Orthodoxie in Kasachstan

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Abendlaender
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Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Abendlaender » 05.03.2015, 16:27

Ich bin bekennender Katholik und beschäftige mich mit zeitweise eingehend mit den Umständen der katholischen und orthodoxen Kirche in der Diaspora. Dabei bin ich auch auf Kasachstan gestoßen, das mehr als alle anderen mittelasiatischen Länder unter russischen Einfluß gekommen ist, nicht zuletzt dadurch, daß sich viele Russen zu Sowjetzeiten dort angesiedelt haben. Die Russen haben natürlich den orthodoxen Glauben mitgebracht. Vor Kurzem habe ich beim Stöbern im Netz zum Leitgedanken orthodoxe Kirche und eingeborene Kasachen einen Bericht gefunden, nach welchem die orthodoxe Kirche in Kasachstan jetzt an der Übersetzung der Liturgie und von Glaubensschriften ins Kasachische arbeiten und Priester ausbilden will, die Kasachisch beherrschen.

Dabei ist mir die Frage gekommen, ob sich unter eingeborenen Kasachen (NICHT Russischstämmige) schon eine Minderheit von orthodoxen Christen gebildet hat. Sonst gäbe es keinerlei Bedarf, die kasachische Sprache in die Kirche einzubinden. Ich habe aber keine nach Volksgruppen aufgeschlüsselte Statistik zur Glaubenszugehörigkeit in Kasachstan gefunden. Immer nur der Hinweis, daß Russischstämmige fast alle zur orthodoxen Kirche gehören und eingeborene Kasachen Muslime. Durch die lange Geschichte der Anwesenheit von Russen in Kasachstan liegt es eigentlich nahe, daß einige eingeborene Kasachen zur Orthodoxie übergetreten sind. Hat es früher schon orthodoxe Mission unter Turkvölkern in Mittelasien gegeben? Warum hat man nicht schon seit der Perestroika vermehrt der kasachische Sprache angenommen? Mit welchen Schwierigkeiten müssen Kasachen heute rechnen, wenn sie zur Orthodoxie übertreten?

Vielen Dank für.Antworten.

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Mary
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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Mary » 07.03.2015, 17:40

Abendlaender hat geschrieben: Dabei ist mir die Frage gekommen, ob sich unter eingeborenen Kasachen (NICHT Russischstämmige) schon eine Minderheit von orthodoxen Christen gebildet hat. Sonst gäbe es keinerlei Bedarf, die kasachische Sprache in die Kirche einzubinden.
Warum sollte kein Bedarf sein?
In der Diaspora wird es im Normalfall so sein, dass die zweite, aber spätestens die dritte Generation die Ursprungssprache nur noch aus dem familiären Umfeld kennt, meist nicht mal mehr gut spricht. Dafür sprechen diese jungen Menschen die Landessprache. So können sie von einer landessprachlichen Liturgie nur profitieren.

Gäbe es keinen Bedarf, würde das vor Ort auch kaum gemacht werden, meinst Du nicht?

lg Mary
Let Your mercy, O Lord, be upon us, as we hope in You.

Abendlaender
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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Abendlaender » 07.03.2015, 23:31

Schönen Dank für Deine Antwort.

In Kasachstan sind die Umstände andere als bei Bürgern mit Zuwanderungshintergrund in Mitteleuropa. Soweit ich gelesen habe, beherrschen bis heute wegen der Zugehörigkeit zur Sowjetunion über 70 Jahre lang fast alle Bürger von Kasachstan das Russische, während nur wenige Russischstämmige das Kasachische gut beherrschen. Bis heute beherrschen fast nur eingeborene Kasachen die Landessprache gut. Es dürfte ausgeschlossen sein, daß es Russischstämmige gibt, die Kasachisch besser als Russisch beherrschen oder es im Alltag häufiger als Russisch verwenden.


