Papsttum

Forumsregeln
Forumsregeln Impressum
Christian
Beiträge: 62
Registriert: 02.01.2016, 10:35
Religionszugehörigkeit: orthodox

Re: Papsttum

Beitragvon Christian » 25.08.2017, 07:05

Moin. Der Inhalt solche Briefe ist der Diplomatie geschuldet. Wer solche Diplomatie als Argument für sich in Anspruch nimmt, kann auch nur wiederum Diplomatie für eine bestimmte Sache im Schilde führen. Für bare Münze sind diese Aussagen zT nicht zu nehmen, denn auf der anderen Seite gehörte es zur Diplomatie des Kaisers, den damaligen römischen Bischof durch Publikation vertraulicher Aussagen zu kompromittieren und durch solcherlei Druck ihn zu der Unterschrift unter die Akten des Konziles zu bewegen. Wie unverständlich diese Diplomatie bereits nicht lange nach dem Tod dieses Kaisers wurde, beweist, daß im Zusammenhang mit dem nächsten Konzil 680/681 die griechischen Akten des Konzils von 553 vernichtet wurden, weil man sie für eine Fälschung hielt.

Wenn die Orthodoxie Justinian für heilig erklärt hat, dann nur in Würdigung seiner Gesamtwirkens. Und die war nunmal postiv für die reichsweite Orthodoxie. Es gibt auch im Westen solch Entscheidungen: der heilige Kaiser Heinrich II., der selige Karl der Große... In das orthodoxe Heiligenverständnis paßt diese Entscheidung sehr wohl - zB wird auch König David als Heiliger verehrt (erster Sonntag nach Christi Geburt). Die Achterbahnfahrt dieses Mannes dürfte weit bekannter sein als die von Justinian. Aber unterm Strich: König David ist ein Heiliger der Orthodoxie. Bei Justinian muß man berücksichtigen, wie sehr er seinem Amt und seinen Aufgaben verpflichtet war (der orthodoxen Reconquista des ehedem weströmischen, damals germanisch beherrschten Reiches zB, oder den reichsweiten dogmatischen Spannungen). Und inwieweit diese Todesandrohnung nun auch nur wieder Diplomatie war oder inwieweit sie umgesetzt wurde - das vermag ich ad hoc jetzt nicht zu beantworten, aber vorderhand sind mir jetzt keine Vollstreckungen bekannt. LG Christian

Greg
Beiträge: 2
Registriert: 18.08.2017, 08:07

Re: Papsttum

Beitragvon Greg » 27.08.2017, 17:14

Christian hat geschrieben:Wie unverständlich diese Diplomatie bereits nicht lange nach dem Tod dieses Kaisers wurde, beweist, daß im Zusammenhang mit dem nächsten Konzil 680/681 die griechischen Akten des Konzils von 553 vernichtet wurden, weil man sie für eine Fälschung hielt.


Kannst Du das noch näher ausführen? Dass die Akten des Konzils von 553 vernichtet wurden ist mir bekannt. Was führte ganz konkret zur Vernichtung? Den Zusammenhang zwischen Diplomatie und Vernichtung der Akten sehe ich (noch) nicht.

Christian
Beiträge: 62
Registriert: 02.01.2016, 10:35
Religionszugehörigkeit: orthodox

Re: Papsttum

Beitragvon Christian » 25.09.2017, 06:20

Die Frage ist nicht so einfach zu behandeln, es kursieren verschiedene Theorien. Innerhalb der Kirche wird versucht, die Politik des Kaisers schönzureden und hochzuhalten. Nur außerhalb der Kirche wird dann auch mal ohne "Schere im Kopf" geschrieben:

* "Entweder gingen bedeutende Teile der Konzilsakten, die den Fall Origenes betrafen, durch „Zufall“ verloren oder wurden später aus irgendwelchen Gründen gefälscht, oder aber – was wahrscheinlicher ist – es wurde an den acht offiziellen Konzilssitzungen über Origenes und seine Verfluchung gar nicht verhandelt! Denn die Sitzungen befaßten sich laut Protokoll lediglich mit dem Streit um drei von Justinian als Ketzer bezeichnete Gelehrte (den sogenannten „drei Kapiteln“), gegen die der Kaiser schon vier Jahre zuvor ein Edikt erlassen hatte. Von Origenes jedoch ist keine Rede. Auch die folgenden Päpste Pelagius I. (556–561), Pelagius II. (579–590) und Gregorius (590–604) reden vom fünften Konzil, ohne Origenes auch nur zu erwähnen. Doch obwohl über Origenes in den Konzilssitzungen offenbar nicht verhandelt wurde, findet sich im 11. Canon des Konzils der folgende Bannfluch: „Wer nicht verflucht... Origenes samt seinen gottlosen Schriften und alle anderen Häretiker, welche verflucht sind von der heiligen katholischen und apostolischen Kir­che ..., der sei verflucht." Vermutlich wurde dieser seltsame Bannfluch von Kaiser Justinian vor Eröffnung des Konzils den Patriarchen vorgelegt, die dann zur Unterzeichnung genötigt wurden. Interessant ist auch, daß Papst Vigilius bewußt an keiner einzigen Sitzung teilnahm, obwohl er sich auf Geheiß des Kaisers während der fraglichen Zeit (5. Mai bis 2. Juni 553) in Konstantinopel aufhielt. Aus diesem Grunde stand dem Konzil nicht wie üblich der Papst vor, sondern der Patriarch von Konstantinopel, Eutychius, ein treuer Diener Kaiser Justinians. Ebenfalls interessant ist, daß von den anwesenden 165 Bischöfen nur einige wenige aus den Westländern zugelassen waren, während die anderen eine Teilnahme unter diesen Voraussetzungen ablehnten. Das heißt: Das Konzil zu Konstantinopel war praktisch eine ganz persönliche Versammlung Kaiser Justinians, auf dem er mit seinen von ihm abhängigen Vasallen (gegen den Protest des Papstes und der römischen Bischöfe) die Lehre von der Vorexistenz der Seele willkürlich mit Fluch und Bann belegte und damit der ursprünglich christlichen Lehre der Reinkarnation die Grundlage entzog. (Aufgrund der Tatsache, daß sich Papst Vigilius geweigert hatte, am Konzil zu Konstantinopel teilzunehmen, wird von einigen fortschrittlichen katholischen Gelehrten neuerdings bezweifelt, ob dieses Konzil und die damaligen „Beschlüsse“ überhaupt für die Katholiken kirchenrechtliche Gültigkeit besitzen, ob, mit anderen Worten, die Lehre von der Reinkarnation nicht nach wie vor ein Teil des kirchlichen Gedankengutes sei.) Das vierwöchige Konzil endete am 2. Juni 553, aber erst am 8. Dezember 553 unterzeichnete Papst Vigilius unter dem unnachgiebigen Druck des Kaisers und aus Angst vor der Exkommunikation (!) und vor der Ernennung eines Gegenpapstes schließlich die Konzilsakte – vermutlich ohne etwas über die vorherigen Abmachungen gegen Origenes zu wissen. „Alles in allem also eine höchst zweifelhafte Angelegenheit. Von Rechtmäßigkeit keine Spur!“, schreibt Rudolf Passian in seinem Buch „Wiedergeburt – Ein Leben oder viele?“ (S. 223)." http://www.rodiehr.de/e06/e_06_zuerrer_ ... issens.htm - eine etwas spezielle Argumentation für die (von mir nicht geteilte) Wiedergeburtslehre, welche allerdings auch den historischen Kern zum Fünften Ökumenischen Konzil knapp und treffend beinhaltet

Zur Ergänzung: Die 14 Kanones wurden weitestgehend vom Kaiser verfaßt, sie enthalten die 13 Capitula des kaiserlichen Edikts von 551 ("de recta fide") fast wörtlich, Kanon 11 verurteilt Kirchenlehrer als Häretiker, welche der Politik des Kaisers entgegenstanden. Der Patriarch von Konstantinopel Eutychios wurde auf Betreiben des Kaisers eingesetzt https://de.wikipedia.org/wiki/Eutychios ... tantinopel und ist als typischer Hofpatriarch anzusehen. https://de.wikipedia.org/wiki/Hofschranze Um Druck auf den römischen Papst auszuüben, wurden dessen drei römische Diakone vom Kaiser verbannt oder inhaftiert. Im Juli 553 ließ Theodosios den Namen des römischen Papstes aus den Dyptichen als einen exkommunizierten und abgesetzten Ketzers streichen - dies war auf der 7. Sitzung am 26. Mai 553 durch die kaiserhörige Versammlung gebilligt worden (es waren nur 18 westliche Bischöfe anwesend). Am 15. August 553 stürzt die Kuppel der Hagia Sophia in Konstantinopel ein, die Nachbeben dauerten 40 Tage!.

Wikipedia reißt das Problem im Artikel zum Dreikapitelstreit an:

* "Im Zuge der Verhandlungen über die drei Kapitel wurde Vigilius, nach einer Flucht in die Konzilskirche von Chalkedon, gewaltsam zur Rückkehr nach Konstantinopel gezwungen. Als er dort angekommen war, brach Justinian sein Versprechen, Vigilius nicht mit den „Drei Kapiteln“ zu belästigen. Daraufhin wurde in Konstantinopel ein ökumenisches Konzil abgehalten, um die Dreikapitel abzuhandeln." https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikapitelstreit Es "folgte ein etwa 150 Jahre währendes Schisma, das Schisma von Aquileia".

Nach meinem Dafürhalten geschah die Vernichtung der Akten des Fünften Ökumenischen Konzils im Jahre 680 nicht zufällig, sondern zum einen, um zu Beginn des Sechsten Ökumenischen Konzils 680 "tabula rasa" zu machen - und zum anderen, um diese Schande des Einknickens der Kirche vor dem Kaiser verschwinden zu lassen.

Wir erleben ja als Zeitgenossen auch solche eigentümlichen Verkrampfungen der Kirchenpolitik. Beim Vorbereitungsprozess für das erste neuzeitliche allorthodoxe Heilige und Große Konzil sind die Meinungen auch geteilt. https://de.wikipedia.org/wiki/Vorbereit ... 9Fe_Konzil

Die Synode von Kreta hatte gar nur 156 "handverlesene" Teinehmer - trotzdem gibt es kirchenpolitische Bestrebungen, diese nun zum Großen und Heiligen Konzil hochzustilisieren. Pan-Orthodox Council: https://en.wikipedia.org/wiki/Pan-Orthodox_Council

Auch in diesem Forum hier gibt es einen laufenden Thread dazu:

viewtopic.php?f=2&t=651&start=270

LG Christian


Zurück zu „Verhältnis zu anderen Konfessionen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast