Nationale Kirchen und Patriotismus

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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ElvisVrinic
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon ElvisVrinic » 05.06.2015, 23:55

Candidatus hat geschrieben:Aus Erfahrungen und Gesprächen mit ethnischen Serben ist der überflügelte Patriotismus in Verbindung mit der Orthodoxie meiner Meinung nach vielleicht auch daher zu erklären, dass durch die Verbindung von Glauben und nationaler Identität immer auch eine Art Abgrenzung stattfindet. Am besten sieht man das heutzutage noch in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und zum gewissen Teil auch noch im multireligiös geprägten Russland. Ein "richtiger" Serbe ist nun mal orthodox, wenn er katholisch ist, dann ist er wohl eher Kroate. Und die Muslime sind selbstverständlich allesamt Bosniaken. Die Synthese von Glaube und Nation ist meines Erachtens auch nur in diesen Ländern vorhanden, mir ist beispielsweise noch nie ein Rumäne oder Bulgare über den Weg gelaufen, der seine nationale Identität vorrangig mit seinem Glauben legitimierte. Erklären lässt sich dies vielleicht dadurch, dass die Entstehung des damaligen Jugoslawiens beziehungsweise des Russischen Kaiserreiches ein von den jeweiligen Völkern nicht gewollter Akt war, da er "von Oben" proklamiert wurde, soll heißen: die jeweiligen Ethnien sind nicht von sich aus aufeinander zugegangen, sondern sie mussten sich untereinander arrangieren, da die Machthaber es so wollten.

So ähnlich war es auch zwischen dem damaligen Deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn.


im Osmanischen Reich galt die Identität nach dem glauben. So war man Serbe, wenn man orthodox war, ganz unabhängig ob man überhaupt ethnischer serbe war oder Osmane, obwohl man eine slawische Muttersprache sprach bzw. als bosniake heute zu sehen wäre. Es scheint wohl eher aus diesen Zeiten noch hängen geblieben zu sein.

orthodoxes Christentum und Nationalismus (ich wähle jetzt bewusst dieses Wort) gehören an sich schon gar nicht Zusammen. Für die meisten Patrioten ist Ostern, Weihnachten, die Slawa nichts weiter als etwas Folkloristisches, was man macht um gut in der Gesellschaft dazustehen bzw. füllt solch eine "Folklore" die Lücke der Nationalen Identität im Bereich der Brauchtümer....

Tja, wie viele wirklichh gläubige man hat, kann man an einer Hand abzählen.
Am Anfang war das Wort und das Wort war bei GOTT und GOTT war das Wort. Dieses war im Anfang bei GOTT. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts Geworden. Was geworden ist - in IHM war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen (begriffen, erfasst). (EVANGELIUM nach Johannes)

Ehre Sei dem Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.
Jetzt und immerdar und in alle ewigkeit. Amen

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Ein moskauer Erzpriester sehnt sich nach Krieg

Beitragvon Alf » 30.07.2015, 14:00

Eine sehr unschöne Sache. Der SPIEGEL berichtet von Erzpriester Tschaplin, der seinem Namen zum Trotz im vollem Ernst sich nach dem nächsten Krieg sehne. Das ist wohl keine Ente. Beim Echo Moskaus ist die Radiodiskussion nachzulesen, auf youtube der O-Ton.

Was meint Ihr dazu?

Für mich ist das eine äußerst abwegige Theologie, die offenbar die Anfechtung in Form von Krieg heraufbeschwört, um "die Gesellschaft" (d.h. all die anderen Leute, die nicht so edel sind, wie man selber) zu erziehen, die es sich in Ruhe und Frieden bequem gemacht habe. So ähnlich dachte man ja auch 1914 im dt. Reich, Frankreich, Britannien und (vielleicht) auch im Zarenreich. Heute wissen wir, daß das die Menschen überhaupt nicht zu Gott geführt hat, sondern zum braunen und roten Sozialismus. Letzterer hat dann in Rußland ja auch prompt die "Abschaffung der Familie", die Legalisierung von gleichgeschlechtlicher Unzucht, Mordkampagnen gegen Christen und Enteignungen losgetreten.

