu vertrauen, dass der Heilige Geist wirkt.

Quinni
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Re: Konversion

Beitragvon Quinni » 19.08.2015, 20:09

Kai, ich habe deinen Beitrag bereits heute mittag gelesen, aber bis jetzt mit einer Antwort gewartet. Ich muss auch jetzt noch sehr genau aufpassen, was ich schreibe. Wenn ich deine Worte lesen, kommen sie bei mir so an, als ob sich die orthodoxen Christen über andere stellen dürfen, als ob wir dankbar sein müssen, dass sie uns überhaupt an ihren Liturgien teilnehmen lassen. So was nenne ich Hochmut. Das Gegenteil von Demut. Glaubst du wirklich, nur weil wir weder russisch, griechisch, rumänisch oder was auch immer und dazu nicht orthodox sind, gibt es den Menschen, auf die das zutrifft, das Recht, uns zu ignorieren? Christus hat uns das Gebot der Nächstenliebe gegeben, das beinhaltet auch andere zu respektieren, zu achten. Achten, auch beachten, nicht missachten.

In unseren Gemeiden werden Fremde begrüßt, in die Mitte aufgenommen, ihre Fragen beantwortet. Und nicht über ein Jahr lang unbeachtet stehen lassen. Die Orthodoxie nennt sich das wahre Christentum. Nur Gott mag entscheiden, was wichtiger ist: die orthodoxe Taufe oder das Leben nach den Geboten Jesu Christi. Und wie bereits von einigen beschrieben, scheint dies eine Problematik zu sein, die gehäuft in russischen Gemeinden auftritt.

Ich habe die Liturgien besucht, obwohl ich nichts verstanden habe, ich habe mich ruhig dazwischen gestellt, niemanden gestört. Ich habe mir nicht angemaßt, dass ich alles verstehen muss oder alles auf deutsch sein muss. Es ist nur erstaunlich, dass deutsche Liturgien, Vespern etc geradezu boykottiert werden, nach einem Akathist (auf russisch) alle Mütter fast fluchtartig die Kirche mit ihren Kindern verlassen und genau drei Menschen, manchmal auch 4 in der Kirche sind. Und einer davon ist der Priester. Während des Akathists wird mit Feuereifer gesungen, gelesen, die Kinder lesen immer im Wechsel, auf russisch, eine der Mütter kontrolliert und gibt Hilfestellung. All diese Kinder gehen hier zur Schule, ich glaube, so manchem würde das Lesen auf deutsch wesentlich leichter fallen. Aber es wird nie ein Akathist auf deutsch gelesen, obwohl der Text vorhanden ist. Ich habe mir den Text in Lautschrift besorgt, damit ich mitlesen kann in Gedanken. Sowohl für Akathist als auch Litugie, ich will niemanden stören.

Seit einem Jahr versuche ich, Konversionsunterricht zu bekommen. Ich weiß heute noch kaum etwas mehr als das, was ich gelesen habe. In unseren Gemeinden übernehmen auch erfahrene Gemeindemitglieder solche Unterweisungen. Für mich als Christ ist es wichtig, jemanden, der fragt, der etwas wissen will, weiter zu helfen, so gut ich kann. Nicht ihn sich selber zu überlassen. Denn wenn es das bedeutet, orthodox zu sein, das ich anderen Respekt, Hilfe und Achtung verweigere, dann bleibe ich lieber evangelisch. Und ich glaube nicht, dass das orthodox ist.

