Nationale Kirchen und Patriotismus

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Thuja
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Thuja » 07.08.2015, 18:55

Hmmm, das ist alles so kompliziert... und gleichzeitig eigentlich ganz einfach...
Da ich mich zur Russischen Sprache zuerst hingezogen gefühlt habe und die dann lernte, war mir klar, dass ich in der russisch-orthodoxen Kirche "zuhause" bin - einfach von der Verständnismöglichkeit und Verständigungsmöglichkeit da. Hätte ich mich ins Griechische so "verliebt", dann wäre's mit Sicherheit die griechisch-orthodoxe Kirche geworden... o. ä.
Und in meiner Gemeinde, im Kloster immer wieder spüre ich mich sehr "dazugehörig" als Orthodoxe. Natürlich bin ich Deutsche und keine Russin, aber das wird akzeptiert - und es gibt überall Menschen, mit denen man einfach "gut kann" bzw. eben "weniger gut kann".... und das ist unabhängig von der Nationalität und Mentalität.
Gut, mag sein, dass das in einer Großstadt auch einfacher ist als in kleinen Städten oder auf dem Lande aufgrund der "größeren Menschenauswahl" da, aber dennoch, mit dem "Pauschalisieren" hab' ich so meine Probleme.

Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

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Priester Alexej
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Priester Alexej » 11.08.2015, 22:18

Es sind in Zusammenhang mit der Rede von v. Wsewolod doch viele Frage aufgetaucht.

Erstmal zu der Aussage selbst. Hier die Übersetzung der Stelle.
Die Weltlichkeit funktioniert nicht. Die Weltlichkeit ist eine tote Ideologie. Wenn die Gesellschaft einige Jahrzehnte, 20-30, in relativem Frieden lebt – in Ruhe, Sättigkeit, - kann sie in weltlichen Bedingungen leben. Niemand wird gehen, um für den Markt zu sterben, für die Demokratie. Doch die Notwendigkeit für die Gesellschaft zu sterben entsteht immer, früher oder später. Der Frieden dauert nie lange, und er wird auch jetzt – Gott sei dank – nicht lange sein. Warum sage ich „Gott sei dank“ – die Gesellschaft, in der es zu viel sattes, ruhiges, problemloses, komfortables Leben gibt, ist eine Gesellschaft, die von Gott verlassen ist, eine solche Gesellschaft existiert nicht lange.
Die Balance zwischen der Weltlichkeit und Religiosität, wird letzten Endes, wahrscheinlich, Gott selbst schaffen, in dem Er sich in die Geschichte einmischt und Leiden schickt. Leiden, die in diesem Fall gut tun werden. Denn sie erlauben es, denen sich zu besinnen, die sich zu sehr gewohnt haben leise, ruhig und komfortabel zu leben. Sie werden dann anders leben müssen. Und dann wird es eine wirkliche Balance geben.
Светскость не работает. Светскость это мертвая идеология. Если общество живет в условиях относительного мира, — спокойствия, сытости какое-то количество десятилетий, парочку-троечку, — оно может прожить в условиях светскости. Никто не пойдет умирать за рынок, никто не пойдет умирать за демократию, а необходимость умирать за общество, за его будущее всегда, рано или поздно, возникает. Мир долгим не бывает, мир сейчас долгим, слава богу, не будет. Почему я говорю „слава богу“ — общество, в котором слишком много сытой и спокойной, беспроблемной, комфортной жизни, это общество, оставленное Богом, это общество долго не живет.
Вот баланс между светскостью и религиозностью, в конце концов, наверное, выправит сам Бог, вмешавшись в историю и послав страдания. Страдания, которые в этом случае пойдут на пользу. Потому что они позволят опомниться тем, кто слишком привык жить тихо, спокойно и комфортно. Придется пожить иначе. И вот тогда настоящий баланс снова нарисуется.
Beim Lesen muss man aber bedenken, dass das kein einfaches Statement war – es war die frei formulierte Antwort in einem Disput. Idealerweise müsste man also das ganze Gespräch lesen, um den Kontext zu verstehen. Außerdem ist es in Gespräch zwischen Russen über Russland, ein Thema, was ein außenstehender, der den kulturellen und geschichtlichen Kontext nur aus Medienberichten kennt, kaum verstehen kann.
Auf jeden Fall kann man aber aus dem Zitat genau sehen, dass V. Wsewolod den Krieg selbst nicht als etwas Gutes sieht und keinesfalls dazu aufruft.
Nach der Definition der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien liegt Kriegsverherrlichung dann gegeben, „wenn Krieg als Abenteuer, als reizvoll oder als Möglichkeit beschrieben wird, zu Anerkennung und Ruhm zu gelangen und wenn das Geschehen einen realen Bezug hat.“ Nichts davon hat V. Wsewolod gesagt. Deshalb würde ich bitten von Tatsachen zu sprechen und nicht mit dem Staatsanwalt zu drohen.