Was Чаплин von sich gibt ist so falsch: Unruhe und Krieg sind als Anfechtungen niemals wünschenswert (Mt. 26,41). Zwar kann man in der Anfechtung überwinden, was gut ist (Jak. 1,2-3), aber darum die Anfechtung zu suchen ist so, als würde man das Martyrium in Selbstmordattentaten suchen. Nun kann man sagen, Чаплин sei einfach einer von den Wirrköpfen, die es immer und überall gibt. Allerdings bekleidet er eine herausgehobene Position für das Moskauer Patriarchat.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Nikolaj » 30.07.2015, 16:14

Der genannte Priester hat schon öfters "Sachen" von sich gegeben. Mit allem Respekt zum Amt, das er bekleidet, gehören seine Reden verboten. Er vertritt radikale Positionen und ich wundere mich auch, warum ihm von der Obrigkeit solches erlaubt wird.

Aber, selbst wenn der Patriarch etwas sagt, was nicht orthodox ist, ändert das nicht die orthodoxe Lehre. Man muss also selbst bei hochrangigen Klerikern zwischen Meinung und offizieller Lehre unterscheiden.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Priester Alexej » 30.07.2015, 18:20

Ich kann als Gemeindepriester mit Gewissheit sagen - die meisten Menschen kommen in die Kirche, wenn es ihnen schlecht geht. Ist es gut, dass es diesen schlecht geht? Natürlich nicht. Kann man jemandem Wünschen, dass es ihm schlecht gehen soll? Auch nicht. Und trotz schikt Gott den Menschen Drangsahlen - damit es ihnen jetzt schlecht geht, ihm zukünftigen Leben aber gut.

Fairerweise muss man festhalten, dass V. Wsewolod nicht gesagt hat, dass er einen Krieg wünscht, auch hat er ihn nicht heraufbeschwört. Er hat gesagt - "Gott sei Dank, dass es einen Krieg geben wird". Ich bin mir sicher, dass er den Krieg nicht als etwas positives sieht. Aber es gibt ein russisches Sprichtwort - es gibt kein Übel ohne Gutes.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland Tausende Kirche gebaut, und sie alle waren voll. Jetzt, nach einigen Jahrzehnten Frieden geht es den Menschen toll - viel Technik, Lebensmittelüberfluss, soziale Sicherheit. Aber diese Kirchen werden abgerissen. Genau davon spricht V. Wsewolod.
Apostolischer Kanon 39 (32): Priester und Diakonen sollen ohne Wissen und Willen des Bischofs Nichts thun: denn dieser ist's, welchem das Volk des Herrn anvertraut worden, und von welchem Rechenschaft über ihre Seelen gefordert werden wird.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 30.07.2015, 21:27

Hallo,
hm... - es mag schon sein, dass es so ist, wie Priester Alexej schreibt, aber mindestens "seltsam" klingt es für mich doch. Griechenland ist z.B. auch in einer sehr schwierigen Lage, auch dort ist die Krise nicht nur materiell, sondern auch geistig/geistlich - viele Leute haben sich auch dort von Gott entfernt, haben Bequemlichkeit, Geld, Besitz usw. in den Mittelpunkt gestellt... Trotzdem habe ich keinen griechischen Priester oder Bischof sagen hören oder Entsprechendes gelesen (und ich versuche das Geschehen durchaus zu verfolgen), dass die Krise seiner Meinung nach noch schlimmer werden sollte oder andere Katastrophen die Menschen heimsuchen sollen, "damit sie aufwachen" oder so! Sie rufen auf zum Beten, zur Besinnung und Umkehr ("Metanoia") und zu gegenseitiger Hilfe, das ist alles. Und so ist es doch eigentlich auch richtig, oder?

