Was m?ssen wir als Orthodoxe f?r die Einheit der Kirche tun?

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Walter
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Was müssen wir als Orthodoxe für die Einheit der Kirche tun?

Beitragvon Walter » 25.07.2006, 20:34

FRAGE 81: Worum geht es, wenn von der Einheit der Kirche die Rede ist?

ANTWORT: Die Einheit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, d.h. die Kirche ist seinsmäßig die Eine Kirche, oder sie ist überhaupt nicht Kirche. Man kann deshalb nach orthodoxem Verständnis nicht so von ?der Kirche auf dem Weg zur Einheit? reden, daß man meint, es könne und müsse die Einheit der Kirche durch menschliches Bemühen hergestellt werden, sei es durch Übereinstimmung in der Lehre (Lehrkonsens), sei es durch gemeinsames Handeln in der Welt, sei es gar durch Vereinheitlichung der kirchlichen Bräuche und Ordnungen. Das wäre eine Verleugnung des Wesens der Einheit der Kirche, die eine gottmenschliche (theandrische) Einheit aus dem Heiligen Geist ist, und, wo überhaupt Kirche in Erscheinung tritt, allen kirchlichen Äußerungen vorangeht. Auf der anderen Seite kann man nun aber auch nicht übersehen, daß die Kirche heute als eine vielfach gespaltene erscheint. Diese Gespaltenheit ist gewiß eine Folge unserer Sünde. Wir müssen dafür Buße tun, dürfen aber nicht glauben, ihr dadurch leicht entgehen zu können, daß wir, um uns mit Andersgläubigen zusammenzufinden, unsere kirchlichen Traditionen preisgeben. Damit würden wir uns vielmehr aus der raum- und zeitübergreifenden Gemeinschaft der Heiligen herauslösen. In dieser sind die an einem begrenzten Orte im Augenblick Lebenden nur wie ein paar Sandkörner am Meeresstrand, und es wäre absurd, die Lebensäußerungen der Kirche einseitig nur nach ihrem begrenzten Verständnisvermögen oder Bedürfnis ausrichten zu wollen. Da, wo das versucht wird, geschieht bewußt oder unbewußt eine Isolierung der betroffenen kirchlichen Glieder, die sowohl einer Erfahrung der gesamtkirchlichen Gemeinschaft (sc. dem Pleroma, d.h. der Fülle, Christi) im Wege steht, als auch ein Wachsen über den eigenen Horizont hinaus hindert. Das aber bedeutet, daß unser kirchliches Wachsen zur sichtbaren Einheit in Christus uns als ein getrenntes aufgegeben ist. Denn die historisch verankerte Trennung in Konfessionen und Jurisdiktionen können wir nicht einfach überspringen oder abstreifen wie ein Kleid. Wir müssen sie in geduldigem und demütigem Kampf für die Wahrheit aushalten, wie wir auf dieser Welt Not, Krankheit, Schmerz und Tod im Kampf durchstehen müssen mit der Verheißung des Herrn: ?In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen gewinnen? (Lk 21,19). In Ungeduld die Einheit vorwegnehmen zu wollen, führt nicht zum Ziel, sondern zur Resignation. Dennoch sind wir angesichts der Gespaltenheit der Christen in der Welt nicht einfach zur Untätigkeit verurteilt.


Es gibt vor allem ein vierfaches Tun, das uns aufgetragen ist:

1. Das wichtigste ist, daß wir in unserer eigenen kirchlichen Tradition immer tiefer verwurzelt werden und sie rein erhalten. Denn sie ist die Form, in der wir Gott begegnen und lieben; formlos kann man Gott nicht lieben und ist man auch nicht fähig, in der Gottesliebe mit anderen eins zu werden. Ohne Form kann man nicht wachsen zu Gott hin; wo die Form vernachlässigt wird, da wird der Inhalt verschüttet.

2. Wenn wir die sichtbare Einheit in Christus wirklich herbeisehnen, dann werden wir als Christen für diese Einheit beten, als Getrennte in unseren getrennten Eucharistiefeiern, und, wo dies möglich ist, in gemeinsamen Bittgottesdiensten.

3. Wenn wir im Glaubensgespräch andersgläubigen Christen begegnen, wenn wir gemeinsam mit diesen uns um tägliche oder besondere Aufgaben, in der Welt mühen, dann ist es entscheidend, daß wir auch in ihnen Jesus Christus erkennen, der uns in jedem Menschen begegnet, welcher in Seinem Namen unsere Gemeinschaft beansprucht (Mt 25,40 und 1 Kor 1,2).

4. Schließlich ist es notwendig, daß wir, orthodoxe Christen, in der Demut und Gotteserkenntnis wachsen und verstehen lernen, daß wir nicht die Grenzen der Kirche mit unserem engen Horizont in Blick bekommen können. Wir müssen uns daher immer neu vergegenwärtigen, daß unsere zeitlich und räumlich begrenzte kirchliche Gemeinschaft zwar an der Kirche voll partizipiert (teilhat), aber nicht schlicht die Kirche selbst ist, zu der ja nach dem Zeugnis der Schrift auch Nichtchristen wie Adam, Noah und Abraham gehören. Dies bedeutet, daß sich die äußeren kanonisch-institutionellen Grenzen der Kirche nicht decken mit den Umrissen des geistlichen Leibes Christi. Hier ist die Perikope aus dem Markusevangelium in Erinnerung zu rufen, nach der der Apostel Johannes zu Jesus sagte: ??Meister, wir sahen einen, der sich nicht zu uns hält, in Deinem Namen Dämonen austreiben, und wir wehrten es ihm.? Jesus aber sprach: ?Wehret es ihm nicht; denn niemand wird auf Meinen Namen hin eine machtvolle Tat tun und bald darauf Böses von Mir reden können. Denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns!?? (Mk 9,38?40).


