Spiritualität im Alltag

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Ehemaliger
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Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 28.03.2012, 14:55

Ich war gestern bei meiner Doktorin, habe also im Wartezimmer gesessen. Dort bin ich sonst meist sehr selbstbezogen (leider habe ich zur Zeit etwas 'Erfahrung' damit), aber gestern war es anders.

Jeden Tag bete ich seit Jahren in meinen Fürbittengebeten: "Und rette, Herr, und erbarme Dich all derer, deren keiner gedenkt, die niemanden haben, der für sie betet. Komm zu ihnen, Herr! Stärke und tröste sie und gewähre ihnen rasch durch Deine Kraft Erleichterung, Freiheit und Rettung". Das klingt ja so schön fromm... Gestern aber kam mir zum ersten Mal der Gedanke: Kuck mal, da sitzen welche, für die du betest! Denn ich glaube schon, dass unter denen welche sind, für die niemand betet.

Es war wie ein Licht, wie eine beschlagene Scheibe von der die Tropfen wichen. Neben mir waren Menschen, mit denen ich im Herrn verbunden war. Auf einmal hatte ich 'Bekannte' um mich, Menschengeschwister. Jesus in vielerlei Gestalt.

Mich hat das verblüfft, verlegen gemacht und ich schäme mich, dass mir das erst nach JAHREN aufgeganngen ist.

Und dann habe ich es in nächsten Geschäft ausprobiert. Bei uns haben die Kassenangestellten ein Namensschild. Ich habe also gelunst, und, während ich in der Schlange stand, das Jesusgebet für die junge Frau gebetet. Als ich dran war wurde ich, wie hier üblich mit einem 'hej' begrüsst und mein Dank im Gruss muss anders gewesen sein als sonst, sie schaute nochmals auf und strahlte mich an. Während unserer kurzen Zeit zusammen ist das Lächeln weder aus ihrem noch meinen Gesicht gewichen.

Das wollte ich gerne mit euch teilen. Und natürlich von euch hören. Wie 'geschieht es euch', dass ihr von der Liebe Gottes 'benutzt' werdet?

Euer Benedikt

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von peter » 29.03.2012, 15:56

Lieber Benedikt,

sehr interessant, Deine Erfahrung des aktuellen Transzendierens im Gebet. Kannst Du mir kurz beantworten, ob Du dann im Jesusgebet den Namen (also vom Schild der Kassenangestellten, oder konkret irgendetwas vom Gegenüber) einfügst? Also: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich "dieses Sünders, dieser Sünderin", "dieser Person xy"(anstatt "meiner, des Sünders")? Ich habe dieses Austauschen bisher nur in der gedenkenden Fürbitte verwendet. Danke!

peter
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Ehemaliger
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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 30.03.2012, 09:59

Lieber Peter,

ich habe es so gemacht, dass ich den Vornamen (Ich habe euch bei eurem Namen gerufen, sagt Gott) vom dem "der Suenderin" eingesetzt habe. Hier bei uns gehen alle per Vornamen und 'Du' miteinander um.
Ich weiss wohl, dass im Gottesdienst bei Fuerbitten anders verfahren wird, aber ich gehe davon aus, dass der Herr weiss, wer gemeint ist. Ich halte das fuer vertretbar, da wir ja sonst auch fuer Nicht-Orthodoxe, in unserem Fall das Königshaus, in eher 'allgemeinen Namensnennungen' in den Ektenien beten. Aber du hast schon Recht. Ich werde es mit meine geistlichen Vaterbesprechen.

Liebe Gruesse
Benedikt

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Igor » 30.03.2012, 17:21

Benedikt hat geschrieben:Aber du hast schon Recht. Ich werde es mit meine geistlichen Vaterbesprechen.
Lieber Benedikt,

das ist eine sehr gute Idee. In solchen Sachen ist es wirklich sehr angeraten, nicht allein, auf "eigene Faust" zu agieren.

In Christo
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Als der Höchste hernieder fuhr, verwirrte Er die Sprachen, zerteilte Er die Völker, nun, da Er Feuerzungen ausgeteilt, ruft Er alle zur Einheit: Einmütig preisen wir deshalb den Heiligen Geist. (Pfingstkondakion im 8. Ton)

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 30.03.2012, 18:36

Ach, weisst du,Igor,

wir beten ja auch in den allgemeinen Fürbitten am Abend und Morgen für 'Nicht-Orthodoxe' - nimm deinen Zeigefinger beruhigt wieder in Verwahr. Der Herr wird es uns wohl kaum verdenken, für Seine Kinder zu beten.