Und was ich bedenklich finde, ist bei dem russischen Priester auch dieses "offensichtlich Staatstragende", diese unkritische Haltung zu Putin, als wäre der ein wer weiss wie toller Christ... So wirkt es zumindest auf mich (mag natürlich sein, dass manches in den Medien nicht ganz richtig dargestellt ist). Orthodoxe Christen sollten doch wohl weitgehend unabhängig von der Staatsmacht denken und handeln (ws ja absolut nicht ausschliesst, Patriot zu sein!)... - und für Frieden beten!
Gruss, M.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Priester Alexej » 30.07.2015, 22:51

Die "russischen Priester" haben durchaus verschiedene Meinungen. Aber - die meisten Leute in Rußland sind zu Putin positiv eingestellt - warum sollten die Priester da eine Ausnahme darstellen? Hierbei muss man aber klar unterscheiden - der Priester ist nicht nur Priester, sondern auch Bürger seines Landes. Er kann also - als Bürger - seine private politische Meinung haben und äußern.

Vater Wsewolod ist natürlich ein Hardliner, und ich bin oft nicht einverstanden damit, was er sagt und wie er es sagt. Aber - er sagt auch sehr vieles richtig. Dabei bringt er die Dinge auf den Punkt und redet nicht so weich drum herum, wie wir es gewohnt sind. Die westlichen Medien greifen natürlich alles auf und interpretieren es so, wie es ihnen passt. Doch ein Mensch, der zu Selbstkritik und logischem Denken fähig ist, und nicht nur die Medienberichte, sondern die Reden von V. Wsewolod selbst hört, kann daran Anstoß nehmen und zum Nachdenken kommen. So, wie es jetzt auch passiert.
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Alf » 31.07.2015, 01:01

Nikolaj hat geschrieben:Der genannte Priester hat schon öfters "Sachen" von sich gegeben. Mit allem Respekt zum Amt, das er bekleidet, gehören seine Reden verboten. Er vertritt radikale Positionen und ich wundere mich auch, warum ihm von der Obrigkeit solches erlaubt wird.
Das ist gut zu wissen, daß solche Äußerungen schon mal aufgefallen sind und prinzipiell unterbunden werden könnten. Würde er so etwas in vergleichbarer Position in einem deutschen katholischen Bistum öffentlich sagen, dann würde ihn der Bischof zu einem "einseitigen Jawohlgespräch" einladen und im Wiederholungsfalle ein Interdikt aussprechen. Abgesehen davon bekäme er noch Post von der Staatsanwaltschaft wegen Kriegsverherrlichung, und das kann ein Bischof auch nicht ganz ignorieren.

Nikolaj hat geschrieben:Aber, selbst wenn der Patriarch etwas sagt, was nicht orthodox ist, ändert das nicht die orthodoxe Lehre. Man muss also selbst bei hochrangigen Klerikern zwischen Meinung und offizieller Lehre unterscheiden.
Ja, das glaube ich auch: Nur die Kirche ist unfehlbar, nicht der Einzelne, selbst wenn er gebildet oder ein hoher Hierarch ist. Aber deswegen meine ich auch, daß man widersprechen muß, wenn so etwas auffällt, damit sich die Wahrheit herausstelle. Und ein bißchen ärgert mich auch, daß es da tatsächlich Grund für schlechte Presse im SPIEGEL gibt. Eine Verleumdung wäre ja nicht so schlimm.


Priester Alexej hat geschrieben:Und trotz schikt Gott den Menschen Drangsahlen - damit es ihnen jetzt schlecht geht, ihm zukünftigen Leben aber gut.
Ehrlich, das glaube ich nicht. Im Alten Bund, da wird das so gewesen sein. Aber seither hat Gott zu diesem Zweck Seinen Sohn geschickt, der die Apostel, und die wiederum die Priester, damit die Menschen verständliche Predigten hören und aus freier Überzeugung sich Gott zuwenden. Und nicht bloß, weil sie gerade Linderung ihres Leides wollen. Das ist doch eine komische Gottesliebe, wenn man nur etwas von Ihm will. Und es müßte ein ziemlich zynischer Gott sein, der uns erstens so manipulieren würde und dem zweitens so eine komische Gottesliebe ausreicht.

