Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

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Igor
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Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Igor » 22.11.2015, 12:30

Grüß Gott,

ich möchte euch auf einen lesenswerten Artikel aufmerksam machen. Es ist ein Interview von Mönch Raphail (Popov) mit Erzbischof Mark (Arndt) von Berlin und Deutschland (ROKA).

Es dreht sich um das Leben orthodoxer Christen in der heutigen Gesellschaft – insbesondere um Themen, wie „warum Eltern es aufgeben, Kinder in den Religionsunterricht zu schicken, und warum Priester gegen Sodomie auftreten, ob Europa muslimisch wird, und was Freiheit ist.“

Das russische Original wurde auf pravoslavie.ru veröffentlicht, die deutsche Übersetzung auf der Webseite der Russisch-Orthodoxe Kirchengemeinde "Schutz der Gottesmutter" (Pokrov) zu Berlin. Das Interview trägt den Titel:

:arrow: Erzbischof Mark (Arndt) von Berlin und Deutschland: “Wir müssen nur eines fürchten – die Gemeinschaft mit Gott zu verlieren”

Bei all den gesellschaftlichen Wirren, denen wir offensichtlich begegnen „in unserer sehr komplizierten Zeit, wenn die Welt sich nicht nur von Christus abwendet, sondern immer aggressiver wird zu denen, die die Treue zum Erlöser wahren“ gibt uns Erzbischof Mark vor allem auf den Weg:

Wir müssen nur eines fürchten – die Gemeinschaft mit Gott zu verlieren. Gott verlässt uns nicht, aber wir verlassen Ihn durch Sünde und Verrat. Deshalb ist für uns wichtig, dass wir in unserem Glauben leben, in den Mysterien der Kirche leben, unseren Glauben kennen. Und das muss ein bewusster Glaube sein, nicht eine taube und blinde Gefolgschaft hinter denen, die uns belehren. Wir müssen das Leben der Kirche als Grundlage unseres Leben nehmen. Wir müssen bereit sein, zum Martyrium zu gehen um Christi willen.


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Łukasz
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Re: Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Łukasz » 18.12.2015, 09:35

Mir gefällt dein Beitrag sehr gut, aber um gegen die heutige Gesellschaft, die scheinbar so gottvergessen zu sein scheint, einen solchen Widerstand als Christ leisten zu können, muss man schon eine gewisse geistige Reife und innere Charakterstärke besitzen. Von Kindern, Jugendlichen und einfachen Menschen, deren tägliche Aufmerksamkeit von den üblichen Alltagssorgen ertränkt ist, kann man das nur schwer erwarten.

Auf Kath.net, einem katholischen Nachrichtenportal, gibt es einen interessanten Artikel zu dem Thema. Ich hoffe es geht in Ordnung, wenn ich ihn hier reinsetze:

14 Dezember 2015, 09:00
Publizist Weidenfeld: Menschen bekennen sich zu nichts mehr

«Offenbar hat man in Deutschland nicht mehr den Mut, sich zu den christlichen und abendländischen Werten zu bekennen» - Heute «sehe ich nur noch Fußballfans, es gibt kein Bekenntnis mehr für irgendwas, schon gar nicht für unsere westliche Freiheit»

Berlin (kath.net/KNA) Lord George Weidenfeld (96), österreichisch-jüdischer Publizist und Diplomat, hat den Deutschen mangelnde Bekenntnisfreude vorgeworfen. «Offenbar hat man in Deutschland nicht mehr den Mut, sich zu den christlichen und abendländischen Werten zu bekennen», sagte er der «Welt am Sonntag». In seiner Jugend seien die Menschen bereit gewesen, «sich für irgendeine Ideologie zu schlagen». Heute dagegen «sehe ich nur noch Fußballfans, es gibt kein Bekenntnis mehr für irgendwas, schon gar nicht für unsere westliche Freiheit».

Pazifismus und Offenheit gegenüber Flüchtlingen seien oftmals ein Versuch, die Schuld der Großeltern zu tilgen, so Weidenfeld weiter: «Hitler ausmerzen, indem die Deutschen endlich die Guten sind.» Man nehme jedoch «die Verbrechen von morgen hin, um die Verbrechen von gestern wiedergutzumachen», wenn man die Vertriebenen aufnehme, aber die Vertreiber nicht verfolge. Von gemäßigten Muslimen forderte Weidenfeld, sie müssten «endlich klarstellen, wo sie im Verhältnis zu unserer Zivilisation stehen».

Der langjährige Verleger warnte, künftig werde sich der Antisemitismus in Mitteleuropa wieder festsetzen. Man wisse nicht, wie sich die Flüchtlinge im Westen einleben würden, so Weidenfeld, der selbst vor den Nazis nach Großbritannien flüchtete.

Weidenfelds Hilfsorganisation «Safe Havens» (dt. Sichere Häfen) konzentriert sich nach eigenen Angaben auf christliche Flüchtlinge aus Syrien. Daran gebe es durchaus Kritik, sagte er. «Aber warum darf man diese Christen, die aus den ältesten Gemeinden der Welt kommen, nicht bevorzugen?» Die Betroffenen seien «in ihrer Heimat völlig verloren» und hätten keine Chance, in den Nachbarländern unterzukommen.