Liebe Grüsse
Benedikt

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Igor » 30.03.2012, 18:45

Benedikt hat geschrieben:nimm deinen Zeigefinger beruhigt wieder in Verwahr.
Hatte ihn eigentlich gar nicht rausgeholt, war eher als gut gemeinter Ratschlag zu verstehen. Sorry, wenn das falsch rüberkam. :wink:
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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 08.04.2012, 15:00

" Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?"
(Lukas 9, 20)

Liebe Geschwister, wir steuern auf Ostern zu.
Auf die Auferstehung unseres Herrn. Wir bekommen den Glauben an die Auferstehung vereinfacht. Durch Blumen und Ostereier (Symbole des zurückkehrenden Lebens). Und die fruchtbaren Osterhasen. Und die meisten Menschen 'feiern' mit. Mit Ausflügen in die Natur, mit Eiersuchen. Freude an der zunehmenden Tageslänge und Wärme tut das ihre dazu.

Aber wehe, wir sagen das mal in allem Ernst:" Jesus ist wahrhaftig auferstanden". Nicht als Antwort auf den Ostergruss unserer Mitchristen sondern als Argument in einem Streitgespräch, als klaren Ausdruck unseres Glaubens!
Die für uns am wenigsten unangenehme Variante einer Antwort ist dann die, bei der wir § ??? 'erhalten' und für nicht ganz dicht im Kopf angesehen werden. Dann ist uns mildes Lächeln und das 'na ja, jeder glaubt ja was er will' gewiss (als ob das solch eine Frage irgendwie lösen könnte). In der weniger milden Variante bekommen wir etwas vom Diebstahl des Leichnams(steht schon in der Schrift, diese Variante) oder vom Auswandern mit Maria Magdalena nach Indien zu hören. Also: Ist nicht auferstanden, sie haben 'dran gedreht', damit es was zum Glauben gab; oder 'war garnicht richtig tot' und das trotz Stich in die Seite.

Die härteste Variante ist die, bei der dann, mit der Theorie der unterdrückenden Kirche auf den unglaubhaften Phantasien einiger manipulationsbereiter Männer beruhend, der grosse Rundumschlag kommt.

Wie auch immer: Uns ist diese Frage auch gestellt. Mein geliebter V. Ambrosius hat mir sie vor dem Kreuz gestellt. Er deutete das schief stehende Fussteil unseres 3-balkigen Kreuzes zur "Frage aller Fragen": Wer sagst du (also ich) WER Er ist? Und dass das Fussteil schief steht beinhaltet, dass es nur ein "Ja" oder "Nein" gibt, kein neutrales Niemandsland dazwischen.
In der Fussnote in der Orthodox Study Bible zu diesem Vers wird sie auch die 'ultimative question in Scripture and in all theology' genannt. Also die grösste, die letzte, die eigentliche Frage in der Schrift und in der gesamten Theologie.

Petrus antwortet auf diese Frage: "Der Christus (der Gesalbte) Gottes" und bekennt Ihn damit als den lang erwarteten Retter.
Der Herr reagiert darauf mit der ersten Ankündigung Seines Leidens und mit den Sätzen:"
Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.
25 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?


Diese Antwort rechtfertigt gewiss die Einschätzung der Väter, dies sei die "Frage aller Fragen". Entweder Christus, Herr, dann Nachfolge; oder nicht, dann alles Humbug.

Wer also ist ER, der da aufersteht? ... für uns ... am Dienstag, ... beim Ausfüllen von (Steuer)Erklärungen, ... bei der Begegnung mit eher ungeliebten Menschen ... wie sieht unser "Folge mir nach" aus?

Anfangs mochte ich die Worte aus unserem 8. Morgengebet nicht: ".. sondern ob ich will, Christus, mein Retter, oder nicht will, rette mich, komm schnell mir zuvor (ich vermassele die Sache sonst gründlich), denn schnell (schneller als ich bin) gehe ich zugrunde". Je länger ich sie bete, desto dankbarer bin ich für sie. Gewiss, man kann es aus Überzeugung sagen: "Du bist der Christus Gottes" aber ob das bei mir 'ankommt', Wurzeln schlägt und Frucht bringt . . .

