Gottvertrauen

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Stephanie
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Gottvertrauen

Beitragvon Stephanie » 05.12.2016, 20:12

Geehrte Väter,
ich wende mich heute mit einer vielleicht merkwürdigen, weil so grundlegenden, Frage an Sie:
Wie erlangt man Gottvertrauen?

Ich stelle immer wieder in allen Lebenslagen fest, dass ich zwar viel mit Gott rede, ihm auch mein Missfallen über Dinge, Zustände, also meine Klagen, meine Bitten, aber auch meinen Dank und meine Freude zukommen lasse – dass ich aber überhaupt kein wirkliches Gottvertrauen besitze.
Wie äußert sich das? Zum einen darin, dass ich stets mir Sorgen mache – um alles. Um meine Zukunft, um die Arbeit, um die Probleme (seien es die meinen oder anderer), um die Welt, die Politik, die Umwelt. Und zum anderen darin, dass ich das Gefühl habe, dass es eben keinen Plan Gottes für mich gibt, sondern alles ein heilloses Durcheinander und Umherirren meinerseits ist, usw. usf.
Was mir überhaupt nicht gelingen will, ist, auf Gott zu vertrauen, dass er für mich (oder andere) sorgen wird. Es gelingt mir auch nicht, um grundlegende, für mein Leben sehr wichtige Dinge zu beten und zu glauben, dass Gott mich erhören und diese Dinge richten wird. Dass er die Weichen stellen wird, und sich das Richtige für mich ergibt.
Daraus folgt natürlich, dass ich deshalb –wenn es um Zukunftsentscheidungen/-planungen geht- nicht loslassen, eine zuversichtliche vertrauensvolle Haltung einnehmen kann und stattdessen mich (sinnloser und kräftezehrender Weise) mit Gedanken, Optionen, was-wäre-wenn-Fragen beschäftige und außerdem das Gewicht der Verantwortung und der Gefahr der Fehlentscheidungen schwer auf meinen Schultern lastet.
Das klingt alles zunächst banal, führt mich aber zu der Frage, was ich für eine merkwürdige Gottesbeziehung und Gottesbild habe. Es scheint, als ob Gott für mich ein Gesprächspartner ist (vielleicht eine Art Sorgentelefon), dem ich gegenwärtige Erlebnisse, Gefühle usw. mitteile, der aber ansonsten keinerlei Wirken auf mein Leben habe…und erst am Ende mir begegnen wird, wenn ich mit meinem Leben, meinen Taten und vor allem mit vielleicht vergeudeter Lebenszeit konfrontiert werde. In der Natur sehe und fühle ich Gott stets – und doch, sobald es um mich als Person und mein Leben geht, scheint er für mich ausschließlich transzendent zu sein.
Und des Weiteren führt es mich zu der sehr gewichtigen und beängstigenden Frage, inwiefern ich gar kein richtiger Christ bin, denn offenbar zweifle ich mit meiner Haltung die Erlösungstat Christi (die ich auch nie so richtig erfassen werde) an.
Wie erlangt man also Gottvertrauen?
(Vielleicht ist es auch unmöglich darauf eine Antwort zu geben, aber ich wollte diesen Gedanken endlich mal loswerden)

Mit Bitte um Segen,
+ Stephanie

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Thuja
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Re: Gottvertrauen

Beitragvon Thuja » 13.12.2016, 19:26

Liebe Stephanie,

Erzpriester Andrej Sikojev hat Deine Frage folgendermaßen beantwortet, was ich hiermit für ihn einstelle:
Liebe Stephanie,

die von Ihnen gestellte Frage ist alles andere als merkwürdig, sondern wirklich bedeutsam und wichtig. Und es sei gleich eingangs gesagt: gerade weil Sie um diese Frage ringen, sind Sie ein „richtiger Christ“!
Ich werde versuchen, Ihnen diese Frage möglichst kurz aber mit der gebotenen Ausführlichkeit zu beantworten und dabei ein Höchstmaß an Lehre des Evangeliums und der Hll. Väter einzubringen.

Christliches Vertrauen in GOTT beruht im Wesentlichen auf vier Säulen, die hier nicht hierarchisch aufgezählt sind. Das heißt, sie sind alle gleich wichtig:
1. Glauben
2. Erfahrung
3. Geistige Arbeit
4. Gnade


ad 1) Glauben, sagt der Hl. Nikolaj (Velimirovic) ist Wissen, besser ein "System von Wissen“. Wissen über GOTT, Wissen über den Menschen (die Nächsten und meine eigene Seele) und Wissen über den Kosmos, die Natur, die Schöpfung. Wissen wird angeeignet. Durch Studium: der biblischen Offenbarung, der biblischen Ereignisse, des Lebens Christi, des Lebens der Kirche (Heiligenleben, Kirchengeschichte), christlicher Literatur über Naturwissenschaften, Gesellschaft, Ökonomie, Psychologie, Politik usw. Im Glaubenswissen wird uns „gottmenschliches“ Wissen geschenkt. Nicht von Menschen erdacht, sondern von Gott selbst geschenkt. Keine Bibliotheken voller staubiger Menschheit“Weisheit“, sondern sauberes, klares „ewiges Wasser“. Seine Aneignung ist ein „leichtes Joch“, ist Freude und Licht. Aber dafür brauchen wir zeit und müssen lernen täglich unseren „Termin mit Jesus Christus“ in unseren Philo oder iCal einzutragen, 15 - 30 min täglich (ist sehr viel leichter als man glaubt).
Leseempfehlung: „Prolog“ des Hl. Nikolaus von Serbien (Velemirovic)

ad 2) Vertrauen basiert auf Erfahrung. Das weiß jeder Mensch, der sein eigenes Leben prüft und feststellt, wie und wo er Vertrauen erlebt hat und kennt (z.B. bei der Großmutter, die immer einen guten Rat auf meine Fragen hatte. Oder der Vater, der stets zur Stelle war, wenn ich Angst hatte. Oder die Mutter, die nie eine Bitte um Hilfe abgeschlagen hat). Gotteserfahrung kann also im Menschen nur darauf basieren, daß wir Menschen, dieses Erfahren mit Gott suchen. Also „was wir bedürfen, bei IHM erbitten“ und dann erleben und erinnern und niemals vergessen dürfen (!), daß alles was wir „den Vater im Namen des Sohnes Christi erbitten - erhalten“. Im Kleinen wie im Großen. Das ist Alltag. Die Hl. Kirche hilft uns mit ihrer Ordnung des Gebets unserem Leben eine Struktur zu schenken, die diese Erfahrung ordnet und abbildet und zwar in folgender Weise:
a) Die Göttliche Liturgie und die Hl. Kommunion
b) Die Taufe, die Beichte und alle anderen Mysterien
c) Die „kleinen“ Gottesdienste (Moleben, Panichida, Hausweihe usw.)
d) mein Gebet zuhause „in der Kammer“ (Ordnungsgebete zum einen und freies Gebet zum anderen)
e) das Herzensgebet

Also: ich bitte (bete), mir wird gegeben oder auch nicht (!) und vor allem - anders als erwartet.
Ich danke, ich lerne. ich gedulde, ich prüfe, ich erinnere (!) ich vertraue. Weil ich erfahren = erlebt habe.
Dramaturgisch ausgedrückt oder als Merksatz: "Frage/Bitte - Antwort - Erinnerung/Lehre“.
Hier ist das Lebensbuch des Hl. Johannes von Kronstadt sehr zu empfehlen „Mein Leben in Christus“.
Studieren Sie mit Hilfe der Väter-Kommentare die Gleichnisse Christi in den Evangelien.

ad 3) Geistige Arbeit beinhaltet alles, was wir in 1) und 2) uns angeeignet und in unseren Lebensalltag integriert haben. Dazu kommt aber auch unser Opfer, unser Dienst am Nächsten, unsere Erziehung als Sozius
Das beinhaltet auch Pilgerreisen oder Besuche im Kloster, Gespräche mit Priestern oder Jugendlager etc. Alles also, was nicht Party und Vergnügen, Spaß, Sport, Erholung und Abschalten ist. Also alles, was eine gewisse Anstrengung und Askese verlangt. Im Sinne von Überwindung der eigenen Selbstwert, des Ego.
Leseempfehlung: Hl. Feofan der Klausner „(Briefe) Über das geistige Leben“ (dts. Übersetzung in „Der schmale Pfad“ lfd.)

Hier eröffnet sich auch die Dimension des Kreuzes. Beachte: Christus sprach immer von zwei Dingen, die der Mensch erfüllen muß, wenn er IHM nachfolgen will und das Himmlische Königtum (also die Anwesenheit GOTTES in meiner eigenen Seele) erlangen will: a) Erfüllung der Gebote und b) Tragen des Kreuzes. Das ist aber ein anderes, großes Thema…

ad 4) Gnade. Der Sinn unseres christlichen Lebens besteht in der „Erlangung der Gnade des Hl. Geistes Gottes“ (Hl. Serafim von Sarov). Mit anderen Worten: dem Geschenk der Anwesenheit Gottes in uns durch eigene „Anstrengung“. Aber es ist Gnade - „der Geist Gottes weht wo ER will“. Hier ist es wichtig, seinen blick zu weiten. Die Hll. Väter sprechen davon, daß unsere Anstrengung (Gebet, Askese, Arbeit) nicht adäquat sein kann zur Antwort (Gnade) Gottes. Wir sind endlich - Gott ist unendlich. Wir sind Sünder. Gott ist unfehlbar. Wir sind unwissend. Gott ist allwissend. Das heißt, wenn wir auf einem Feld „buddeln“ wie es ein bischöflicher Asket liebt auszudrücken, dann geht sehr, sehr oft, die Saat auf einem anderen Feld auf. Wir in unserer Beschränktheit aber haben den Kopf gesenkt auf unsere kleine eigene hacke, auf unser kleines Stück Acker - und sehen nicht, welch großes Wunder Gott auf dem Feld unseres Nachbarn vollzogen hat. Als Antwort auf - mein - „Buddeln“. Dieses Wort gefällt mir deshalb so sehr, weil es zugleich die bäuerliche Nachhaltigkeit, den Fleiß und die Stetigkeit abbildet: einmal „buddeln“ reicht nicht. Es ist tägliche Mühe um das tägliche Brot - sowohl das materielle, als auch das geistige.

Vielleicht ist es noch wichtig zu erwähnen, daß alle diese Kräfte und Tugenden Gottes des Heiligen Geistes (Liebe, Glauben, Hoffnung, Geduld, Frieden, Vertrauen) stets aufs Neue generiert, erkannt, erarbeitet und erfleht werden müssen. Nicht weil GOTT unstet oder „vergesslich“ oder „strafend“ ist, wie es die Häretiker gerne lehren. Sondern weil wir IHN sonst vergessen - aus Gewohnheit, Bequemlichkeit oder Stolz.
Empfehlung: Pilgerreise und Besuch des Hl. Elisabeth-Klosters in Buchendorf (b. München).

Den Gedanken eines „abstrakten“, „fernen“ und unpersönlichen Gottes können wir konsequent verwerfen. Er ist falsch, nicht realistisch, nicht historisch, durch nichts begründet - denn er ist eine Lüge, die der Feind der Teufel, ausstreut, der umhergeht wie „ein tollwütiger Löwe“ um uns zu töten. Diese Gedanken sind unnützer Staub, die wir tagtäglich abschütteln und uns vor ihnen schützen müssen. Denn unser Gott ist GOTT die Liebe, sagt der Hl. Johannes der Evangelist und Theologe. Ewige Liebe, allmächtige Liebe, todesbesiegende Liebe, lebensschaffende Liebe des Schöpfers. Und vor allem - mich geschaffene, mich beim Namen kennende, mich begleitende, für mich opfernde und mich persönlich liebende Liebe!

Mit herzlichen Grüßen in Christus und allen guten Wünschen,
Erzpriester André Sikojev
ROK „Schutz der Gottesmutter“, Berlin
www.pokrov.de


Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!


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