Priester Alexej hat geschrieben:Fairerweise muss man festhalten, dass V. Wsewolod nicht gesagt hat, dass er einen Krieg wünscht, auch hat er ihn nicht heraufbeschwört. Er hat gesagt - "Gott sei Dank, dass es einen Krieg geben wird". Ich bin mir sicher, dass er den Krieg nicht als etwas positives sieht. Aber es gibt ein russisches Sprichtwort - es gibt kein Übel ohne Gutes.
Ja, so ein Wort gibt es bei uns auch: "Man weiß nicht, wozu das noch gut ist." Aber abgesehen von der Frage um Kriegsverherrlichung stört mich diese verdrehte Finalität. Es heißt in Röm. 3,8, daß man nichts schlechtes tun dürfe, damit Gutes daraus entstehe. Daran wird sich doch Gott selber auch halten! Vor allem heißt es explizit, daß Er uns nicht Anfechtungen und Versuchungen schickt, damit wir uns dort bewähren. Es geht schließlich oft genug schief. Anstatt sich z.B. in einer Hungersnot zu bewähren (um mal Krieg beiseite zu lassen), fängt jemand an zu stehlen. Und diese eingeübte "Erwerbsmöglichkeit" behält er noch bei, wenn sich die Zeiten bessern. Was soll da Gutes sein?

Priester Alexej hat geschrieben:Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland Tausende Kirche gebaut, und sie alle waren voll. Jetzt, nach einigen Jahrzehnten Frieden geht es den Menschen toll - viel Technik, Lebensmittelüberfluss, soziale Sicherheit. Aber diese Kirchen werden abgerissen.
Diese Kirchen wurden gerade zum leichten späteren Abriß gebaut. Sie wurden gebaut für die vielen Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen, Sachsen, Preußen, Mecklenburg, Thüringen und Anhalt und genau die füllten diese Kirchen. Es war so gedacht, daß nach ein paar Jahrzehnten diese Kirchen nicht mehr benötigt werden, weil die Menschen wieder zurückkehren würden in die Gebiete, von denen man damals dachte, sie seien nur temporär unter polnischer oder sowjetischer Verwaltung. Und ehrlich gesagt findet keiner diese Stahlbetonkirchen der Nachkriegszeit besonders schön und erhaltenswert.

Die Menschen sind aus dem Krieg keineswegs frommer herausgekommen als sie hineingezogen sind. Wie soll man sich auch in Nächstenliebe üben, wenn man lernen muß, andere Menschen zu verwunden oder gar zu töten? Im Gegenteil leidet das Ansehen der Kirchen in Deutschland bis heute massiv darunter, daß zu viele Christen den Kriegsoptimismus der Nazis für vereinbar mit ihrem Glauben hielten, und daß zu wenige Christen in der Situation zum Märtyrertod bereit waren. Das ist ein Grund, warum die Kirchen jetzt leerer sind, obwohl die Schlesier, Pommern und Preußen noch da sind. Da wurde das Christentum von den 68ern in Mithaftung für den Krieg der Nazis genommen. Das hat gewirkt, so wie 1918 die Orthodoxe Kirche in Mithaftung für den Krieg der Imperialisten genommen wurde. Mir täte es deswegen sehr leid, wenn Rußland sich in einem Krieg nochmal materiell ruiniert, um sich hinterher auch spirituell zu ruinieren.


MariaM hat geschrieben:Und was ich bedenklich finde, ist bei dem russischen Priester auch dieses "offensichtlich Staatstragende", diese unkritische Haltung zu Putin, als wäre der ein wer weiss wie toller Christ... So wirkt es zumindest auf mich (mag natürlich sein, dass manches in den Medien nicht ganz richtig dargestellt ist). Orthodoxe Christen sollten doch wohl weitgehend unabhängig von der Staatsmacht denken und handeln (ws ja absolut nicht ausschliesst, Patriot zu sein!)... - und für Frieden beten!
Ja, und das tut mir gerade besonders weh. Ich bin mir gewisser Lehrdefizite der kath. Kirche bewußt, aber die sprachlich beste neue spirituelle Heimat ist für mich unmöglich geworden, weil ich auch nicht Vaterlandsverrat gegen Lehre eintauschen kann.