Herr, schenke mir, hilf mir, Dich als den, der Du bist in der (auch meiner) Welt "wahr-zu-nehmen". Diese Warheit zu nehmen!

Euer
Benedikt

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 27.04.2012, 10:00

Chtistus ist auferstanden !

Wie, liebe Geschwister, geht man eigentlich mit dem Heiligen Geist um? So, ganz konkret, im täglichen Leben.

1. Korinther 6, 19
"Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt? Gott hat euch seinen Geist gegeben und ihr gehört nicht mehr euch selbst."

1. Kor 9, 27
Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, sodass ich ihn ganz in die Gewalt bekomme. Ich will nicht anderen predigen und selbst versagen.

Nein, eine Aufforderung, Gott in uns zu misshandeln kann ich darin nicht lesen. Wohl aber die Anfrage an uns Christen im 21. Jhdrt, wie wir es denn mit unserem Leib halten, dem "Tempel des Heiligen Geistes". Mir wird ganz anders, muss ich bekennen, wenn ich solch gewichtige Worte lese und höre. So unangenehm nahe. Gott ist da so "richtig" nahe, sozusagen 'unter der Haut'.
Nicht so etwas 'spirituell distanziert' wie bei Himmlischer König. Da beten wir zwar auch, 'der Du alles erfüllst', aber das klingt irgendwie nach mehr Distanz, dieses 'alles' was da erfüllt ist. Jedenfalls erlebe ich das so. Ich denke da nicht gleich an mich.

Unserem Leib begegnen wir ja tagtäglich, oder besser, wir können gar nicht ohne ihn, nicht eine Minute, wir sind ja 'er'.
Unsere Kirche hält uns ja zum Fasten an, fast 200 Tage im Jahr. Da begegnen wir dem Leib auf ganz besondere Weise. Wir ernten ja öfters verständnislose Fragen nach dem 'Sinn' des Fastens. Und es ist nicht leicht, da eine gescheite Antwort zu geben. Dass Theosis die Kontrolle unseres Leibes und unserer körperlichen Bedürfnisse beinhaltet, ist schwer zu vermitteln. Ich scheue mich auch manchmal darüber zu erzählen, weil ich nicht als 'abgefahren' erscheinen möchte.

Völlerei und auch körperliche Trägheit galten den frühen Christen als Sünde... wir sehen es, wenn überhaupt als etwas worüber wir nachdenken, höchstens als Charakterfrage an. Wir scherzen darüber, uns überessen zu haben oder nicht aus den Federn gekommen zu sein; dass das etwas zum Beichten sei, das kommt uns so schnell nicht in den Sinn.

Unsere körperlichen Bedürfnisse sind uns vom Herrn gegeben und nichts an ihnen ist falsch oder abzulehnen. Aber, sobald sie aus der Kontrolle geraten, wird's problematisch. Römer 6, 13a "Stellt eure Glieder (also unseren Leib) und alle eure Fähigkeiten nicht länger in den Dienst der Sünde, die sie als Waffen gegen das Gute benutzt".
Wir können also nicht davon ausgehen, dass unser Leib sozusagen neutrales Gebiet wäre, im Gegenteil, Kampfgebiet ist er. Und "mein Leib gehört mir" gilt für uns Christen nicht. Das steht da oben: Wir gehören uns nicht mehr selbst. Michel Quoist, ein französischer Arbeiterpriester des 20 Jhdrt schrieb: "Wenn dein Leib entscheidet und befiehlt, und du gehorchst, dann wird seine Last alles andere in dir erdrücken. Deine Empfindsamkeit wird stumpf werden, dein Geist wird ersticken und blutarm werden". Susannah Wesley (Mutter von John Wesley) schrieb: "Was immer die Stärke und Herrschaft deines Leibes über deinen Geist fördert - diese Sache ist Sünde für dich". Das Problem sehen also nicht nur wir Orthodoxe.

Die Schriften unserer Väter sind voll von Srüchen und Abhandlungen eben gerade über dieses Thema. Und auch Paulus redet ganz oft darüber: "1 Brüder und Schwestern,weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.2 Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist. Römer 12

Aber, wie halten wir es mit dem Tempel Gottes in dem wir leben (dürfen und müssen)? Ist es denn so, dass unser Konsum von Nahrung und auch Getränken dieses Wissen um denTempel des uns innewohnenenden Herrn widerspiegelt? Wird da nicht augenzwinkernde Nachsicht mit uns in unserem Leib zur Beleidigung Gottes? Oder kann es zumindetstens werden?