Kai
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Re: Konversion

Beitragvon Kai » 19.08.2015, 20:38

Liebe Quinni, es würde mir sicher auch das eine oder andere Mal helfen, etwas mit der Antwort zu warten, aber nicht jetzt ;-)
Natürlich kann ich auch aus "meiner" Gemeinde Geschichten erzählen, schlechte und gute. Aber ich glaube nicht, dass das etwas aussagt, und wenn dann wohl mehr über mich. Ich möchte mit meinem Beitrag niemandes Hochmut (wie du es gennant hast) verteidigen oder mich in irgendeinem Kampf auf eine Seite stellen. Ich möchte überhaupt nicht kämpfen.
Nochmal: Klar ist vieles fremd, nicht nur die Liturgie und die Sprache sondern auch das Verhalten der Leute und deren Kultur und vieles verstehe ich nicht. Aber ich möchte es nicht verurteilen. Das tue ich tausendmal am Tag, aber ich möchte es nicht auch noch in der Kirche tun. (Das ist mein Wunsch, die Wirklichkeit hinkt dem hinterher!). Ich kenne die Leute und deren Geschichte nicht. Ich kann ihnen sonstwas von Integration, Sprachförderung, Mitgliedergewinnung (ich komme aus einer evangelikalen Kirche, ich weiß, wovon du sprichst!) erzählen, aber dadurch, dass die Menschen in der Liturgie ihren Glauben mit nach Deutschland gebracht haben, konnte ich ihn überhaupt kennenlernen und befinde mich in der komfortablen Lage, die Gottesdienste besuchen zu können! Das meinte ich mit Dankbarkeit.
Und wenn dann diese Menschen, deren Geschichte ich nicht kenne und deren Kultur ich kaum verstehe in einer Art und Weise reagieren, die mich persönlich angreift, versuche (auch hier: versuche!!) ich, mich nicht ganz so wichtig zu nehmen und das sportlich, sozusagen als Übung in Demut zu nehmen.
Ich konnte jahrelang nicht mehr in meine alte Kirche gehen, weil zwischen mir und den anderen viel zu viel stand, ich habe mich nur auf mein schlechtes Verhältnis zu der Gemeinde konzentriert. Das war furchtbar und ich möchte das nicht mehr.
Denn wenn es das bedeutet, orthodox zu sein, das ich anderen Respekt, Hilfe und Achtung verweigere, dann bleibe ich lieber evangelisch. Und ich glaube nicht, dass das orthodox ist.
Nein, das ist sicher nicht orthodox, das ist menschlich. Orthodox ist wahrscheinlich eher diese Sache mit der Nächstenliebe :wink:

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MariaM
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Re: Konversion

Beitragvon MariaM » 19.08.2015, 20:40

Hallo Quinni, das tut mir echt leid, dass du solche schlechten Erfahrungen machen musstest... Christlich ist wirklich was anderes, das stimmt. Ach Mensch....
Hast du meinen Beitrag gelesen, von meinen Eindrücken hier in Tschechien...?
Vielleicht solltest du es woanders als bei "den Russen" versuchen, irgendwo wo die "Mentalität", oder wie man es sagen soll, offener ist...?

Zufällig habe ich gerade eben einen Text auf Griechisch darüber gelesen, dass Nationalismus und Christentum nicht vereinbar sind. Patriotismus OK je nach Situation, aber auf keien Fall darf man sich als Christ über Angehörige anderer Nationen oder Völker erheben und diese als minderwertig sehen etc. Laut diesem Text, der generell ziemlich interessant ist (es werden u.a. Heilige verschiedener Nationalität angehört, auch aus China, Indien usw.) haben die Orth.KIrchen von Alexandria, Antiochia, Zypern, das Ökum.Patriarchat und noch weitere den Nationalismus schon im Jahre 1872 verurteilt. Damals wurde das Selbstbestimmungsrecht der Völker gross geschrieben, das aber eben nicht immer fortschrittlich sein muss, wie ja auch die Geschichte zeigt... ( Ein christlich-orthodoxer Vielvölkerstaat, quasi in Nachfolge des byzantinischen Reiches wäre u.U. die bessere Variante gewesen als das, was nach dem Zerfall des Osm.Reiches entstand...)

http://oodegr.co/oode/koinwnia/koinwnia/metanastes_1.htm

Dir auf jeden Fall alles Gute und gib nicht auf! :-) Ggf, auch mehr per PN, falls du möchtest. Gruss, M.

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Thuja
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Re: Konversion

Beitragvon Thuja » 19.08.2015, 21:03

Den von Kai genannten Vortrag von Vater Paisios habe ich mir grad' angehört, er ist wirklich gut.