Priester Alexej hat geschrieben:Hierbei muss man aber klar unterscheiden - der Priester ist nicht nur Priester, sondern auch Bürger seines Landes. Er kann also - als Bürger - seine private politische Meinung haben und äußern.
Aus der Sicht eines liberalen Staates kann er das durchaus. Da kann er von mir aus sogar Kriegshetze betreiben, obwohl das bei uns verboten ist. Aber selbst als freier Bürger hat man Treueverpflichtungen gegenüber Dritten, die man freiwillig eingegangen ist. Ein Angestellter kann gefeuert werden, wenn er öffentlich seine negative Meinung über seinen Arbeitgeber preisgibt, selbst wenn es nach Feierabend ist. Um wieviel mehr muß also auch ein Priester mit seiner privaten politischen Meinung treu zur Kirche stehen!

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 31.07.2015, 06:38

Hallo nochmal, guten Morgen allen!
Mir ist noch eingefallen... - das mit den Anfechtungen, hm... - also aus allem was ich bisher an orthodoxen Testen gelesen und an Reden/Omilies ect. gehört habe, habe ich das eher so verstanden, dass Gott die Anfechtungen nicht aktiv "schickt". Sondern dass wir uns das Schlechte, was uns widerfährt, die Krisen und Kriege und was weiss ich, eher selbst machen. Und zwar durch unsere Lebensführung und daraus hervorgehende falsche Entscheidungen und Verhaltensweisen. (Wir sind ja alle geprägt von dem geerbten von Gott abgefallenen Zustand, den zu überwinden uns erst Jesus Christus ermöglicht hat - wenn wir denn wollen.)
Und wenn dann so eine von uns herbeigeführte Katastrophe kommt, dann kann es wirklich sein, dass manche/viele Menschen "aufwachen" - wenn es schon (fast) zu spät ist, und sich wieder Gott und der Kirche zuwenden (andere wiederum versinken in Vewzeiflung oder machen so weiter, denn "jetzt ist es eh schon egal" etc.). Aber die umkehren, tun das doch gerade auch, WEIL sie realisieren, wohin das alles geführt hat! Und nicht, weil Gott es "geschickt hat". Oder?
Wobei - es mag auch Fälle geben, wo auch dies passiert... da bin ich mir nicht sicher, es muss wohl jemand Berufeneres darauf antworten. Gruss, M.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 31.07.2015, 06:45

P.S. Priester Alexej - die Dinge beim Namen zu nenne und nicht zu "weich drumherum zu reden" finde ich grundsätzlich auch gut und richtig. Aber gerade wenn man Klartext redet, sollte dies nicht missverständlich sein/rüberkommen.
Wobei es natürlich sein kann, wie Sie sagen - das kennt man ja auch anderswoher - dass manches hier in den Medien nicht richtig wiedergegeben wird, das stimmt schon... Aber die haben das doch wahrscheinlich nicht alles total verdreht, oder?

Als Bürger kann man natürlich politisch denken und sagen, was man will. Als orthodoxer Priester und in dieser "Funktion" sollte man doch aber zu Bescheidenheit und Selbstkritik aufrufen - was mit Putins Imponiergehabe (aber auch dem anderer Politiker in anderen Ländern, ich meine NICHT speziel nur ihn) nun mal nicht so ganz zusammen geht...

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Mary » 31.07.2015, 09:30

Alf hat geschrieben:Ja, und das tut mir gerade besonders weh. Ich bin mir gewisser Lehrdefizite der kath. Kirche bewußt, aber die sprachlich beste neue spirituelle Heimat ist für mich unmöglich geworden, weil ich auch nicht Vaterlandsverrat gegen Lehre eintauschen kann.

Über diesen Satz von Dir bin ich grade gestolpert.
Was meinst Du mit "sprachlich beste"?