Aus diesem Grund kann Bedarf zur Einführung der kasachischen Sprache in die orthodoxe Kirche nur dann bestehen, wenn eingeborene Kasachen den orthodoxen Glauben angenommen haben, immer wieder einige unter ihnen den Schritt tun oder es um Mission unter eingeborenen Kasachen geht. Die in Kasachstan lebenden Russen, die fast alle zur russisch-orthodoxen Kirche gehören, haben alle Russisch als Muttersprache. Bisher hat es anscheinend an Geistlichen gefehlt, die selbst das Kasachische gut beherrschen. Ich frage mich, warum nicht gleich nach Ende der kommunistischen Herrschaft Geistliche auch in der kasachischen Sprache ausgebildet worden sind, um eingeborene Kasachen für die orthodoxe Kirche zu gewinnen.

Ebenso betrachtenswert ist die umgekehrte Frage, ob eine nennenswerte Zahl von Russen in Kasachstan den Islam angenommen haben, wobei ich natürlich gar nicht gutheiße, wenn sich Christen dem Islam zuwenden.

Gruß, Alex
Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Igor » 09.03.2015, 07:23

Grüß Gott!

Herzlich willkommen im Forum, Abendländer!
Abendlaender hat geschrieben: Dabei ist mir die Frage gekommen, ob sich unter eingeborenen Kasachen (NICHT Russischstämmige) schon eine Minderheit von orthodoxen Christen gebildet hat. Sonst gäbe es keinerlei Bedarf, die kasachische Sprache in die Kirche einzubinden.
Eigentlich ist es doch ganz einfach – der Auftrag, den die Kirche von Christus bekommen hat, ist eindeutig, s. Mk 16,15:
Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!
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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Elias » 09.03.2015, 12:11

Igor hat geschrieben:
Abendlaender hat geschrieben: Dabei ist mir die Frage gekommen, ob sich unter eingeborenen Kasachen (NICHT Russischstämmige) schon eine Minderheit von orthodoxen Christen gebildet hat. Sonst gäbe es keinerlei Bedarf, die kasachische Sprache in die Kirche einzubinden.
Eigentlich ist es doch ganz einfach – der Auftrag, den die Kirche von Christus bekommen hat, ist eindeutig, s. Mk 16,15:
Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!
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Grüß Gott!

Würde ich mir auch viel mehr hier bei uns Wünschen, den Gebrauch der Landessprache um so ALLE, die Gott Suchen zu erreichen und die Kirche Christi zu öffnen!

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Abendlaender » 09.03.2015, 18:44

Die heutzutage geringe Missionstätigkeit ist ein Punkt, den man der katholischen und oft auch der orthodoxen Kirche vorhalten muß. Da sind die freikirchlichen Gemeinschaften den Volkskirchen heute weit voraus. Ich würde mir nicbts mehr wünschen als daß dieser Rückstand wieder aufgeholt wird und die Freikirchen zusammen mit dem Islam die Volkskirchen nicht im Laufe der Zeit verdrangen


Kasachstan bietet sich für Missionsarbeit regelrecht an. Es ist nicht nötig, Menschen gesondert zur Mission zu entsenden, weil die orthodoxe Kirche durch die vielen russischstämmigen Bürger und andere Slawischstämmige schon stark vertreten ist. Wenn sich die orthodoxe Kirche in der Landessprache an die Bürger.des Landes wendet, ist das ein Zeichen, daß sie nicht nur für Russen im Land zuständig und ein Vertreter der ehemaligen Kolonialherren sind, sondern den orthodox-christlichen Glauben an alle ohne Rücksicht auf die nationale Herkunft weitergeben möchten. Es bietet sich an, mit zweisprachigen Gottesdiensten anzufangen und später überall dort, wo es eine nennenswerte Zahl eingeborener Kasachen als Gläubige gibt, kasachischsprachige Gemeinden zu gründen.

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.

Alex

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Quinni » 09.03.2015, 21:05

Elias hat geschrieben:
Würde ich mir auch viel mehr hier bei uns Wünschen, den Gebrauch der Landessprache um so ALLE, die Gott Suchen zu erreichen und die Kirche Christi zu öffnen!