Ich möcht' nur soweit sagen, dass auch in den hierzulande "offiziellen" christlichen Kirchen mit Kirchensteuern viel "Vetternwirtschaft" herrscht, "Fremde" auch nicht mit unbedingt offenen Armen empfangen und "eingebunden" werden... nur dass mensch sich (mutter)sprachlich und in der "eigenen" Umgebung halt da leichter tut, da fällt manches weniger auf, als wenn noch eine Fremdsprache dazukommt, noch "fremdere" Gebräuche etc. ...
Letztendlich kann jede/r nur bei sich selbst anfangen... selbst wenn's schön wäre, wenn andere noch mehr auf einen zukämen... doch auch die Menschen zu Christi Zeit mussten "egoistisch" laut rufen, um von Christus gehört zu werden, wenn sie um Heilung o. ä. bitten wollten und dann baten... sie wurden nicht automatisch "vorgelassen" von denen, denen es "besser" ging, die aber ihnen "im Weg", dichter an Christus standen... erst Christus hat sich ihnen dann direkt zugewandt... so wie uns heute auch!
und das Wort Demut ist hierzulande und in den Westkirchen wesentlich weniger bekannt, geschweige denn mit Bedeutung "aktiv" gefüllt als in der Orthodoxie.
Und wir sind alle Menschen mit 'ner Menge "Ecken und Kanten"... vom Paradies war hier auf Erden, auch von der Kirche, nicht mehr die Rede, daraus ist der Mensch vertrieben worden, mit gutem Grund...

Liebe nachdenkliche Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

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Re: Konversion

Beitragvon Quinni » 19.08.2015, 21:15

Thuja, die Gemeinde macht die Kirche, oder ist die Kirche. Das in allen Kirche Vetternwirtschaft herrscht, da brauchen wir nicht darüber zu reden, das ist hinlänglich bekannt. Wenn die keine Nichtorthodoxen wollen, sollen sie es sagen und gut. Ich hatte mir diese Gemeinde ausgesucht, weil sie sogar auf ihrer Internetseite stehen haben, dass sie Unterricht für Orthodoxie Interessierte anbieten und vieles mehr. Tja, muss schon ne Weile her sein.

Der Priester der rumänischen Gemeinde kann kaum deutsch, aber schlimmer kann es dort nicht sein, vielleicht sollte ich mich tatsächlich dort mal umsehen.

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Stephanie
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Re: Konversion

Beitragvon Stephanie » 19.08.2015, 21:44

Liebe Quini,
was du berichtest ist wahrlich schlimm und traurig. Ich weiß leider nicht, wo du dich befindest...wäre Würzburg ein erreichbarer Ort für dich? In der dortigen Gemeinde hat man definitiv eine andere Einstellung. Gott sei Dank!
Davon abgesehen, ja, in diesem deinem Falle ist es wohl sehr ratsam sich eine andere Gemeinde zu suchen. Geduld muss man zeigen, aber wenn man ausgeschlossen wird, dann muss man von diesem Ort gehen. Es darf nicht sein, dass die Gemeinde deiner Gottessuche entgegen wirkt.
Liebe Grüße
S.

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Re: Konversion

Beitragvon MariaM » 19.08.2015, 21:47

Hallo Thuja, da ist bestimmt was dran an dem, was du schreibst! Gerade in den Westkirchen ist Demut usw. ja wirklich "out", jeder macht was er will, man ist doch "frei" und unterwirft sich nicht irgendwelchen "starren Regeln"... So kreisen dann viele um sich selbst und nicht mehr um Jesus und Gott.

Wenn man aber den Weg zum Orthodoxen Christentum sucht und es dann dabei wiederholt/langfristig mit solch arrogantem und ignorierendem Gehabe zu tun bekommt wie Quinni, dann ist das schon ziemlich krass, finde ich. Das IST einfach abschreckend, und christlich ist es auch ganz gewiss nicht! Ich würde es als ein Zeichen nehmen, woanders zu suchen!