Und: Begehst Du nicht gerade den Fehler, lokale und politische Eigenheiten einzelner Repräsentanten einer Kirche zu verwechseln mit der ewigen Wahrheit der Orthodoxie?
Da kann nämlich die Lehre noch so wahr sein - wo auch immer - ... es wird immer einzelne Vertreter geben, die sich nicht entsprechend dieser Wahrheit verhalten. Die schroff sind, eigenartige Ansichten haben, etc.? Das ist frustrierend, ändert aber nichts an der Wahrheit. Oder verhalten WIR uns denn immer genauso, wie wir sollten?

liebe Grüsse
Mary
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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon MariaM » 31.07.2015, 09:45

Mary, das stimmt.
Ich denke auch, man sollte auf keinen Fall wegen einzelner Leute mit seltsamen oder evtl. gar falschen Ansichten, oder wegen sog. "Skandale" der in einzelnen Gemeinden usw. gleich die ganze Orthodoxe Kirche in Frage stellen. Sie existiert nun 2000 Jahre und wird weiter existieren, trotz all dem Unvollkommenen, was es gibt, weil halt wir Menschen unvollkommen sind. Menschen, auch Priester, unterliegen halt auch weltlichen Einflüssen, z.B. der Politik etc. Darum kann ja (konstruktive) Kritik auch wichtig sein, damit sie einen Anstoss bekommen, evt. etwas zu überdenken. Wir haben ja zum Glück kein Unfehlbarkeitsdogma, das es uns verbiete würde, auch Kirchenoberhäupter zu ´kritisieren. In der Orthodoxie ist die Freiheit des Menschen wichtig, da Gott uns frei erschaffen hat, und nicht als Marionetten.

Mein beliebter gr.Priester Andreas Konanos sagte mal sinngemäss - "Auch wenn ihr Probleme habt mit dem, was grad in eurer Gemeinde los ist, wenn ihr den Priester nicht mögt oder komische Sachen über die Kirche in der Zeitung gelesen habt oder sonstwas - konzentriert euch auf das Wesentliche, auf Gott. ER ist in der Kirche anwesend. Den Priester könnt ihr meinetwegen wechseln und woanders hingehen, über Probleme kann man diskutieren, nachgewiesene Fehltritte werden sanktioniert... - aber wendet euch deshalb nicht von Gott, von Christus ab, entzieht euch nicht dem Wirken des Heiligen Geistes in Seiner Kirche."

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Thuja » 31.07.2015, 19:37

Damit, liebe Maria,

Mein beliebter gr.Priester Andreas Konanos sagte mal sinngemäss - "Auch wenn ihr Probleme habt mit dem, was grad in eurer Gemeinde los ist, wenn ihr den Priester nicht mögt oder komische Sachen über die Kirche in der Zeitung gelesen habt oder sonstwas - konzentriert euch auf das Wesentliche, auf Gott. ER ist in der Kirche anwesend. Den Priester könnt ihr meinetwegen wechseln und woanders hingehen, über Probleme kann man diskutieren, nachgewiesene Fehltritte werden sanktioniert... - aber wendet euch deshalb nicht von Gott, von Christus ab, entzieht euch nicht dem Wirken des Heiligen Geistes in Seiner Kirche."

hast Du 'was ganz Wichtiges gesagt!!!!
Schließlich haben wir unsere Köpfe ja auch zum Denken bekommen!!!!
Aber die Grundlage, der Glaube, ist in unserem Herzen verankert, nicht in den Köpfen!

Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Alf » 04.08.2015, 18:55

Mary hat geschrieben:Was meinst Du mit "sprachlich beste"?
Von den orthodoxen Kirchen in der Nähe kann ich eben bloß bei den russischen etwas verstehen. Griechisch kann ich so gut wie der Heilige Augustinus: Gar nicht.
Nur verstehe ich lieber nichts, als daß ich in so ekelhafte politische Parteinahmen 'reingezogen werde.

