"Kraft" von Ikonen

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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holzi
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"Kraft" von Ikonen

Beitrag von holzi » 17.09.2006, 18:07

Hallo,

ich war am Samstag in einer Ausstellung einer Ikonengalerie. Dort ergab sich im Gespräch mit der Galeristin (ich sagte ihr, dass meine Finanzen derzeit höchstens für gedruckte Ikonen reichen), dass sie sagte, dass von gedruckten Ikonen nicht dieselbe Kraftwirkung ausginge wie von "echten", also gemalten Ikonen. Ich halte diese Auffassung ehrlich gesagt für Quatsch, da das ein magisches Verständnis von Ikonen impliziert, aber ich wollte mal aus berufenem Munde hören was ihr dazu sagt.

P.S.: ich habe diese Frage schon im Kreuzgang gestellt, aber auf Anregung von Sebastian stelle ich sie hier nochmal.

protopeter
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Beitrag von protopeter » 17.09.2006, 18:19

Lieber holzi,

zunächst einmal ein herzliches Willkommen in unserem Kreis !

Was Ihre Frage anbelangt, so ist die besagte Galeristin im buchstäblichen Sinne auf dem "Holzweg" - nach orthodoxer Überlieferung ist es möglich, Ikonen auf Holz, Metall oder eben auch Papier zu malen; hier gibt es verschiedene, der Überlieferung vollends konforme Möglichkeiten - ihre Aussage scheint mir deshalb am ehesten Verkaufstaktik gewesen zu sein. Darüberhinaus bildet ja ein Ikonendruck das gemalte "Urbild" ohne Veränderung authentisch ab.

Einzig entscheidend ist die kanonisch korrekte Darstellungsweise des entsprechenden Motivs: So ist beispielsweise seit einigen Jahrzehnten in katholischen Kreisen die "Ikone" der "Heiligen Familie" (Christus, Gottesgebärerin, Josef d. Gerechte) verbreitet - wenngleich diese auch mit großer Kunstfertigkeit ausgeführt sein mag, so ist sie doch unkanonisch, da die in der Abbildung ausgesagte Botschaft nicht der Lehre der Orthodoxen Kirche entspricht.

In der Hoffnung, Ihnen bei der Suche nach einer Antwort geholfen zu haben, grüßt
in der Liebe Unseres Herrn Jesus Christus
Erzpriester Peter

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Sebastian
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Beitrag von Sebastian » 17.09.2006, 19:50

Grüß dich holzi!

Jetzt auch hier! 8) Wann immer du Fragen betreffend Orthodoxie hast, kannst du gerne einstellen.

Dem Schreiben von Vater Peter habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, wollte nur mal kurz Willkommen sagen.

Tritt ein in die gute Stube! :D

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Milo
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Beitrag von Milo » 17.09.2006, 20:12

Grüß Gott, holzi!

Auch von mir ein Willkomen im Forum.



Christus unter uns,

Milo

holzi
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Beitrag von holzi » 25.09.2006, 07:45

protopeter hat geschrieben: Einzig entscheidend ist die kanonisch korrekte Darstellungsweise des entsprechenden Motivs: So ist beispielsweise seit einigen Jahrzehnten in katholischen Kreisen die "Ikone" der "Heiligen Familie" (Christus, Gottesgebärerin, Josef d. Gerechte) verbreitet - wenngleich diese auch mit großer Kunstfertigkeit ausgeführt sein mag, so ist sie doch unkanonisch, da die in der Abbildung ausgesagte Botschaft nicht der Lehre der Orthodoxen Kirche entspricht.
Lieber Vater Peter, grüß Gott!
Könnten Sie zur "kanonischen Malweise" bzw. Darstellung etwas genaueres ausführen? Inwiefern ist die Darstellung der Hl. Familie nicht lehrkonform?

Pax et Bonum
Konrad

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"Ikone" der "Heiligen Familie"

Beitrag von protopeter » 25.09.2006, 12:39

Lieber Konrad !

Gerne entspreche ich Ihrem Wunsch nach näherer Erläuterung: Gemäß orthodoxer Auffassung verbildlicht eine Ikone das Mysterium des Glaubens - dies gilt in besonderer Weise für die Darstellung der gottmenschlichen Heilsgeheimnisse in allen ihren Dimensionen.