Hmmm...
Benedikt

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Thuja
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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Thuja » 27.04.2012, 12:58

Lieber Benedikt,

ich denke, es geht hierbei um einen wirklich achtsamen Umgang mit unserem Körper, unsere Lebensweise und Gewohnheiten! Das wäre zuerst mal des Überdenkens wert!
Es ist nicht jeder zum Asketen geboren, unsere Umwelt spielt eine weitere Rolle... Natürlich liegt es in unserer Verantwortung, uns gesund zu ernähren.
Aber wie oft höre ich von meinen Mitmenschen: "Dies und das kann man ja nicht essen: das schmeckt nicht/das mag ich nicht/das sieht furchtbar aus/das gab's ja gestern schon...". Und zwar bei "ganz normalen" Speisen, die bestens zubereitet sind, also nichts Außergewöhnlichem, evtl. Unbekanntem... oder: "Der Tee steht jetzt schon 5 Stunden in der Thermoskanne, er ist nicht mehr frisch, denn kann man nicht mehr trinken, man muss einen neuen kochen..." Soooo???? Ist doch derselbe Tee wie vor 3 Stunden!!!????
Wo ich mich jedesmal wundere, wieso kann "man" das nicht essen/trinken? Gut, wenn es Unverträglichkeiten gibt, ist's eine andere Sache; aber es gibt sooo viele leckere Möglichkeiten, dass man nicht alles gleichermaßen mag, ist auch klar, aber dann bei wirklich soo vielem sofort total mäkelig zu sagen, "das esse ich nicht", finde ich nicht richtig... Gut, auch die Erziehung spielt da eine große Rolle, ich hab' halt daheim gelernt, ohne Wenn und Aber: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, ob's jetzt mein Lieblingsgericht ist oder nicht. Und es gibt nichts anderes stattdessen, auch keine Schokolade...probieren musst du immer, denn es kommt nur "ordentliches" Essen auf den Tisch, wenn's dir dann wirklich gar nicht schmeckt - dein Problem, im Zweifelsfall bleibst du halt hungrig, wenn du's nicht isst... wann anders gibt's dafür 'was anderes, was du besonders gern magst und andere eben nicht... Andere bekamen/bekommen da ständig "Extrawürste gebraten", wie ich so mitkriege...
Da frage ich mich eben, sooo mäkelig, das ist doch eine extreme Nicht-Wertschätzung und Missachtung des Essens an sich und der Arbeit, die sich der/die Zubereitende damit gemacht hat. Aber für unseren Körper ist's "inhaltsmäßig" ziemlich wurscht, ob wir jetzt beispielsweise Superteuren Edelkäse aus XY essen, oder "einfachen Emmentaler". Sicher kann man mal 'was Besonderes genießen, doch die "Anspruchs-Selbstverständlichkeit im Alltag" in unserer Gesellschaft stört mich immer wieder. Ich "brauche" nicht 200 Käsesorten zur Auswahl, um mich wohl zu fühlen, um beim Beispiel zu bleiben, ich kann ohnehin auf einmal immer nur eine essen, 5 Sorten aus heimischer Produktion prinzipiell reichen auch zum sattwerden...
Die Frage des "materiellen brauchens" sehe ich oft unzulässig ausgelegt in unserer Gesellschaft, was einer weiteren Einbeziehung der Spiritualität ins Leben diametral entgegensteht.
Und dabei ist es eigentlich der "Hunger der Seele", der damit versucht wird, zu übertönen! Aber "satt" wird die Seele davon nicht, im Gegenteil!
Denn jedes Mal nach einem Klosteraufenhalt fällt mir als erstes immer wieder auf, was ich im Alltag eigentlich nicht "brauche"... und das ist bei genauer Betrachtung ziemlich viel...

Damit sollten wir zuerst anfangen!

Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

Ehemaliger
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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Ehemaliger » 09.06.2012, 13:17

Liebe Geschwister,

Stellt es euch doch mal vor:
Eure Tante und Onkel kämen zu Besuch. Sie haben euch schon 5 Jahre lang nicht mehr gesehen, also das letzte Mal als ihr 3 Jahre alt wart. Und nun seid ihr 8. Und die Beiden sagen: Na, du bist ja ganz die Alte, nicht gewachsen und immer noch ist der Brei dein Lieblingsessen..
Das wäre doch ziemlich alarmierend, oder? Eigentlich sollten sie entsetzt oder zumindest tief besorgt sein, mit den Eltern schimpfen, dass sie euch nicht längst zum Arzt gebracht haben und ihr allerlei Tests und Rehabilitationsmassnahmen unterzogen worden worden seid… Die Diagnose auf Neudeutsch heisst: „Failure to thrive“ , "Versagen sich zu entwickeln". Gott sei Dank, so ist es nicht.

Wie ist das aber im Christenleben? Auch da gilt es zu wachsen, zu reifen, Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben und sie anzuwenden. Wie ist das also mit unseren geistlichen Onkels und Tanten, wenn die uns nach 5 Jahren wieder besuchen? Könnten die eindeutig feststellen, dass wir gewachsen sind? An Fähigkeiten und Kenntnissen zugenommen haben? Eben „erwachsenere Christen“ geworden sind, die Verantwortung für die Kirche, die Gemeinde, für Mitchristen übernehmen können? Könnte die Geheimpolizei eines autoritären Staates, der die Christen verfolgt, genügend Beweise gegen uns zusammentragen, um uns zu überführen? Und wenn ja, als was denn? Mitläufer? Sympathisant? Harter Kern, gar Rädelsführer? Harmloser „viele-Bücher-lang-Bart-und-Haar-Träger-mit-Chotki-und vielen-Ikonen? Oder gefährlicher Ideenverbreiter und Menschenfischer, Güte- und Liebeverströmer?

Gleich beginnt wieder eine Fastenzeit, Zeit um uns so etwas aufs Neue zu fragen oder auch, Neues zu versuchen, am Arbeitsplatz oder im Wohnblock oder …. Sich weiterzuentwickeln zum Nachfolger Christi, Menschenfischer, Vorbild, also ein "richtig gefährlicher Erwachsener" zu werden

Eine gesegnete Zeit für uns alle
Benedikt

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Igor » 09.06.2012, 13:44

Ja, lieber Benedikt, ein interessanter Vergleich.

In meinen Gedanken führt er wieder auf eine der Grundfragen, die nach dem Sinn des Lebens, zurück. Wir Christen kennen ihn: die Theosis, die Vergöttlichung. Wir streben danach, Gott gleich, oder – realistischer ausgedrückt –, ihm ähnlich zu werden. Den Weg dahin können wir zurücklegen, solange wir unser irdisches Leben haben und solange wir dieses eben dazu nutzen können, auf ihm voran zu kommen.

Der Weg ist weit, die Zeit ist kurz… Leider wohnt uns allen (und das merke ich vor allem bei mir selbst immer wieder) eine gewisse Trägheit und „Aufschieberitis“ inne, die dann zu Resultaten führt, wie in Deinem Vergleich beschrieben. Manchmal hat man den Eindruck, dass man statt vorwärts zu kommen, eher den Rückwärtsgang eingelegt hat, wie es in einem sehr neuzeitlichen Sprichwort auch heißt: „Wer stehen bleibt, fällt zurück!“.

Also, auf zu den nächsten Schritten (in die richtige Richtung), die Fastenzeit kann uns dazu den richtigen Impuls geben. Die Hilfe dazu haben wir: „Wir haben einen Beistand bei dem Vater: Jesus Christus, den Gerechten.“ (1 Joh 2,1)

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Nassos » 09.06.2012, 20:33

Hallo Benedikt,

vielen Dank, dass Du an die Selbstreflexion erinnerst, interessante Metaphern.

Just gestern Abend habe ich ein vielleicht hierzu passendes Zitat vom Hl. Theophan dem Klausner gesehen und möchte das hier gerne anfügen.

Of course, you need labor and effort, both mental and from the heart. Do not spare yourself. If you do, you will ruin yourself. Do not spare yourself, and you will have salvation. Abandon a certain wrongful activity that often strikes and afflicts almost everyone: That is, the fact that we spare no labor on any matter except when it comes to that of salvation. We want to think that we have only to contemplate salvation and desire it, and everything is all set. That is not how it happens in reality. The matter of salvation is the most important thing. Consequently it is the most difficult. This is by virtue of its importance and by the labor required. Labor then, for the Lord's sake! Very soon you will see the fruit. If you do not set to work, however, you will be left without anything and be unworthy. Deliver us, Lord, from this!