Nun die Frage, ob Menschen durch Drangsalen errettet werden und das Verhältnis Gottes dazu. Wir kennen die Geschichte von Hiob. Gott Selbst tut ihm nichts Schlechtes, aber er nimmt Seine schützende Hand von ihm weg und überlässt ihn dem Satan. Sagen wir also – Gott schickt die Drangsalen nicht Selbst, sondern lässt vom Menschen ab und überlässt ihn somit den Drangsalen. Der Unterschied zwischen AT und NT in Bezug auf dieses Thema sehe ich nicht.
Ein Beispiel aus dem Evangelium – der Blindgeborene, der so geboren wurde und sein ganzes Leben gelitten hat, damit „die Werke Gottes an ihm offenbart würden“. Wir haben auch Jakobus 1:12 „Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen, den der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.“
Auch den Apostel Paulus, dem ein Stachel gegeben wurde: „Und damit ich mich wegen der außerordentlichen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Pfahl fürs Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe.“
Interessanter Weise sagt Christus selbst, dass Kriege geschehen müssen: „Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Seht zu, erschreckt nicht! Denn es muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. 7 Denn es wird sich Nation gegen Nation erheben und Königreich gegen Königreich, und es werden Hungersnöte und Erdbeben da und dort sein. 8 Alles dies aber ist der Anfang der Wehen. 9 Dann werden sie euch in Bedrängnis überliefern und euch töten; und ihr werdet von allen Nationen gehasst werden um meines Namens willen. 10 Und dann werden viele verleitet5 werden und werden einander überliefern und einander hassen; 11 und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen6; 12 und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe der meisten erkalten; 13 wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.“
Also nochmal – Christus selbst sagt, dass Kriege geschehen müssen, und die errettet werden, die bis zum Ende ausharren.
Eine weitere Stelle des Evangeliums, die sicherlich nicht wortwörtlich zu verstehen ist, aber doch davon Spricht, dass Gott in die Welt das Schwert gebracht hat: „Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Mt 10, 34
Und im Prediger haben wir sogar eine Stelle, die V. Wsewolods Gedanken von der Balance wiedergibt: „Zeit fürs Lieben und Zeit fürs Hassen, Zeit für Krieg und Zeit für Frieden. “ Ekk. 3, 8

Das sind einige Stellen, es gibt noch viele mehr, und es gibt noch einiges, was die Heiligen Väter dazu geschrieben haben. Es ist ein sehr kompliziertes Thema, und der protestantisch geprägte Pazifismus ist mit Sicherheit keine erschöpfende Antwort auf dieses.

Im Hebräerbrief scheibt der Apostel Paulus: „Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Denn sie züchtigten uns zwar für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, er aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. 11 Alle Züchtigung scheint uns zwar für die Gegenwart nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; nachher aber gibt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedvolle Frucht der Gerechtigkeit.“
Hier sehen wir also, dass Gott durchaus den Menschen Leiden schicken kann - Züchtigung, die eben weh tut. Diese Feststellung findet sich auch regelmäßig bei den Heiligen Vätern, dass Menschen durch Leiden zur Heiligung kommen.
Apostolischer Kanon 39 (32): Priester und Diakonen sollen ohne Wissen und Willen des Bischofs Nichts thun: denn dieser ist's, welchem das Volk des Herrn anvertraut worden, und von welchem Rechenschaft über ihre Seelen gefordert werden wird.

Nikolaj
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Nikolaj » 12.08.2015, 10:30

Lieber Vater Alexej, wenn die Worte, die du oben angeführt hast, aber von der selben Person kommt, die vo einigen Jahren das reiche Leben, teure Kleidung und teure Autos der Bischöfe verteidigt hat, ist das etwas verwirrend. Das Problem bei Priester Vsevolod ist nicht, die einzelne Predigt sondern allgemein seine Aussagen, die er in der Öffentlichkeit äußert. Wenn man nach ihm geht, sollen Geistliche reich und zufrieden Leben, aber für die normalen Menschen ist Krieg gut?

Er muss einfach bedenken, dass eine Aussagen auch immer mal anders gedeutet werden können und sollte sich nicht äußern. Das eine ist in der Kirche predigen - das andere öffentliche Aussagen machen.

Naja, das ist meine persönliche Meinung. Bei mir kommen seine Worte irgendwie nicht gut an...

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Priester Alexej
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Priester Alexej » 12.08.2015, 11:35

Lieber Nikolaj, es steht mir fern, Vater Wsewolod als Person zu idealisieren. Doch sollte man ihn fairerweise auch nicht als Reaktionär und Verblödet darstellen. Ich bin der Meinung, dass man jedes Statement und jeden Bericht, was in den Medien zitiert wird, genau überprüfen sollte. Das gilt nicht nur für ihn. Z. B. dieser tolle Spiegel-Artikel "Russland: Patriarch nennt Homo-Ehe Symptom für Weltuntergang" http://www.spiegel.de/politik/ausland/k ... 12309.html Nun höre man die original-Predigt, und siehe da - der Patriarch hat in dieser weder von der Home-Ehe, nocht vom Weltuntergang gesprochen. Der Spiegel-Artikel eine Manipulation, eine falsche Interprätation des Gesagten mit einem gut ausgewählen Mini-Zitat des Patriarchen. Egal, was man sagt und wie vorsichtig man ist, es kann geschickt uminterprätiert werden. Und V. Wsewolod ist mit seiner schroffen und direkten Art ein beliebtes Ziel der hiesigen Medien.

Du schreibst "Wenn man nach ihm geht, sollen Geistliche reich und zufrieden Leben, aber für die normalen Menschen ist Krieg gut?" Nein, so verstehe ich es nicht. Zum Einen betrifft ein Krieg alle - mit den Laien gleichwohl die Priester. Priesterkinder müssen auch zur Armee, und Bomben differenzieren nicht zwischen den Häusern von Bischöfen und Obstverkäufern. Zum anderen geht es bei diesem Gespräch um Menschen, die nie in die Kirche gegangen sind und wegen ihres Wohlstands Gott vergessen, und nicht um Gläbige und in die Kirche integrierte. Aber auch hier wäre es für einen seriösen und besonnen Vergleich wichtig, erstmal zu lesen, worum es in dem von die erwähnten Statement ging und was genau gesagt wurde.
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Alf » 12.08.2015, 14:49

Es sind in Zusammenhang mit der Rede von v. Wsewolod doch viele Frage aufgetaucht.

Erstmal zu der Aussage selbst. Hier die Übersetzung der Stelle.
Herzlichen Dank, daß Sie sich die Mühe gemacht haben. Ich habe in der Zwischenzeit auch ein wenig weiter darüber nachgedacht. Vielleicht muß man hier ja trennen: Zum einen Leid und Drangsal, zum anderen Versuchung. Mich hat gestört, daß Krieg Leid und Versuchung bedeutet, und daß man um Versuchung nicht bitten soll. Ich sage sogar, daß man dafür auch Gott nicht danken soll: Denn erstens ist es ja nicht Gott, der uns in Versuchung führt, also wäre Er der falsche Adressat solchen Dankes und zweitens sagt auch Jakubus (was Sie zitiert haben) nur, daß die Bewährung in der Versuchung ein Segen ist, nicht die Versuchung selber.

Was die Versuchung angeht, sieht sie Vater Wsewolod aber woanders: In Frieden und Bequemlichkeit. Das ist natürlich auch richtig. Wenn Vater Wsewolod meint, lieber das Leid (des Krieges, einer Hungersnot, des Todes eines nahen Angehörigen) als die Versuchung (zur Trägheit, Fresserei, Lieblosigkeit usw.), dann kann man diese Aussage so stehenlassen. Leider argumentiert er eher soziologisch und übersieht auch, daß der Krieg selber ja auch Versuchungen bringt.

Man kann ja selber sehen, wie manche Menschen sich nichts dabei denken, Videos ihrer eigenen Kriegsverbrechen (Zurschaustellung und Mißhandlung von Kriegsgefangenen) ins Netz zu stellen. Die sind moralisch durch den Krieg schon so verdorben, daß sie sich nicht einmal ihrer Verbrechen mehr schämen. Auch Offiziere sind einer besonderen Versuchung ausgesetzt, nämlich sich selber Kriegsehren zulasten der eigenen Soldaten zu erwerben. Betrachtet man nun Rußland, ist da besonderer Grund zur Sorge wegen eines sehr speziellen, fast schon traditionellen Ansehensunterschiedes zwischen wehrpflichtigen Mannschaften, Vertragssoldaten und auf der andern Seite Offizieren. Das war z.T. schon im Zarenreich so, daß einfache Soldaten eher als eine Art Verbrauchsmaterial wie Treibstoff oder Munition betrachtet werden, nicht als Menschen, denen gegenüber der Vorgesetzte auch Fürsorgepflichten hat, und bliebt auch in der Sowjetunion so. Daran wird sich nicht viel geändert haben, weil 2014 Putin noch erzählte, daß das Problem der Unterbringung der Soldaten immer noch nicht gelöst wurde. Man muß sich erinnern: 1994 bekam Rußland von Deutschland viel Geld, damit die laut 2+4-Vertrag abziehenden Soldaten in Rußland eine Unterkunft gebaut bekommen. Das Geld wurde offensichtlich zweckentfremdet, und selbst in den 14 Jahren Putin+Medwedjew, wo zwischendurch tatsächlich mal Geld da war (z.B. für neue Panzer), ist in 20 Jahren nichts bei den Soldaten angekommen.

Daran sieht man auch, daß insbesondere in Rußland Kriegsfolgen sehr ungleich verteilt sein werden. Man weiß auch, daß die Wehrpflicht in Rußland gar nicht so allgemein ist wie sie in Deutschland war. Mit "Beziehungen" kann man das vermeiden, und Akademiker dienen schon gar nicht.

Das ist eben das schwierige, wenn man von "der Gesellschaft" oder der Allgemeinheit redet und nicht von dem Einzelnen. Und eigentlich ist das auch ein Fehler der Ideologien. All die Aussagen aus dem NT beziehen sich nämlich gerade nicht auf die Gesellschaft, sondern entweder auf den Einzelnen oder auf die Kirche (wobei die Kirche als Ganzes ja sowieso nie in Versuchung fallen kann. Gut, daß würde "mein" römischer Papst so heute nicht mehr sagen... ).
Wenn es in der Bibel einen Fall gibt, wo es um die Allgemeinheit geht, dann ist es das Babylonische Exil des Volkes Israel. Gott hat Sein Volk bestraft, weil es Verbrechen und Götzendienst getrieben hat. Aber dann reute es Ihn, daß Sein Volk leidet und mit ihm Sein Ansehen unter den Völkern!

Nun geht es Vater Wsewolod offenbar gar nicht um Krieg als Strafe, sondern als eine Art Gesellschaftsgestaltungsmittel, sozusagen präventiv eine Versuchung zu bekämpfen, und zwar indem sie durch Leid ersetzt wird. Aber so überwindet man doch gar nicht! Was ist es denn für eine Leistung, nicht zu sündigen, weil die Versuchung weg ist, weil es gar nicht mehr anders geht? "Придется пожить иначе" (es bleibt ihnen nichts anderes übrig als anders zu leben) klingt für mich anders als "metanoia!" Für Buße muß ich mich für Gott aktiv entscheiden, für "прийтись пожить иначе" lasse ich die "Gesellschaftsmanipulatoren" machen. Deswegen kann ich mich mit Jak 1,2 freuen, wenn es bei uns keine solchen Gesellschaftsmanipulatoren gibt.

Ich glaube, daß dieser Fehler, Religion nur soziologisch zu denken, den großen Unglauben bei uns im Westen erzeugt. Kant mag gedacht haben, das sei der Zweck der Religion. Da liegt der Gedanke natürlich nahe, die Religion als eine Erfindung zu betrachten, um die Volksmassen zu erwünschten Verhalten zu manipulieren; was Marx "Unterbau" nannte. Aber ich glaube nicht, daß die Kirchenväter so gelehrt hätten. Im Christentum geht es darum, zu Gott zu kommen und so selig zu werden. Alles andere ist höchstens ein netter Nebeneffekt.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Lazzaro » 12.08.2015, 14:54

Ich habe eine Verständnisfrage: Was meint V. Wsewolod mit dem Begriff Светскость genau?
Ist damit Säkularismus französischer Prägung, Atheismus, religiöse Gleichgültigkeit, Materialismus oder etwas anderes gemeint?
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 18.08.2015, 18:08

Hallo,
also ich würde sagen, es ist im Grunde all das, was du schreibst ;-), bzw. von allem etwas. Im Tschechischen heisst es auch "světskost", Adjektiv "světský/-á" und heisst auch "Weltlichkeit", Adjektiv "weltlich". im Griechischen "κοσμικός, -ή".
Ich verstehe es als das "nicht-Göttliche", das was überall überhand nimmt und dem sich die Menschen zu- und somit von Gott abwenden. Im Mittelpunkt des Lebens steht dann z.B. Geld, Besitz, Ansehen, Absicherung auch in diesem Sinne- und nicht im "himmlischen/göttlichen" Sinne, sondern halt im "weltlichen".

Mein beliebter gr.Priester Andreas Konanos sagte mal in einer Rede (ομιλία) u.a., dass die Menschen von Natur aus nach ewiger Schönheit, nach ewigem Glück und Freude streben (weil wir ursprünglich für das ewige Leben in Gottes Nähe geschaffen sind!). Aber wenn/weil sie sich von Gott abwenden, gehen sie dieser Sehnsucht nur noch "weltlich" nach - machen z.B. Diäten, Schönheitsoperationen, Eheverträge, legen Kapital an, bauen bombastische Häuser... usw. - alles mögliche, um das für sie Wertvolle im Leben zu "verewigen", angeblich "für immer". Aber da das alles eben nur auf der weltlichen Ebene geschieht, weit ab von Gott, der aus dem Leben ausgeschlossen wird, ist es letzlich Täuschung und vergebliche Mühe, und nicht von Dauer... Denn dass wirkliche "Kapital" sollen wir ja bei Gott, im Himmel anlegen.... Sehr bedenkenswert, finde ich.

Gruss, M.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 18.08.2015, 18:17

P.S. Ach so, und noch zu der Diskussion oben:
Ich finde es problematisch, dass "Frieden" bei jenem russischen Geistlichen so negativ besetzt erscheint (oder interpretiert wird???). So als hiesse es automatisch Bequemlichkeit, Abwendung von Gott, Dekadenz... usw. Meint er vllt. eher übertriebenen Wohlstand, Beqemlichkeit und die Illusion, man könne sich alles kaufen, alles absichern???

Ich meine, Frieden kann doch genauso gut bedeuten, dass Menschen bescheiden und Gott zugewandt leben - und in Dankbarkeit dafür, dass sie in keinem Krieg leiden müssen! Klar, die Situation ist heute zu weiten Teilen anders, aber das liegt doch nicht am Frieden an sich. Sondern, wie ich denke, eher am "Kapitalismus", am Materialismus, am Streben nach Konsum, "immer mehr" - was wegführt von Bescheidenheit und Dankbarkeit!
Im Krieg sind sind die Menschen doch nicht besser! Da kommt es doch erst recht zu Verrohung und Reduktion des Menschen auf Materielles ohne Skrupel (Hauptsache irgendwie was zu essen auftreiben, irgendwie der grössten Bedrohung entkommen, irgendwie seinen Teil ergattern und höhere Werte über Bord schmeissen, auf Kosten anderer).

Meine Gedanken dazu.... bin gespannt auf eure! M.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon ARI » 29.08.2015, 00:03