Biblische Begründung: Joh 17,20?24.



Aus: ?Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit?
Orthodoxes Glaubensbuch,
herausgegeben von Vater Sergius Heitz
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Milo
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Beitragvon Milo » 26.07.2006, 08:49

Grüß Gott Walter!

Danke für dein Bemühen, ich glaub du hast eigenhändig den Text abtippen müssen!? :)

Der Text ist an der Stelle wirklich angebracht.

Nun wie immer habe ich eine Frage dazu...
2. Wenn wir die sichtbare Einheit in Christus wirklich herbeisehnen, dann werden wir als Christen für diese Einheit beten, als Getrennte in unseren getrennten Eucharistiefeiern, und, wo dies möglich ist, in gemeinsamen Bittgottesdiensten.
Wie ist das zu verstehen, oder wie meint der Autor das?
Wo ist dieses gemeinsame Beten möglich , ohne das wir gegen die Kanons der Konzile und Apostel verstossen?
Gibt es Unterschide zwischen "Gottesdienst" und "Gottesdienst" ?

Das ist mir irgendwie nicht ganz klar...
Sonst stimme ich dem Text voll zu.

Es grüßt,

milo
+

Walter
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Beitragvon Walter » 26.07.2006, 14:11

Nun wie immer habe ich eine Frage dazu...
2. Wenn wir die sichtbare Einheit in Christus wirklich herbeisehnen, dann werden wir als Christen für diese Einheit beten, als Getrennte in unseren getrennten Eucharistiefeiern, und, wo dies möglich ist, in gemeinsamen Bittgottesdiensten.
Wie ist das zu verstehen, oder wie meint der Autor das?
Gibt es Unterschide zwischen "Gottesdienst" und "Gottesdienst" ?
Lieber Milo,

ich denke, die Autoren haben das in Punkt 1 festgelegt:
1. Das wichtigste ist, daß wir in unserer eigenen kirchlichen Tradition immer tiefer verwurzelt werden und sie rein erhalten.
Also keine Liturgiebasteleien, Kozelebrationen etc.
Wo ist dieses gemeinsame Beten möglich , ohne das wir gegen die Kanons der Konzile und Apostel verstossen?
Hast Du diese Kanones zur Hand, die das gemeinsame Beten mit anderen Christen angeblich verbieten. Das würde mich interessieren.

Zur Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, also inwieweit Nicht-Orthodoxe an orthodoxen Gottesdiensten teilnehmen dürfen, habe ich hier ein neues Thema eröffnet. Du hattest ja schon einmal angeregt, das "Alle Katechumnen gehet hinaus!" zu diskutieren.

Gruß
Walter


PS: Den Text habe ich "nur" eingescannt. :oops:
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Einige Ergänzungen

Beitragvon protopeter » 29.07.2006, 22:25

Hinsichtlich des Verbotes einer Gebetsgemeinschaft von Orthodoxen und Angehörigen nichtorthodoxer christlicher Konfessionen gibt es folgende kirchenrechtliche Bestimmungen:

1. Kanon 45 der Heiligen und Allverehrten Apostel sagt Folgendes aus:
"Ein Bischof, Priester oder Diakon, der zusammen mit Häretikern betet, möge ausgeschlossen werden"

2. Kanon 33 der Synode von Laodikeia (etwa um 360) bestätigt: "Man soll nicht gemeinsam mit Häretikern oder Schismatikern beten"

Nun ist die Frage zu klären, wer als "Schismatiker" oder "Häretiker" zu gelten habe; wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß alleine in der Orthodoxen Kirche die Fülle der Kirchlichkeit gegenwärtig ist, sind alle Gemeinschaften, die sich von ihr aus betrachtet in Trennung (Schisma) befinden, im wörtlichen Sinne Schismatiker. Der Begriff "Häresie" (Irrlehre, Sekte, Ketzerei) bezieht sich auf klare Abweichungen in der kirchlichen Lehre, die im Widerspruch zur Schriftoffenbarung oder zur Traditionskontinuität stehen; hiervon sind nichtorthodoxe christliche Gemeinschaften in unterschiedlichem Maße betroffen.

Bei allem Verständnis und allen Bemühungen, den von uns getrennten Christen zu begegnen und mit ihnen auch in - einen hoffentlich fruchtbaren - Dialog zu treten, muß es auch möglich sein, Grenzen aufzuzeigen; diese sind gerade in Einzelaspekten des geistlichen Lebens offenkundig. Es kann sich nicht darum handeln, Nichtorthodoxen, die sich gemäß von unserer Überlieferung zum Teil deutlich differierenden Glaubensprinzipien orientieren, aus "Gefälligkeit" Gebetsgemeinschaft zu erweisen; gerade im Respekt vor dem Anderssein und im daraus resultierenden Einhalten einer gewissen Distanz erlangt das orthodoxe Zeugnis besondere Glaubwürdigkeit.


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