nicht richtig orthodox

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Hermann
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Hermann » 11.08.2014, 06:57

Lazzaro hat geschrieben:Ich schlage mal den Terminus Technicus "nationale oder kulturelle Orthodoxie" vor. (Wobei die Begriffe Nationalität und Kultur bei mir sowieso fast deckungsgleich sind.)
Das heißt die Leute gehen in die Kirche, weil sie an die russ. Kultur und nicht aber an die Existenz Gottes glauben?
Hallo Lazzaro,

Erstens finde ich das eine Unterstellung. Die Leute gehen in die Kirche, küssen die Ikonen, bekreuzigen sich, Lesen ihre Gebete, zünden Kerzen an...und letztlich soll das nur äußeres Getue sein ohne Glauben?

Zweitens ist es vielleicht auch eine Anfrage an einem selber. Ist es bei mir alles purer Glaube, reine Liebe zu Gott und zu den Heiligen? Oder gibt es bei mir vielleicht auch andere Gründe warum ich in die Kirche gehe, die Gebete bete, die Ikonen küsse? Wenn ich schon vieles aus unreinen Motiven heraus mache, warum erwarte ich dann von anderen, dass sie alles aus den reinsten Motiven heraus machen sollen?

In Christo, Hermann
Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch hinzugeschenkt.

Nikolaj
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Nikolaj » 11.08.2014, 10:26

Lieber Hermann,
ich denke, dass Lazzaro das absichtlich ein wenig überspitzt hat, aber das Problem der Nationalorthodoxie gibt es in der Praxis - leider. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer ist als Fremdsprachler und Fremdkulturler sich in eine Gemeinde einzugliedern.
Aber, das Problem hat eigentlich nur sekundär mit der Kirche oder jeweiligen Gemeinde zu tun. Ein Russe der nach Deutschland kommt und hier leben möchte wir nicht immer mit offenen Armen von Deutschen empfangen, sondern wird erstmal in ein Aussiedlerheim gesteckt, dann such er sich eine Wohnung, meistens ist diese zum sozialen Wohnungsbau gehörend, wo die meisten auch keine einheimischen Deutschen sind. Normalerweise wird kein Deutscher aus der Nachbarschaft versuchen mit ihm Kontakt herzustellen oder sich zu befreunden. Im Biergarten werden sich auch keine Eingeborenen sich zu ihm setzen.
Der Immigrant fühlt sich nicht zu Hause, aber wenn er in die Kirche geht, trifft er dort seine Stammesgenossen und bildet dort wiederrum eine Gruppe nach dem Vorbild der Gruppe von Deutschen, welche im Biergarten zusammensitzen und keinen Neuankömmling zu sich lassen. Es ist aber in 99% der Fälle so, dass die Russen dies nicht absichtlich machen, sondern einfach eine angewöhnte Rudelbildung.

Nun ist die Integration ein Thema für sich. Was aber ganz wichtig ist, dass die Gruppenbildung und Ausgliederung im Biergarten oder der Dorfkneippe eine unschöne aber tolerierbare Angelegenheit ist, jedoch in der Kirche oder Gemeinde absolut nicht akzeptierbar ist. Denn in die Bar gehen Freunde in getrennten Gruppen, aber in der Kirche darf es keine Juden oder Heiden geben, sondern nur Christen.

(Die Heidenchristen werden wahrscheinlich in den Anfängen der Kirche ein ähnliches Problem gehabt haben, wenn sich die Christen aus den Juden bei der Agape zu Tisch gesetzt haben und weiterhin versuchten Ihre angewohnten Reinheitsgebote zu befolgen. Dann hatte ein unbeschnittener Heide - auch wenn er Christ war - ein Problem. Paulus musste ganz schön kämpfen hierbei. Vielleicht sollte man den Kanon an die Heiligen Apostel Petrus und Paulus in mehrsprachiger Variante regelmäßig feiern und für deren Fürsprache und Hilfe bitten.)

Gruß
Nikolaj

Quinni
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Quinni » 11.08.2014, 14:40

Igor, die Akhatiste werden immer in russisch abgehalten, nur wenn wir Deutschen da sind und einen Teil lesen, dann wird dieser kleine Teil in Deutsch gelesen. Es gibt vermutlich noch andere Deutsche in der Gemeinde, die haben aber wohl russische Partner, sind deshalb konvertiertund besuchen die Kirche nur ein oder zweimal im Jahr. Mir kommt es momentan wie ein Kampf gegen Windmühlen an, ich weiß noch zu wenig über die Abläufe in der Kirche, als dass ich mich da "festsetzen" könnte. Eine Deutsche Liturgie kann er höchstens einmal im Quartal abhalten, wenn überhaupt, weil ernicht genügend Leute für den Chor bekommt, die muss er von außerhalb holen, wie ich das verstanden habe.

Ich möchte lernen, verstehen und nicht einfach nur doof da stehen und ausgegrenzt werden. ich habe mir die Liturgie und den Akathist auf deutsch und in kirchenslawisch (Lautschrift) selber erstellt, damit ich folgen kann.