Mary hat geschrieben:Und: Begehst Du nicht gerade den Fehler, lokale und politische Eigenheiten einzelner Repräsentanten einer Kirche zu verwechseln mit der ewigen Wahrheit der Orthodoxie?
Da kann nämlich die Lehre noch so wahr sein - wo auch immer - ... es wird immer einzelne Vertreter geben, die sich nicht entsprechend dieser Wahrheit verhalten. Die schroff sind, eigenartige Ansichten haben, etc.? Das ist frustrierend, ändert aber nichts an der Wahrheit. Oder verhalten WIR uns denn immer genauso, wie wir sollten?
Neinnein, das mache ich nicht. Im Gegenteil: Wenn ich in einer Predigt oder einer anderen Stellungnahme von Geistlichen etwas mutmaßlich falsches höre und mich das sehr stört, dann frage ich einfach nach oder erkläre meinen gegenteiligen Standpunkt. Ich glaube, das ist nur richtig so. So kann ich das natürlich auch mit Erzpriester Wsewolod machen, irgendwo hat der sogar eine Mailadresse. Dann kann man ja mal sehen, was passiert.

Warum ich die Sache hier thematisiere ist zu einen, weil es durch die Presse gegangen ist. Da es jetzt keine Verdrehung oder Falschmeldung ist (hätt' ja sein können, aber deswegen habe ich ja die Originalquelle gefunden), wollte ich hier im Forum quasi dokumentiert haben, daß diese Meinung auch in der Orthodoxie umstritten ist. Zum anderen möchte ich auch gerne praktisch wissen, wie man in der ROK mit solchen "Falschlehren" umgeht.

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Lazzaro » 06.08.2015, 14:49

Mary hat geschrieben:
Und: Begehst Du nicht gerade den Fehler, lokale und politische Eigenheiten einzelner Repräsentanten einer Kirche zu verwechseln mit der ewigen Wahrheit der Orthodoxie?
Liebe Mary, grundsätzlich hast Du recht, aber es sind leider die lokalen Representanten, die uns Konvertiten in die Arme der Anderen treiben, seien sie andere Patriarchate, seien sie von uns getrennte Kirchen. Zu letzt wird einem das dann auch noch vorgeworfen.
Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, daß "die Orthodoxen" mich niemals als Glaubensbruder akzeptieren werden, und zwar einfach deshalb, weil ich die falsche Nationalität habe.
Das führt halt dazu, daß ich eine sehr gute und wichtige Institution nicht unterstütze und ihr auch nicht beitreten werde, denn der Minnimalkonsens wäre, daß die Mitglieder mich als christlich-orthodoxen Bruder akzeptierten: Und genau das ist das allerletzte, was sie mit einem autochonen Zentraleuropäer machen werden.

Soviel zu der Zerstörung des Christentumes durch euren supertollen Patriotismus.
Lazarus
Cantábiles mihi erant justificatiónes tuæ, * in loco peregrinatiónis meæ. - Ps.118:54

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Re: Nationale Kirchen und Patriotismus

Beitragvon Mary » 07.08.2015, 08:35

Lazzaro hat geschrieben:
Soviel zu der Zerstörung des Christentumes durch euren supertollen Patriotismus.
Lazarus

Lazzaro...
ich muss schon sehr bitten!!
Ich habe bei meiner Konversion und bis heute immer betont, dass ich orthodox, aber nicht russisch werden/sein will. Ich bin und bleibe Schweizerin, ich suche nach den orthodoxen Wurzeln hierzulande, ich suche nach einem Weg, meinen orthodoxen Glauben nach "Schweizer Art" zu leben.
Was Du anmahnst, darunter habe ich doch selbst zu leiden. In den beiden Gemeinden, wo ich verkehre, bin ich aber gern gelitten und gelte sogar als echte Orthodoxe :angle: . Das muss mir genügen.
Ich selbst versuche in meinen Gesprächen, zu trennen zwischen Glaube und Nationalität. Helfen kann da nur Aufklärungsarbeit. Ich versuche auch, frustrierten Suchenden die Schönheit des Glaubens zu zeigen und sie einzuladen, das "Beigemüse" nicht zu sehr zu gewichten.
Aber natürlich, mich ärgert es auch gewaltig, wenn Aussagen der Art, wie die von Erzpriester Tschaplin die hier diskutiert wurde, gemacht werden. Andererseits... geschieht das nicht überall? Kürzlich erst der shitstorm, den der Churer Bischof Vitus mit Aussagen über Homosexuelle losgetreten hat....
Verstehst Du das ein bisschen?


Lieben Gruss
Mary
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