Nationale Bewegungen und Ideologien sind in der Orthodoxen Welt aus dem "Westen" importiert worden. Auf dem Balkan sind nationale Bewegungen entstanden, um die fremdungläubige Besatzung abzuwerfen . Deshalb hat es Gott zu gelassen, dass nationale Bewegungen entstanden sind. Aber hier ist auch von außen also außerhalb der Orthodoxie stehende Personen wie der Sultan , Einfluss ausgeübt worden. Der Sultan hat diese nationale Bewegung genutzt, um Teile und Herrsche zu spielen. Deshalb hat er das bulgarische Exarchat ins Leben gerufen. Es waren schon damals auch protestantische Gruppen aus den Usa involviert. Sehr bemerkenswert dieser Umstand das schon im 19 Jahrhundert Protestanten aus den Usa dabei waren. Hier kann man sehen, dass es ein langen Plan gibt, um in der orthodoxen Welt Zwietracht zu sehen. Neustes Beispiel ist die Ukraine. Sie können planen was sie wollen, am Ende hat Gott immer das letzte Wort. Das einzige wichtige für orthodoxe Christen ist die Treue zu Gott.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Lazzaro » 30.08.2015, 19:03

... Es waren schon damals auch protestantische Gruppen aus den Usa involviert. Sehr bemerkenswert dieser Umstand das schon im 19 Jahrhundert Protestanten aus den Usa dabei waren. ...
Kannst Du das belegen :?:
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Thrakiotis » 31.08.2015, 20:11

Hallo zusammen,

der Heilige Arsenios der Kappadokier hatte es in einem seiner Dörfer mit einem Protestanten zutun gehabt. Der Heilige lebte von 1840 bis 1924 in Kappadokien in der heutigen Türkei. Es geht nicht hervor woher diese Protestanten kamen aber sie waren definitiv da. Und wenn sie in der Türkei waren könnten sie auch in Griechenland gewesen sein.

Der Heilige Paissios der Agiorit, schrieb die Vita des Heiligen Arsenios des Kappadokiers. In diesem Buch wird auf den Seite 58 u. 59 folgendes geschrieben.

...Da der Vater tiefe orthodoxe Empfindsamkeit besaß, war ihm seine große Verantwortung für seine Herde innigst bewusst, und er wachte unermüdlich über sie, um sie auch vor jenen Wölfen im Schafspelz zu behüten, den Protestanten, die im Osten Propaganda trieben mit Hilfer von Schullehrern, die sie entsandten, um zu proselytisieren. Deshalb sah sich der Vater genötigt, in seiner Schule drei der meistgebildeten Dorfbewohner als Hilfslehrer einzusetzen, und er nahm keinen an, der von außen kam.
Während anfänglich große Furcht herrschte wegen den Türken, was den Vater bewog, die Schule als Geheimschule zu organisieren, fürchtete man später weit mehr die Protestanten, denn diese hatten es darauf abgesehen, den orthodoxen Glauben der Kinder zu verschmutzen.
Einmal sandten sie einen protestantischen Lehrer nach Fárassa, und als dieser im Dorf ankam, fragte er zuallererst nach dem Haus des Protestanten Koupsis - den sie bezahlten, um zu proselytisieren-, wo er sein Gepäck abgeladen wollte, um bei ihm zu wohnen. Als der Vater davon vernahm, ging er sogleich hin und sagte ihm: "Geh schnell weg von hier, mitsamt deinem Gepäck, ohne es abzuladen, denn hier Fárassa wollen wir keinen weiteren Protestanten. Der eine, den wir haben, genügt uns, zusammen mit dem Türken, der hier seit Jahren Wohnt....

und auf der Seite 60 noch das.

...Die Protestanten haben dem gottesfürchtigen orthodoxen Volk des Ostens größeren Schaden zugefügt als die Türken, denn die Türken bekannten, dass sie Türken sind, und die orthodoxen Christen mieden sie als Türken. Doch die Protestanten präsentierten sich mit dem Evangelium in der Hand und lockten die Einfachen in ihre Verblendung, womit sie Seelen zerstört haben.

Vielleicht hast das weiter geholfen?