(C) 2015 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.


Quelle: Kath.net

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Igor
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Re: Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Igor » 19.12.2015, 10:11

Lieber Łukasz ,

auch von meiner Seite herzlich willkommen im Forum.

Ich stimme Dir zu, dass es wichtig ist, seine Wurzeln – hier: das Christentum – zu kennen und diese nicht abzuschlagen. Mir fällt dazu Mt 7,24-29 ein:

Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird mit einem törichten Mann zu vergleichen sein, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß. Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.


Leider wurde im Laufe der Jahrhunderte auch in christlich geprägten Ländern – vor allem des Abendlandes – mittlerweile sehr viel Sand aufgeschwemmt…

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Re: Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Łukasz » 19.12.2015, 13:50

Hallo Igor,

erstmal nochmals danke für die herzliche Aufnahme im Forum. Das Problem, was ich bei diesem Thema noch sehe, ist, dass es auch irgendwie keine Bereitschaft mehr gibt gewisse Dinge auszudiskutieren. Was den christlichen Glauben angeht, haben sich viele ohnehin ihre Meinung gebildet. Früher zur Zeit der Renaissance z.B. oder im 18. und 19. Jahrhundert gab es zumindest noch echte intellektuelle Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Christentums und den Freidenkern, Agnostikern und Atheisten. Sowas findet heutzutage gar nicht mehr statt. Selbst die selbsternannten Fürsprecher des Atheismus wie Richard Dawkins & Co. sind oft nicht mehr als ein Schrei in der Wüste. Wie viele Menschen setzen sich noch so intensiv mit Religion oder Philosophie auseinander? In der Bevölkerung ist das kaum jemand. Hauptsache genug Geld in der Tasche, Sex, Fussball und abends DSDS, Supertalent oder Tatort im Fernsehen. Der Horizont der meisten Menschen reicht doch darüber gar nicht mehr hinaus. Und öffentliche Meinungsbildung ist nur noch das, was einem die Massenmedien als solche vorgeben. Es ist diese geistige und allgemeine Stumpfsinnigkeit in der Bevölkerung, die ich erschreckend finde, und die durch unsere Massenmedien auch noch gefördert wird. Man trifft kaum noch Menschen, die sich wirklich für die zentralen Fragen des Lebens interessieren - ist ja alles zu anstrengend und man will ja niemandem den "Spaß" verderben.

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Mirjanin
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Re: Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Mirjanin » 19.12.2015, 14:45

Herzlich Willkommen auch von mir Łukasz!

Da schneidest du gleich eine ganze Menge wichtiger Themen an. Das sich die Massen wenig um essentielle Fragen scheren, mag zu allen Zeiten so gewesen sein. Frappierend ist in der Tat das Fehlen des intellektuellen Diskurses. Mein Großvater sagte immer: "Wenn man respektiert werden will, muss man auch den anderen respektieren". Erst Jahre später beginne ich diese Aussage zu verstehen. Der intellektuelle Diskurs setzt diesen Respekt voraus. Wo sich Diskussionen nur noch um das "Zerstören" der anderen Person drehen, findet auch kein Diskurs statt. Verfolgt man europäische Meinungsblätter und TV-Diskussionen, so fehlt doch genau jener Respekt vor dem anderen. Im Bezug auf die Religion und den Glauben erleben wir das in der sanften Einschüchterung, man dürfe ja einen Glauben haben, aber der sei bitte Privatsache. Schon klar, wenn es um die menschliche Existenz und ihren Sinn geht, dann möge man bitte schweigen. Unser Diakon sagte da einmal ganz folgerichtig, in Europa gehe es seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht friedlich zu, sondern friedhöflich. Recht hat er.
Was sie nicht verstehen können, ist das wir keine politische Partei bekämpfen, sondern die Mörder der spirituellen Kultur.

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Re: Orthodoxe Christen und heutige Gesellschaft

Beitragvon Nikolaj » 20.12.2015, 09:55

Ich finde es super, das es Organisationen gibt, die sich auf christliche Flüchtlinge konzentrieren. Trotzdem ist es richtig, dass die Regierung keine Bevorzugung nach Nationalität, Religion, Volkszugehörigkeit, ... macht. Wir sind nun mal ein demokratisches Land, natürlich mit christlichen Wurzeln, aber eben kein Gottesstaat. Ausserdem müssen wir einfach bedenken, dass wir als Christen, jedem Menschen gegenüber barmherzig sein müssen. Ich finde es völlig unchristlich wenn einerseits von christlichen Werten gesprochen wird und man andererseits keine Liebe gegenüber Andersgläubigen zeigt.

Wegen der heutigen Gesellschaft, ist es ein wenig übertrieben zu sagen, niemand befasse sich mit geistigen Fragen. Wir haben einen Kontrast in der Bevölkerung: Die einen stimmen auf die ohne oben genannte Beschreibung, aber dir anderen sind aufgeklärter, als früher. Wir haben das Internet, was eine große Informationsquelle ist. Früher waren es auch nicht die einfachen Leute, die sich mit Philosophie und Religion auseinandersetzten.


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