Vielleicht gehe ich zu viel von mir aus, von mir bekommt jeder, die Hilfe benötigt, auch Unterstützung, ich würde nie jemanden so außen vor lassen sondern versuchen zu zu helfen. Das liegt vielleicht an meinem Beruf, als Krankenschwester gehört das zum täglichen Tagesablauf. Ich bin ein aufgeschlossener Mensch, aber eine derartige Ausgrenzung ist mir in meinen knapp 47 Lebensjahren noch nicht begegnet. Und ich habe einfach keine Lust auf solche Spielchen, mir geht es um meinen Glauben, ich habe noch so viel zu lernen. Selbst mit viel Hilfe dauert es ein paar Jahre. Aber ohne?

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Lazzaro
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Lazzaro » 11.08.2014, 14:45

Grüß euch Gott!
Vater Alexeij hat geschrieben:
... Beide Sätze sind sicherlich in beiden Sphären falsch. Und beide Sätze sind weder in der Theologie, noch im Selbstverständnis der Russischen Kirche verankert. ...
VIELEN DANK ! Simily an: Großer Seufzer der Erleichterung :Smily aus

Ich bin nicht der Meinung, daß es in Ordung ist Probleme / Mißbrauch / Fehlentwicklungen einfach zu leugnen. Die russische Kirche ist nicht mehr die gleiche wie sie zur Zeit ihrer geistlichen Renaissance im XIX. Jahrhundert gewesen war. Es muß möglich bleiben, Veränderungen zum Negativen deutlich zu benennen.
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Lazzaro » 11.08.2014, 15:03

Liebe Quinni!
Selbst in Rusland gibt es so manche Schwierigkeiten, wie folgender Artikel beschreibt. Du bist nicht allein:
http://de.bogoslov.ru/text/2643295.html
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Mary » 11.08.2014, 15:45

Quinni hat geschrieben:
Vielleicht gehe ich zu viel von mir aus, von mir bekommt jeder, die Hilfe benötigt, auch Unterstützung, ich würde nie jemanden so außen vor lassen sondern versuchen zu zu helfen. Das liegt vielleicht an meinem Beruf, als Krankenschwester gehört das zum täglichen Tagesablauf. Ich bin ein aufgeschlossener Mensch, aber eine derartige Ausgrenzung ist mir in meinen knapp 47 Lebensjahren noch nicht begegnet. Und ich habe einfach keine Lust auf solche Spielchen, mir geht es um meinen Glauben, ich habe noch so viel zu lernen. Selbst mit viel Hilfe dauert es ein paar Jahre. Aber ohne?
Liebe Quinni,
deine Geschichte erinnert mich sehr an meine eigenen ersten Schritte in meiner Gemeinde. Es war ein ziemliches Stück Arbeit und Durchhaltevermögen gefragt, bis ich an dem Punkt war, wo ich heute stehe: nämlich integriertes und geschätztes Gemeindemitglied zu sein.
Ich möchte Dir gerne anbieten, uns per mail auszutauschen.... nicht um "hintenrum zu lästern", sondern vielleicht kann ich Dir da und dort was erkären oder Dir einfach mal zuhören. Hast Du Lust und Vertrauen dazu?
liebe Grüsse
Mary
Let Your mercy, O Lord, be upon us, as we hope in You.

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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Igor » 11.08.2014, 18:20

Lazzaro hat geschrieben:Ich bin nicht der Meinung, daß es in Ordung ist Probleme / Mißbrauch / Fehlentwicklungen einfach zu leugnen.
Stimmt. Ich bin der Meinung, dass das hier auch keiner tut.
Lazzaro hat geschrieben:Es muß möglich bleiben, Veränderungen zum Negativen deutlich zu benennen.
Stimmt auch. Ironiemodus an: Das hier angeschnittene Thema hatten wir ja auch noch nie hier im Forum. :lol: Ironiemodus aus.
Bild
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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Lazzaro » 13.08.2014, 14:30

Liebe Quinni!
Ich habe keine Ahnung wie mobil du bist und die französischen Sprache beherscht. Die von Saarbrücken aus nächste Gemeinde unserer Diözese befindet sich in Metz:
http://www.orthodoxeametz.fr/index.php?page=accueil
Auf jeden Fall wird der Umgangsstil dort ein anderer sein.
Lazare

Scherzmodus an: :lol: Entschuldigt die wiederholte Werbung für das "Konkurenzunternehmen" :lol:

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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Quinni » 13.08.2014, 16:14

Auto habe ich. Ich werde mir das mal merken. Mein französisch ist noch ganz passabel

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Re: nicht richtig orthodox

Beitrag von Igor » 13.08.2014, 18:28

Lazzaro hat geschrieben:Scherzmodus an: :lol: Entschuldigt die wiederholte Werbung für das "Konkurenzunternehmen" :lol:
Orthodox ist orthodox - wenn es für Quinni gut ist, um so besser. :wink:
Nur geweihte Kleriker müssen bei einem Wechsel der Diözese sich den Segen ihres Bischofs einholen (gem. Apostol. Kanon).
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