Leider hat sich ja vieles, was man sonst in der Gesellschaft vorfindet, in die Kirche auch eingeschlichen. Z.B. dieses "sein Ding durchziehen", ohne auf andere zu achten... Und halt u.U. auch ein gewisser Hochmut/Arroganz, sich als was Besseres zu fühlen. Gerade vllt. bei Angehörigen von Nationen, wo das eher zur "Mentalität" gehört.
Anderswo, als bei " den Russen" schleichen sich auch Dinge ein, z.B. eine gewisse oberflächliche Konsummentalität, Bequemlichkeit... etc. Da gäbe es z.B. in Griechenland wohl auch einiges zu kritisieren, wenn man wollte (was weiss ich, Stühle in der Kirche oder so) - aber hochnäsig oder abweisend gegenüber anderen sind die meisten Menschen da halt nicht, und so schleicht sich DIESER Zug eben auch nicht in die Kirche ein (dafür halt andere Sachen, die einen aber nicht so persönlich verletzen).

Es stimmt schon - das Paradies auf Erden findet man auch in der Kirche nicht. (Pater Konanos sagte mal, da die Kirche ja quasi ein Krankenhaus ist, wo wir geheilt werden, sollte man sich nicht darüber empören, dass da halt lauter "Kranke" sind - und womöglich sogar der Arzt nicht ganz gesund ist (wie wenn man in Zeiten einer Grippeepidemie in die Arztpraxis kommt und alle einschl. des Personals husten und schniefen... ;--))

Aber man sollte sich zumindest halbwegs wohfühlen können und mit den negativen Dingen, die man vorfindet, irgendwie leben können. Darum würde ich s woanders versuchen. Das ist ja im Grunde, wie du auch schreibst, dass die Menschen damals auch durch die Menschenmenge sich zu Jesus durchringen mussten - und ging es nicht von der einen Seite, dann halt von der anderen - oder man stieg auf einen Baum... (wer war das, ein Zöllner, oder? Weiss ich jetzt grad nicht... :oops: )

Quinni, bete zu Gott, dass er dich erleuchten und leiten möge, wie du zu ihm findest und wo du hingehen sollst. Und höre dann auf deine Intuition. Ich hab den Eindruck, das funktioniert wirklich! :-) Gruss, M.

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Re: Konversion

Beitragvon Stephanie » 19.08.2015, 22:03

MariaM hat geschrieben:Es stimmt schon - das Paradies auf Erden findet man auch in der Kirche nicht. (Pater Konanos sagte mal, da die Kirche ja quasi ein Krankenhaus ist, wo wir geheilt werden, sollte man sich nicht darüber empören, dass da halt lauter "Kranke" sind - und womöglich sogar der Arzt nicht ganz gesund ist (wie wenn man in Zeiten einer Grippeepidemie in die Arztpraxis kommt und alle einschl. des Personals husten und schniefen... ;--))


:2thumbs:

Indeed! Und ich muss mich immer und immer wieder selbst dazu anhalten, daran zu denken. Auch meinen sonstigen Mitmenschen gegenüber, wenn sie mir mal wieder allzu lästig sind...

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Re: Konversion

Beitragvon Quinni » 19.08.2015, 22:42

Würzburg ist leider sehr weit von hier. Da wäre eher Trier oder Mainz in der Nähe.
MariaM ich habe schon als Kind meine Weg zu Gott gesucht. Und er ist in meinem Herzen. Leider lässt sein "Bodenpersonal" schon oft zu wünschen übrig, je nach Konfession. Deshalb habe ich ja den Weg in die Orthodoxie gefunden. Da stimmt jetzt zwar das "Personal", dafür sind die "Kunden" ... schweigen wir darüber.

Ich bin halt in einer Gemeinde aufgewachsen in der der Pfarrer jeden aufgenommen hat, gleich welche Religion. Er hat uns gezeigt, was gelebtes Christentum ist. Das wir Verantwortung für unsere Mitmenschen haben. Ostern und Weihnachten wurden kleine Dinge gebastelt oder gebacken und an die Senioren verteilt, die ganz alleine waren.

Das hat vielen die Sinne geschärft. Leider verstarb er viel zu früh und wurde durch jemanden ersetzt, der bei den Damen mittleren Alters sehr beliebt war. Sie wurde alle mit Küsschen begrüßt und verabschiedet. Als eine ältere Dame mal scherzhaft fragte, wer sie küsst, meinte er für sie gäbe es die Sozialstation.

Und vieles mehr. Was jemand privat macht, ist seine Sache doch solange man ein Amt bekleidet sollte man sich dessen würdig verhalten. Somit habe ich meine geistliche Heimat verloren und bin seit dem auf der Suche nach einer neuen.