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Kai » 03.09.2015, 11:38

Heute morgen schrieb Abt Tryphon in seinem Blog über die Sünde des Nationalismus. Sein Argument ist, dass man zwar eine Nationalität hat, durch die Taufe aber sozusagen eine Orthodoxe Nationalität dazu erhält:
With the fall of communism, some nations with a history of Orthodoxy would seek to establish the Orthodox Church as a State Church, something that history tells us can be a big mistake. When the Bolsheviks defeated Imperial Russia, the former government’s close ties with the Church led to the wholesale murder of countless bishops, priests, monastics, and faithful, all seen as an inseparable part of the government. The institution of the Church was seen as so closely tied to the former government, the new government sought to completely destroy the Church.
When we behold the Church in the light of how the Church sees herself, we realize as Christians, our true nation is not the country of our birth, but the Church herself. We Orthodox Christians belong to Christ and His Church. Our true nation is therefore the Church.
Whether we are Americans, Russians, Greeks, or Norwegians, by birth, our second birth in baptism has made us members of the nation of Orthodoxy. I am an American by my first birth, but in baptism my nation is Orthodoxy, and I am of one nation with all Orthodox Christians throughout the world.
This unity of Faith is based on a personal relationship with Christ, Who is the head of His Church. Our true nationality is not based on political ideology, be it democratic, socialist, or monarchical, but on our common baptism that has united us to Christ, and to each other as the Body of Christ, the Church.
Saint Justin Popovitch wrote, “The Church is ecumenical, catholic, God-human, ageless, and it is therefore a blasphemy — an unpardonable blasphemy against Christ and against the Holy Spirit — to turn the Church into a national institution, to narrow her down to petty, transient, time-bound aspirations and ways of doing things. Her purpose is beyond nationality, ecumenical, all-embracing: to unite all men in Christ, all without exception to nation or race or social strata”.
With love in Christ,
Abbot Tryphon
Von dem zitierten Hl. Justin gibt es ein Dokument in der Orthpedia: Über die Beziehung der Kirche zur Staatsmacht, das werde ich heute mal in Ruhe lesen.
In Christo,
Kai

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon ARI » 22.09.2015, 00:12

Mir ist aufgefallen, dass in den "westlichen Medien" regelmäßig , also in festen Zeitabschnitten und unterschiedlichen Medien immer fast in identischen Wörtern , solche Artikel erscheinen http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015 ... ommunismus ..als ob alle von denen eine Blaupause haben und sie rumreichen und alle paar Wochen dieses dann veröffentlichen.

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Hermann
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Hermann » 22.09.2015, 05:17

Hallo ARI,
ich bin selber Journalist und den Medien gegenüber eher positiv eingestellt, aber an dem was du schreibst, ist leider etwas Wahres dran. Mir geht diese Berichterstattung auch schon ziemlich auf den Geist, vor allem kommen da immer wieder die gleichen Floskeln vor wie etwa "Putins Russland" - die gewisse Sachverhalte suggerieren wollen. Das soll nicht heißen, dass ich manches, was in Russland passiert, nicht kritisch sehe, aber die Russland-Berichterstattung in vielen westlichen Medien ist reichlich einseitig, etwa auch was den Krieg in der Ukraine betrifft.

LG, Hermann
Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch hinzugeschenkt.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Oliver » 30.09.2015, 18:28

Ich halte Nationalismus für einen Irrtum innerhalb der Orthodoxen Kirchen.
Ich empfinde es seltsam wenn Orthodoxe Priester Soldaten oder Waffen segnen und damit Krieg und Waffenhandel unterstützt werden.
Wenn Sodomisten ("Homosexuelle") verfolgt und geschlagen werden von Orthodoxen Organisationen statt ihnen einfach die Wahrheit zu sagen.
Wenn der Staat unterstützt wird von der Kirche in seinem bestreben die eigene Macht zu erhalten.
Wenn Gläubige anfangen gegen Juden, Muslime, Sinti, Roma, Amerikaner oder andere Menschen zu sprechen und behaupten Nächstenliebe ist in Beleidigungen enthalten oder der eigenen Isolation.
Wenn die Kyrillische Schrift als besser erachtet wird als Latein oder Arabisch.
Ich sehe darin nichts Christliches und auch nichts Orthodoxes.
All diese Irrtümer sind meiner Meinung nach das Ergebnis der Kirchengeschichte bis zum Hl. Kaiser Konstantin zurück aber nicht Teil des Lebendigen Glaubens.
Die Orthodoxe Kirche hat diese Nationen geschützt und nicht umgekehrt denn es waren die Christen die verfolgt wurden die Menschen aus der Unterschicht im Römischen Reich von der Gosse aufgenommen haben und womit der Staat keine andere Wahl hatte als den Christlichen Glauben zu etablieren.
Somit braucht niemand Stolz sein auf etwas was vergänglich ist wie diese Welt sondern Stolz auf die Orthodoxe Kirche die den Menschen befreit.


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