Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

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Blago Vest
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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon Blago Vest » 11.06.2014, 10:05

Thuja hat geschrieben:Hallo Blago Vest!

Der mehrstimmige orthodoxe Kirchengesang, wie er in der russisch-, aber auch serbisch- und bulgarisch-orthodoxen Kirche gesungen wird, ist auch für diese Kirchen inzwischen charakteristisch geworden (da hat jede Jurisdiktion halt im Lauf der Zeit ihre eigenen Entwicklung durchgemacht) - bei den Griechen wirst Du diese Art Gesang nicht finden.
Diese Mehrstimmigkeit ist durch die italienischen Komponisten, die wie viele andere italienische Künstler ins Zarenreich geholt worden waren durch Peter den Großen, Katharina die Große... "mitgebracht" worden, fand Gefallen und ist dann in den Kirchengesängen "adoptiert" worden, ab dann wurden in dieser Art auch viele Kirchenkompositionen geschrieben...
Und die "Liturgien", die von romantischen Komponisten mit Orchesterbegleitung geschrieben wurden, waren nicht für die Verwendung in der Kirche im Gottesdienst gedacht, sondern wurden dann vor den Gotteshäusern aufgeführt meines Wissens nach oder eben konzertant im Konzertsaal.

Wenn ich mich jetzt erinnern könnte, wo und bei wem ich das gelesen hatte - das ist schon sooooo lange her und ich hab's nur sehr fragmentarisch im Hirn... irgendein Kirchenvater hat sich auch intensiver über den Kirchengesang geäußert und ausführlich begründet, warum keine Instrumente in der orthodoxen Kirche verwendet werden... obwohl sie in den Psalmtexten ja auch zur Verherrlichung des Namens Gottes "eingesetzt" werden... vielleicht fällt Euch anderen der Text, den ich meine, ein...

Liebe Grüße
Thuja

P.S.: Das von Nikolaj erwähnte (russische) Buch ist leider vergriffen, eine deutsche oder englischsprachige Ausgabe davon kenne ich nicht. Auf Russisch kannst Du's Dir hier herunterladen und gemütlich lesen: http://www.synaxis.info/psalom/research ... rtynov.pdf



Hallo Thuja,


danke für Deine Antwort. Habe mir jetzt mal in Ruhe alle Seiten zu diesem Strang durchgelesen und ich glaube, ich habe so langsam verstanden, warum die Orthodoxie Polyphonie und Orgelmusik ablehnt. Danke allen an dieser Stelle für die oft sehr erhellenden Beiträge!
Da ich mich privat sehr für Glocken interessiere, frage ich mich, in welcher Weise die Glocken Einzug in die orthodoxe Kirche finden konnten, wenn doch eigentlich das Simmandron der Ursprung des Aufrufs zum Gebet und zum Gottesdienst war. Weshalb blieb die traditionsbewusste orthodoxe Kirche nicht dabei, sondern stieg auf Glocken um, die zwar weiterhin als Schlaginstrumente betrachtet werden - so wie ich es erfahren konnte - aber doch einen ganz anderen Klang erzeugen. Aus dem Lesen der Beiträge blieb immer noch eine Frage offen: Läuten Glocken nicht zunächst zur Ehre Gottes und dann als Zeichen zu Gottesdienst und Gebet? Auch wenn sie nicht die menschliche Stimme ersetzen können, sind sie dann davon ausgeschlossen, Gott zur Ehre zu erklingen?

Ich hoffe, ich liege mit dem Thema Glocken nicht völlig daneben in diesem Strang... :?:

Danke für Deine / Eure Kommentare!

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Thuja
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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon Thuja » 11.06.2014, 12:16

Hallo Blago Vest,

das Simantron in den Klöstern ist ja viel leiser als eine Glocke, die auch über größere Entfernungen weithin hörbar ist. Damit kann natürlich die Gläubigenschar leichter zum Gottesdienst herbeigerufen werden. Dieser akustisch-praktische Gesichtspunkt spielt mit Sicherheit auch eine Rolle.

Liebe Grüße
Thuja
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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon ARI » 12.05.2015, 21:38

Orgeln sind absolut tabu...genauso wie Kirchenbänke. In einer Kirche mit Kirchenbänke gehen ich nicht rein. Ich habe das Gefühl, dass hier schrittweise Traditionen abgeschafft werden sollen. Es ist der Versuch des Santans uns von der Kirche des Herren zu entfernen.

Nikolaj
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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon Nikolaj » 15.05.2015, 09:36

Lieber ARI,
ich denke nicht, dass eine Kirchenbank oder Orgel uns von Christus entfernt. Es sind eher Sünden, mit denen wir uns selbst von Christus entfernen. Übrigens saßen Christus und die Apostel während des Abendmahl zu Tisch. Wir können unsere gottesdienstliche Tradition zwar nicht verleugnen, denn diese hat sich in der Geschichte der Kirche, unter Leitung des Heiligen Geistes entwickelt, jedoch ist der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat.

Gruß
Nikolaj

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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon ARI » 23.05.2015, 11:42

Hallo Nikolaj
Du hast natürlich recht. Aber wie sagt man immer so schön, der Teufel steckt im Detail . Es sind unscheinbare oder harmlos anmutende Dinge , die dann summiert ein Tzunami ergeben können...usw darauf sollte man auch achten meiner Meinung nach.

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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon Lazzaro » 24.05.2015, 20:05

Nikolaj hat geschrieben:
Übrigens saßen Christus und die Apostel während des Abendmahl zu Tisch.
Nein! Das taten sie nicht!
Der Evangelist schreibt:
Postquam ergo lavit pedes eorum, et accepit vestimenta sua, cum recubuisset iterum, dixit eis : Scitis quid fecerim vobis ? Joh.13:12
Das heißt: "Danach wäscht er also ihre Füße, und nimmt seine Kleider, während er sich wiederum niederlegte, sagt er ihnen: ... "
Siehe auch:
http://commons.wikimedia.org/wiki/Categ ... Supper.jpg

Daraus folgt, --VORSICHT SATIRE-- daß wir unsere Kirchen mit Betten ausstatten müssen.
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Cantábiles mihi erant justificatiónes tuæ, * in loco peregrinatiónis meæ. - Ps.118:54

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MariaM
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Nochmal zurück zum Kirchengesang - bin grad etwas verwirrt..

Beitragvon MariaM » 24.05.2015, 23:06

... - ist das hier jetzt etwa kein "typischer" bzw. "richtiger" griechisch-orthodoxer Gesang, da mehrstimmig???

https://www.youtube.com/watch?v=vpUafkBCro0

Kai
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Re: Nochmal zurück zum Kirchengesang - bin grad etwas verwir

Beitragvon Kai » 25.05.2015, 10:03

MariaM hat geschrieben:... - ist das hier jetzt etwa kein "typischer" bzw. "richtiger" griechisch-orthodoxer Gesang, da mehrstimmig???

https://www.youtube.com/watch?v=vpUafkBCro0

So wie ich das höre, ist die "zweite Stimme" doch der Ison.

Luka Filipp Kiriak
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Re: Orgel und mehrstimmiger Kirchengesang - Pro & Contra

Beitragvon Luka Filipp Kiriak » 08.07.2016, 21:03

Hier mal eine Liturgie in der rekonstruierten russisch-orthodoxen Gesangstradition des 17. Jahrhunderts:

https://www.youtube.com/watch?v=JKlFuH8gXCw


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