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Re: Konversion

Beitragvon Priester Alexej » 19.08.2015, 23:44

Es sind hier schon viele Themen und Ansätze angesprochen, ich versuche zur späten Stunde noch ein paar Gedanken zu schreiben.

Zur russischen Mentalität. Ja, das ist eine andere. Ich bin selbst in Deutschland aufgewachsen und musste viel leiden, als ich nach Russland zum Studium gekommen bin. Es gab auch viele Verständigungsschwierigkeiten. Ein Beispiel - ich kam in ein Brotgeschäft. Als ich an der Reihe war, lächelte ich als erstes die Verkäuferin an und sagte Добрый день! (Guten Tag!) Darauf machte diese ein gekränktes Gesicht und sagte - "Was wollen Sie denn von mir?!" Aber das gleiche Problem hatte über Jahre meine Frau, nach dem sie nach Deutschland gekommen ist. Sie kam in die Bäkerei und sagte der Verkäuferin, ohne zu lächeln und hallo zu sagen: "5 Bröchten." Die Verkäuferin, die davor mit allen Kunden freundlich und lächelnd gesprochen hatte, machte ein finsteres Gesicht und zeigte mit all ihrer Natur ihre Empörung. Welche Schlussfolgerung machte meine Frau? Die Deutschen mögen keine Ausländer. Sie verstand gar nicht, dass es ein Problem des traditionellen Umgangs war. Und diese Verständigungsprobleme treten zwischen Deutschen und Russen ständig auf. Kein Deutscher versteht russischen Humor. Dieser ist für die Russen sehr wichtig. Ich habe oft beobachtet - auch in der Kirche - dass ein Russe sich mit einem Deutschen begann zu unterhalten und einen freundlichen Witz machte. Der Deutsche verstand diesen Witz aber nicht als Witz, was bei beiden zur Entrüstung führte und dem Gespräch zu einem baldigen Ende verhalf. Aber auch umgekehrt - Russen verstehen auch den deutschen Humor nicht. Und und und - es gibt sehr viele Probleme bei der Mentalität. Und es braucht jetzt niemand damit zu kommen, dass die Russen Probleme haben, weil wir lange unter dem KGB gelitten haben. So ein Unsinn. Es sind einfach andere Sitten, andere Kulturen.

Daher, wenn wir zu den russischen Gemeinden kommen - es gibt verschiedene. Es gibt welche, wie z.B. in Würzburg, wo alle sehr gut miteinander coexistieren. Dort sind Priester, die, soweit es Ihnen möglich ist, sich um die Integration von Deutschen in die Gemeinde kümmern, in denen es die entsprechende Tradition gibt. In denen die Probleme der Mentalität durch aufeinander zugehen, Geduld und Demut überwunden werden. Aber es gibt auch andere Gemeinden, in denen diese Integration nicht möglich ist. Ich finde das auch nicht gut, aber so ist es nun mal. Lieber Lazzaro, mir brauchst du diesen Aposteltext nicht zu zitieren - ich setze ihn, soweit es mir möglich ist, schon viele Jahre um. Wenn du aber etwas bewegen willst, dann schreib doch z.B. einen Brief an alle russischen Priester, in denen du deine Gedanken äußerst. Oder noch besser - gründe ein Monatsblatt, dass du z.B. einmal im Quartal an alle russischen Priester verschickst. Finde jemanden, der dir hilft und es ins Russische überträt. In diesem kannst du einmal versuchen, Missverständnisse der Kulturen auszuräumen und den Pfarrern Tipps geben, wie diese Deutsche in die Gemeinde besser integrieren können. Das ist kein Witz, und ich bin sicher, dass dieses Blatt Früchte tragen wird. Denn neben den Priestern, die neurotische Probleme mit Deutschen haben, gibt es eine Menge, die zum einen nicht wissen, dass es entsprechendes Interesse gibt, zum anderen die Probleme nicht kennen, und zum dritten einfach nicht wissen, was sie wie besser machen können. Und du würdest damit viel mehr erreichen, als mit deiner ständiger Russen-Kritik im Forum.

