Verlobung und Ehe in der Orthodoxie

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Łukasz
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Verlobung und Ehe in der Orthodoxie

Beitrag von Łukasz » 18.02.2016, 20:13

Hallo Community,

vor kurzem hatte ich ein kurzes aber interessantes Gespräch mit einem gläubigen männlichen Laien aus der rumänisch-orthodoxen Kirche über das unterschiedliche Verständnis von Verlobung und Ehe im Westen und innerhalb der Orthodoxie. Ich bin zwar noch "Anfänger" und vieles muss ich noch lernen, aber das, was mir jener rumänisch-orthodoxer Christ erzählte, hat mich doch sehr erstaunt - ich wusste nicht, dass man es in der Orthodoxie so "genau" nimmt:

Seiner Meinung nach funktioniert die orthodoxe Ehe folgendermaßen:

Hier im Westen ist es ja so, dass ein Mann einer Frau (oder eine Frau einem Mann), die er (sie) will, einen Heiratsantrag macht. Nimmt die Frau den Heiratsantrag an, sind die beiden offiziell verlobt. Meistens dauert dann diese Verlobung so 2-3 Jahre bis die beiden vor den Traualtar treten oder im Standesamt heiraten. Diese Verlobung können sie aber jederzeit beenden, wenn sie merken, dass es doch nicht funktioniert. Bei uns orthodoxen Christen ist es aber anders: Bei orthodoxen Christen gibt es eine solche Form der Verlobung nicht. Wenn ein orthodoxer Christ einer orthodoxen Christin einen Heiratsantrag macht, sie dann "ja" sagt, und die beiden es offiziell bekannt geben, dann gelten die beiden in dem Moment bereits schon als "verheiratet". In der Orthodoxie macht zudem nur der Mann der Frau einen Heiratsantrag, dass eine orthodoxe Christin einem orthodoxen Mann einen Heiratsantrag macht ist nicht üblich. Das Sakrament/Mysterium der Ehe sollte dann möglichst schnell auf den Heiratsantrag folgen. Eine 2-3jährige "Wartezeit", wie bei den nicht-orthodoxen Christen, ist bei uns nicht üblich. Durch das Ehesakrament wird diese "Ehe" bzw. dieses Ehebündnis zwischen diesen beiden vor Gott, der Kirche und der Gemeinde endgültig vollzogen bzw. "versiegelt". Die so genannte "orthodoxe Verlobung" dauert meist nicht länger als eine Stunde und findet innerhalb der orthodoxen Heiratszeremonie statt und wird durch den Priester vollzogen. Als verheiratet gelten die beiden aber bereits schon seit dem Heiratsantrag, daher kann ein einmal angenommener Heiratsantrag nicht einfach so wieder zurückgenommen werden, wie es bei einer westlichen Verlobung möglich ist. Wird ein Heiratsantrag zwischen orthodoxen Christen zurückgenommen oder gebrochen, so gilt das in der Orthodoxie als Ehebruch, ist eine schwere Sünde und die Person, die dafür verantwortlich ist, muss diese Sünde ihrem Beichtvater beichten und dafür Buße tun, bevor sie wieder vom Priester zur orthodoxen Kommunion zugelassen werden kann.
Nun möchte ich wissen, ob dass so überhaupt stimmt und ob das auch für die russisch-orthodoxe Kirche gilt. Da muss man ja als orthodoxer Mann verdammt aufpassen, dass man nicht blind vor Liebe einer orthodoxen Christin vorschnell einen Heiratsantrag macht, da man(n) aus der Sache so leicht nicht mehr rauskommt. :love:

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Priester Alexej
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Re: Verlobung und Ehe in der Orthodoxie

Beitrag von Priester Alexej » 18.02.2016, 20:34

Verlobt ist man verbindlich erst nach dem Verlobungsgottesdienst. Also nicht nach dem Ja. Wobei man den Antrag natürlich erst dann machen sollte, wenn man sich sicher ist.

Dass man nach dem Antrag relativ schnell heiratet, stimmt. Die langen Verlobungszeiten entstehen aus der Akzeptanz der Unzucht.
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Łukasz
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Re: Verlobung und Ehe in der Orthodoxie

Beitrag von Łukasz » 18.02.2016, 21:15

Priester Alexej hat geschrieben:Dass man nach dem Antrag relativ schnell heiratet, stimmt. Die langen Verlobungszeiten entstehen aus der Akzeptanz der Unzucht.
Ok. Soweit alles klar. Eine Frage aus Neugier gleich hinterher: Was fällt alles - in den Augen der russisch-orthodoxen Kirche - in die Kategorie "Unzucht"? Das "Sex vor der Ehe" und "Sex außerhalb der Ehe" dazugehört, ist mir klar. Was gehört alles aber noch in diese Kategorie?

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Lazzaro
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Re: Verlobung und Ehe in der Orthodoxie

Beitrag von Lazzaro » 19.02.2016, 09:10

Priester Alexej hat geschrieben:
Dass man nach dem Antrag relativ schnell heiratet, stimmt. Die langen Verlobungszeiten entstehen aus der Akzeptanz der Unzucht.
Was aber nicht ausschließt, daß man die Verlobung vonn der Krönung trennen kann und sie einige Zeit vorher feiert. Wenn man zum Beispiel die Krönung währed der Liturgie feiern möchte, ist es sinnvoll, die Verlobung am Vorabend oder eine Woche früher zu begehen. Das ist aber die Ausnahme und findet nur bei Paaren statt, die sich mehr Gedanken über den theologischen Teil des Mysteriums machen. Ich habe das schon zweimal erlebt.
Lazarus
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