Natürlich braucht es Arbeit und Anstrengung, sowohl mental als auch von ganzem Herzen. Schone dich nicht. Wenn du das nämlich tust, ruinierst du dich selber. Schone dich nicht und du wirst erlöst. Schwöre ab von einer falschen Aktivität die sehr oft fast jeden trifft und plagt: es geht um die Tatsache, dass wir keine Anstrengung scheuen, außer wenn es um die Erlösung geht. Wir wollen glauben, dass alles in Ordnung ist, wenn wir nur an Erlösung denken und sie wünschen. Das funktioniert aber so nicht. Die Angelegenheit der Erlösung ist überhaupt das wichtigste. Folglich auch das schwerste. Dies ist aufgrund seiner Bedeutung und der Arbeit, die es erfordert, wichtig. Arbeite nun, um Gottes Willen! Sehr bald wirst die Früchte ernten. Wenn du jedoch nicht an die Arbeit gehst, wirst du mit nichts und unwürdig zurückgelassen. Herr, erlöse uns hiervon!

—St. Theophan the Recluse, The Spiritual Life and How to Be Attuned to It, Letter 51

Nun, erfolgreichen Kampf und eine gute Ernte wünscht,
Nassos

P.S.: Quelle

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Igor » 10.06.2012, 08:55

Nassos hat geschrieben:Nun, erfolgreichen Kampf und eine gute Ernte wünscht,
Dazu passt auch ganz gut ein Ausschnitt aus der heutigen Apostellesung:

“Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. (Heb. 12, 1-2)

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Nassos » 10.06.2012, 12:13

vielen Dank hierfür, Igor! Das passt in der Tat sehr gut. Mögen alle Heiligen, derer wir heute gedenken, für uns bitten.

Auf dem vorgestrigen Kirchenfest zur Ehren der Panagia Soumela hatte ich die Gelegenheit, ein paar Brüder in Christo kennenzulernen. Wir hatten ein geistliches Gespräch und es war nicht nur hochinteressant sondern auch sehr erfüllend. Es hat mir sehr gut getan, denn das hatte ich sehr lange nicht mehr gehabt. Es war eine starke Verbundenheit da, ja, eine Zuneigung zueinander (nichts übertriebenes natürlich, aber die geistliche Gemeinsamkeit oder - ich glaube daran - das Wirken des Heiligen Geistes. Vergessen wir nicht, dass alles von Ihm kommt.)

Und es ist leider dieser Aspekt, der mir im Alltag sehr fehlt. Es war kein Theologisieren, sondern eher auf der Ebene der Lebenserfahrung. Wir haben hier sehr wenig Möglichkeit, diese Art Gespräche zu führen. Es muss nicht die ganze Zeit sein, aber hin und wieder (so wie wenn man Nahrung zu sich nimmt, wenn man Hunger hat).

Nun, erlaube mir noch eine Bemerkung, lieber Igor. Nicht Gott ähnlich zu werden (auch wenn ich verstehe wie Du das meinst), sondern Gott gleich zu werden, durch Seine Gnade (und nicht durch unsere nichtigen Möglichkeiten). Götter der Gnade nach. Deshalb auch "Theosis". Wir haben hierbei die Hoffnung auf Seine Philanthropie, die Unterstützung der Heiligen in ihren Fürbitten. Was dazu fehlt um diese Synenergie perfekt zu machen, ist das, was der Hl. Theophan betont: wir selber müssen am Ball bleiben.

Schöne Worte, ich weiß... :oops: Daher nochmals: erfolgreiches Fasten.

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Re: Spiritualität im Alltag

Beitrag von Christ7777777 » 11.06.2012, 15:09

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber diese Trägheit die Igor beschrieb, habe ich nicht. Ich bin immer voller Energie, voller Heiliger Geist, ja ich will schon fast sagen "vollkommen". Es macht mir auch spaß mit dem Heiligen Geist zu leben.

...so jetzt will ich mir nochmal Deutschland - Portugal reinziehen. E


inen gesegneten Tag noch. :)
Die Liebe macht dich närrisch. Im Guten Sinne jetzt. ;)
Dum Didl dei Dum dum dum.

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