Und zum Schluss ein Plädoyer der Russischen Kirche in Deutschland. Meiner Meinung nach ist die Russische Kirche viel offener für nicht-ortodoxe, als die meisten anderen in Deutschland. Die meisten deutschen Priesten sind und waren in der ROK oder der ROKA. Die meisten deutschsprachigen Gemeinden gehören dieser an. Und - es gibt keine Kirche, die so viel für die deutschsprachige Orthodoxie getan hat. Die übersetzung der Litrugie und der liturgischen Bücher durch Maltzew, der Kirchenbau im 19 Jhr., die vielen Bücher und Zeitschriften, die von Mitgliedern der Russischen Kirche übersetzt und herausgegeben wurden und werden. Der Bote, Orthodoxes Franken, Stimme der Orthodoxie, Orthodoxie Heute usw. Oder meine große Sorge - das Orthpedia-Projekt. Jeder kann mitarbeiten, jeder ist eingeladen. Aber es sind dort nur Mitglieder der ROK tätig - fast kein Mitglied einer anderen schert sich darum, etwas zu diesem Projekt beizutragen. Wie auch zu keinem anderne in deutscher Sprache. Daher bin ich mir ziemlich sicher, dass bei allen Verständigungsproblemen man eben in der ROK eine Gemeinde für sich finden kann. Auch wenn es teritoriall nicht die nächste sein muss, die passt.

Liebe Quinni, kommt doch mal zu mir nach Bad Kreuznach. Das ist meine zweite Gemeinde, http://deutsch.rok-kreuznach.de/ Gottesdienst zwei Mal im Monat. Lass uns aber den Besuch absprechen, dass ich nach dem Gottesdienst Zeit einplane, damit wir uns kennenlernen können.
Apostolischer Kanon 39 (32): Priester und Diakonen sollen ohne Wissen und Willen des Bischofs Nichts thun: denn dieser ist's, welchem das Volk des Herrn anvertraut worden, und von welchem Rechenschaft über ihre Seelen gefordert werden wird.

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Re: Konversion

Beitragvon Lazzaro » 19.08.2015, 23:46

Also, wenn Mainz erreichbar wäre; die Kirche, da ist sie: http://www.mainz-orthodoxie.de/
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Re: Konversion

Beitragvon Quinni » 20.08.2015, 00:49

Ganz herzlichen Dank für die Einladung, Vater Alexej. Ich werde sehen, ob ich es im September/ Oktober schaffe. 22.8 ist schon verplant und mMomentan ist es nicht so leicht, da ich keine längeren Strecken mit dem Auto fahren soll wegen Schulterproblemen. Lange und vor allem langwierige Geschichte (schon seit April). Aber von so was habe ich mich selten bremsen lassen, sobald es halbwegs funktioniert, sitze ich wieder im Auto.

Dennoch werde ich auch der rumänischen Gemeinde hier einen Besuch abstatten und Mainz ist auch im Hinterkopf. Allen hier eine ruhige Nacht.

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Re: Konversion

Beitragvon Stephanie » 20.08.2015, 07:31

Priester Alexej hat geschrieben:Zur russischen Mentalität. Ja, das ist eine andere. Ich bin selbst in Deutschland aufgewachsen und musste viel leiden, als ich nach Russland zum Studium gekommen bin. Es gab auch viele Verständigungsschwierigkeiten. Ein Beispiel - ich kam in ein Brotgeschäft. Als ich an der Reihe war, lächelte ich als erstes die Verkäuferin an und sagte Добрый день! (Guten Tag!) Darauf machte diese ein gekränktes Gesicht und sagte - "Was wollen Sie denn von mir?!" Aber das gleiche Problem hatte über Jahre meine Frau, nach dem sie nach Deutschland gekommen ist. Sie kam in die Bäkerei und sagte der Verkäuferin, ohne zu lächeln und hallo zu sagen: "5 Bröchten." Die Verkäuferin, die davor mit allen Kunden freundlich und lächelnd gesprochen hatte, machte ein finsteres Gesicht und zeigte mit all ihrer Natur ihre Empörung. Welche Schlussfolgerung machte meine Frau? Die Deutschen mögen keine Ausländer. Sie verstand gar nicht, dass es ein Problem des traditionellen Umgangs war. Und diese Verständigungsprobleme treten zwischen Deutschen und Russen ständig auf. Kein Deutscher versteht russischen Humor. Dieser ist für die Russen sehr wichtig. Ich habe oft beobachtet - auch in der Kirche - dass ein Russe sich mit einem Deutschen begann zu unterhalten und einen freundlichen Witz machte. Der Deutsche verstand diesen Witz aber nicht als Witz, was bei beiden zur Entrüstung führte und dem Gespräch zu einem baldigen Ende verhalf. Aber auch umgekehrt - Russen verstehen auch den deutschen Humor nicht. Und und und - es gibt sehr viele Probleme bei der Mentalität. Und es braucht jetzt niemand damit zu kommen, dass die Russen Probleme haben, weil wir lange unter dem KGB gelitten haben. So ein Unsinn. Es sind einfach andere Sitten, andere Kulturen.


Ui. Das finde ich interessant. Gilt es in Russland als unhöflich jemanden anzulächeln bzw. einen guten Tag/Morgen etc. zu wünschen?
Ich habe in Ägypten nämlich ähnliche Erfahrungen gemacht. Da ich normalerweise meinen Mitmenschen auf der Straße, in Geschäften usw. immer ins Gesicht blicke und sie anlächle (und eigentlich auch gewohnt bin, dass mein Gegenüber meistens zurücklächelt), habe ich anfangs gar nicht verstanden, was das Problem war. Irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass es in Ägypten wohl eher als unschicklich gilt, insbesondere wenn eine Frau einen Mann anlächelt. Und irgendwann fiel mir dann auch auf, dass die Ägypter/-innen auf der Straße kaum lächeln, es sei denn, sie kennen ihr Gegenüber. (Da dann aber sehr ausgiebig.)
Einzige Ausnahme: Das Kloster des Hl. Antonius (und die Kinder in der Schule). Hier wurde ich genauso abgeküsst und an der Hand genommen, wie ich es aus meiner Gemeinde von den Babuschkas kenne ;-)
Heißt das, dass Russen eher distanzierter und zurückhaltender sind? (Obwohl ich das so ehrlich gesagt nicht erlebt habe, aber das mag ja ein Sonderfall gewesen sein.)


Priester Alexej hat geschrieben:Und zum Schluss ein Plädoyer der Russischen Kirche in Deutschland. Meiner Meinung nach ist die Russische Kirche viel offener für nicht-ortodoxe, als die meisten anderen in Deutschland. Die meisten deutschen Priesten sind und waren in der ROK oder der ROKA. Die meisten deutschsprachigen Gemeinden gehören dieser an. Und - es gibt keine Kirche, die so viel für die deutschsprachige Orthodoxie getan hat. Die übersetzung der Litrugie und der liturgischen Bücher durch Maltzew, der Kirchenbau im 19 Jhr., die vielen Bücher und Zeitschriften, die von Mitgliedern der Russischen Kirche übersetzt und herausgegeben wurden und werden. Der Bote, Orthodoxes Franken, Stimme der Orthodoxie, Orthodoxie Heute usw. Oder meine große Sorge - das Orthpedia-Projekt. Jeder kann mitarbeiten, jeder ist eingeladen. Aber es sind dort nur Mitglieder der ROK tätig - fast kein Mitglied einer anderen schert sich darum, etwas zu diesem Projekt beizutragen. Wie auch zu keinem anderne in deutscher Sprache. Daher bin ich mir ziemlich sicher, dass bei allen Verständigungsproblemen man eben in der ROK eine Gemeinde für sich finden kann. Auch wenn es teritoriall nicht die nächste sein muss, die passt.

Das stimmt absolut. Und es ist gut, dass das hier ausgesprochen wurde. Bedauerlicherweise bezieht sich dies allerdings eher auf die Priester und Bischöfe, weniger die einzelnen Gemeindemitglieder.


Das war jetzt natürlich etwas off-topic und allein meiner Neugier geschuldet. Wenn es also hier nicht her passt, dann ruhig verschieben oder löschen. Aber eine Antwort wäre dennoch großartig, ich bin schließlich ein neugieriges Frauenzimmer ;-)


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