Es existieren nun - wie Sie sicher schon wissen - Ikonen, auf der die Gottesmutter (nach orthodoxer Terminologie: "Gottesgebärerin") Maria gemeinsam mit Jesus dargestellt ist; diese Form der Abbildung weist auf das Dogma der Menschwerdung Christi und auf die Tatsache, daß die (um wiederum einen in unserer Tradition gebräuchlichen Ausdruck zu verwenden) "Immerjungfrau" Maria Seine Mutter ist - so wie es durch das Dogma des Konzils von Ephesos im Jahre 431 verkündet wurde - hin.

Wenn nun auf der unkanonischen, weil nicht den dogmatischen Grundwahrheiten Rechnung tragenden, "Ikone" die sogenannte "Heilige Familie" (dieser Ausdruck ist im Übrigen in der orthodoxen Überlieferung unbekannt !) zur Darstellung kommt, so würde dies - unter Berücksichtigung der Symbolsprache ikonographischer Darstellungen - auf eine tatsächliche leibliche Vaterschaft Josefs des Gerechten (wie der "Nährvater" im orthodox-kirchlichen Sprachgebrauch genannt wird) schließen lassen; es ist unnötig zu sagen, daß dies aus gläubiger Perspektive in jedem Falle als völlig unannehmbar gelten muß.

Es gibt beispielsweise Ikonen unbestritten-kanonischen Inhalts, auf denen die Gottesgebärerin gemeinsam mit ihren Eltern, den - wie es in unserer Kirche heißt - "gerechten Gottesahnen" Joachim und Anna dargestellt ist; davon ausgehend ist anzunehmen, daß die Darstellung der "Heiligen Familie" gewissermaßen in Analogie dazu "erfunden" wurde. Diesen unkanonischen Typus gibt es in der Ikonographie allerdings erst seit einigen wenigen Jahrzehnten, er hat seinen Ursprung in römisch-katholischen Kreisen romanischer Länder (ausgehend von der dortigen Volksfrömmigkeit) und erfuhr relativ schnelle Verbreitung - bedingt auch durch eine gewisse "Popularität" von (bei weitem nicht immer gelungenen !) Ikonenmalkursen.

Ich hoffe, Ihre Frage soweit hinreichend beantwortet zu haben (bitte um Rückmeldung, falls noch Unklarheiten bestehen !), freue mich über Ihr Interesse und grüße

mit den besten Segenswünschen in der Liebe Christi,
Erzpriester Peter

holzi
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Beitrag von holzi » 25.09.2006, 16:11

Lieber Erzpriester Peter,

danke für Ihre Erklärungen. Hier sieht man dann deutlich den unterschiedlichen Stellenwert, den Ikonen bzw. Andachtsbilder in der östlichen und in der westlichen Tradition haben. Im Westen hatten wir ja im 8. Jhd. keinerlei Tendenzen des Ikonoklasmus, so dass auch die strengen Regeln der Ostkirchen nie eingeführt wurden. Auch die Verwendung als Kultbild hatte nie den Stellenwert, den die Ostkirche (ich verwende diese Begriffe jetzt mal im landläufigen Sinne ohne irgendeine Wertung) den Ikonen zumisst. Die Bilder im Westen waren zumindest ab dem späten Mittelalter mehr erbauliche Illustrationen als "gemalte Theologie". Trotz der unkanonischen Darstellung der hl. Familie wird aber kein gläubiger Katholik (bis auf manche "spinnerte" Theologen) auf die Idee kommen, der Nährvater Josef wäre der leibliche Vater Jesu. Die Darstellung der Hl. Familie im Westen hat ja auch schon lange Tradition.

Ich denke, die Freiheit in der Darstellung entstand in der Renaissance, als die individuelle Kreativität in den Vordergrund zu treten begann.
Vielfach wurde dann auch im Zuge der Gegenreformation die "Purifizierungstendenz" der Calvinisten mit einer regelrechten römischen "Bilderflut" beantwortet (Medienpräsenz ist alles - galt auch damals schon).

Nochmals dankeschön für die Erklärungen
und Gott segne Sie
Konrad

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