In Christus

p.Ilias
Ja, das würde ich mir auch wünschen. Leider scheitert es oft an den Gläubigen einer Gemeinde, die nur die Liturgien, Vespern etc in ihrer Sprache besuchen und die Kirche zu den landessprachlichen leider verlassen oder nicht hin gehen.

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Igor » 09.03.2015, 21:13

Abendlaender hat geschrieben:Wenn sich die orthodoxe Kirche in der Landessprache an die Bürger.des Landes wendet, ist das ein Zeichen, daß sie nicht nur für Russen im Land zuständig und ein Vertreter der ehemaligen Kolonialherren sind, sondern den orthodox-christlichen Glauben an alle ohne Rücksicht auf die nationale Herkunft weitergeben möchten. Es bietet sich an, mit zweisprachigen Gottesdiensten anzufangen und später überall dort, wo es eine nennenswerte Zahl eingeborener Kasachen als Gläubige gibt, kasachischsprachige Gemeinden zu gründen.
Lieber Alex, ich stimme Dir zu – das dürfte auch aus meiner Sicht der richtige Weg sein.

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Nikolaj » 10.03.2015, 10:54

Lieber Alex,
es hat einen Grund, dass die orthodoxe Kirche in Kasachstan sich erst jetzt auf die kasachische Sprache hin orientiert. Russisch ist nämlich die vorherrschende Sprache dort. Siehe Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Kasachstan#Sprachen
Bisher hat es eigentlich keine Grund gehabt, auf Kasachisch umzusteigen, denn auch die muslimischen Kasachen verstehen Russisch.

Gruß
Nikolaj

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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Abendlaender » 11.03.2015, 19:11

Gibt es heute denn Missionsarbeit der orthodoxen Kirche unter Kasachen und auch anderswo in Mittelasien unter den eingeborenen Turkvölkern? Von Freikirchen weiß ich, daß die Missionsarbeit unter den Turkvölkern in Mittelasien betreiben. Die letzte Volkszählung nennt rund 40.000 christliche Kasachen, aber nicht, wieviele davon wiederum katholisch, freikirchlich, orthodox oder sonst etwas sind. Es wundert mich immer noch, daß durcb die Anwesenheit der Russen seit mindestens 200 Jahren nicht viel mehr Kasachen zu Christen geworden sind.

Es ist richtig, daß fast alle Kasachen Russisch beherrschen. Seit der Unabhängigkeit des Landes hat das Kasachische aber als Landessprache immer mehr an Boden gewonnen. Von daher halte ich es für überfällig, daß die orthodoxe Kirche sich je nach Umstand auch der kasachischen Sprache bedient. Mir fällt auf, daß die Kirchen überall auf der Welt Regionalsprachen nur dann häufig verwenden, wenn es wegen der Umstände im Land nicht anders geht, wie z. B. in Katalonien oder Wales, aber sonst eher stiefmütterlich mit Regionalsprachen umgehen.

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.

Gruß, Alex

Nikolaj
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Re: Orthodoxie in Kasachstan

Beitrag von Nikolaj » 12.03.2015, 10:44

Lieber Alex,
selbst die jungen Kasachen sprechen noch alle Russisch, somit ist jetzt die richtige Zeit, und nicht wie du schreibst überfällig. Bedenke, dass es in der Orthodoxen Kirche keine Verbote andere gottesdienstliche Sprachen zu nutzen. (Auch wenn manche das kirchenslavische für heilig halten, ist der Gottesdienst in jeglicher Sprache gültig.)
Es wundert mich immer noch, daß durcb die Anwesenheit der Russen seit mindestens 200 Jahren nicht viel mehr Kasachen zu Christen geworden sind.
Asiaten sind keine Menschen, die man so leicht zu einen anderen Glauben bringt. Daher ist die Mission in den asiatischen Ländern allgemein eine sehr schwierige Sache. Die Kasachen sind größtenteils Muslime, aber trotzdem haben sich heidnische/schamanische Traditionen gehalten.

Und, die Anwesenheit von Russen bringt nicht die automatische Konversion zur Orthodoxie.

Gruß
Nikolaj

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