Wieder rote Fahne statt orthodoxem Kreuz?

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Priester Alexej
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Wieder rote Fahne statt orthodoxem Kreuz?

Beitrag von Priester Alexej » 02.04.2011, 12:41

Folgenden Bericht habe ich kürzlich von der OBKD bekommen:

Schloß Holte-Stukenbrock – Auf dem Soldatenfriedhof in Stukenbrock-Senne bei Bielefeld steht ein Denkmal zu Ehren der 65.000 toten sowjetischen Kriegsgefangenen, die hier im Lager 326 zu Tode kamen. Außer ihnen starben in diesem Lager zahlreiche Gefangene und Zwangsverschleppte aus der UdSSR, aus Polen, Frankreich, Italien und Jugoslawien. 1988 wurde der Soldatenfriedhof mit dem Obelisken (mit Balkenkreuz) unter Denkmalschutz gestellt.
Am 7. April 1945, nur fünf Tage nach der Befreiung des Kriegsgefangenenlager Stalag 326, hatten ehemalige Gefangene begonnen, über den Massengräbern in Stukenbrock-Senne den Obelisken zu bauen. 130 Russen und der Senner Maurermeister Heinrich Henkenjohann arbeiteten 23 Tage, bis zum 30. April, an dem 10 Meter hohen selbst entworfenen Bauwerk. Am 2. Mai 1945 wurde das Denkmal vor rund 10.000 Menschen feierlich eingeweiht. Es besteht aus einem Obelisken, an dessen Basis große Sowjetsterne lehnen und der ursprünglich von einer gläsernen roten Fahne gekrönt wurde. Ein besonderes Detail sollte dabei nicht unerwähnt bleiben: Fotos, die bei der Eröffnung des Denkmals aufgenommen worden, zeigen auch die ersten Grabreihen – und auf ihnen steht eine Reihe von orthodoxen Kreuzen …

In den 50er Jahren, so erklärte jüngst die Bezirksregierung Detmold, sei der Obelisk in einem so schlechten baulichen Zustand gewesen, dass über den Abriss nachgedacht worden sei. Im Einvernehmen mit der sowjetischen Militäradministration habe man sich dann für die Restaurierung entschieden und die inzwischen wohl verloren gegangene Rote Fahne durch ein typisch russisches orthodoxes Kreuz ersetzt.

Dies rief schon seit Jahren das Missfallen des politisch eher links orientierten Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“ hervor: Der Obelisk auf dem Soldatenfriedhof in der Senne soll seine ursprüngliche Spitze zurückerhalten. Das orthodoxe Kreuz, das in den 50er-Jahren die Fahne ersetzte, solle abgenommen werden und der Obelisk mit der Glasplastik wieder so hergestellt, „wie ihn die Überlebenden des Stalag 326 im Jahr 1945 erbaut hatten“. Wie der jetzige Arbeitskreis-Vorsitzende, der 54-jährige Maschinenbautechniker Hubert Kniesburges, seit Jahren bekennender Kommunist und Mitglied der DKP Mitte März 2011 mitteilte, hatte sich sein Verein nach dem Regierungswechsel in Düsseldorf an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gewandt.

Bislang verhinderte jedoch die seit dem 21. Juli 2005 amtierende Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl in Detmold die Entfernung des Kreuzes. Nach Meinung der Bezirksregierung würde eine Replik der Glasfahne das Denkmal verfälschen. Dazu steht die Bezirksregierung auch jetzt: Der Persönlichen Referent der Regierungspräsidentin, Oberregierungsrat Bernd Hedtmann bestätigte zwar einen entsprechenden Erlass des nordrhein-westfälischen Bauministeriums. Er sehe aber noch „deutlichen Gesprächsbedarf“. Nach seiner Ansicht sollte das Kreuz nicht abgenommen werden, bevor in Einklang mit der Orthodoxen Kirche in Deutschland ein neuer Standort feststehe. Hedtmann machte auch deutlich, dass er die Einlagerung des Kreuzes für keine akzeptable Lösung hält. Darauf wolle seine Behörde in weiteren Gesprächen mit dem Ministerium hinweisen.

Auch sonst kommt aus der Politik Widerstand gegen die Kreuzentfernung aus der Politik: „Ich will nicht, dass in Schloß Holte-Stukenbrock die Flagge eines Regimes weht, das Tausende von Menschen auf dem Gewissen hat", erklärte der Gütersloher Landtagsabgeordnete Dr. Michael Brinkmeier (CDU). Er wolle die Entscheidung von Ministerpräsidentin Kraft nicht einfach so hinnehmen, sondern werde den geplanten Austausch im Hauptausschuss des Landtages thematisieren. Der zuständige Bürgermeister Hubert Erichlandwehr (CDU) erklärte, er sei nicht über die geplante Veränderung auf dem Friedhof informiert worden. Es halte die Maßnahme für „nicht erforderlich“. Der Obelisk sei in seiner gegenwärtigen Form ein würdiges Denkmal. Die Fahne sei ein „politisches Symbol, das auf dem Friedhof nichts zu suchen hat.“ Erichlandwehr merkte zudem an: „Auch manche, die 1945 an dem Obelisk mitgebaut haben, sind unter der roten Fahne nicht sehr glücklich geworden.“

Manfred Büngener, langjähriger Schulrektor in Stukenbrock und in der Stalag-Dokumentationsstätte aktiv, ist „strikt dagegen“, das Kreuz zu ersetzen. „Was ist denn am aktuellen Zustand verkehrt?“, fragt er rhetorisch. Die rote Fahne sei ein Zeichen des Kommunismus. Das Kreuz sei ein viel umfassenderes Symbol. „Warum muss das jetzt wieder von neuem ideologisiert werden?“

Der Historiker Oliver Nickel, Leiter der Stalag-Dokumentationsstätte und ausgewiesener Fachmann für den Soldatenfriedhof, rät zu einer differenzierten Betrachtungsweise. „Viele Gründe sprechen für die Fahne, viele dagegen.“ Nickel hebt hervor, nicht richtig sei die Darstellung, mit der Rückkehr der Fahne werde dem Willen der letzten Überlebenden des Lagers entsprochen. Die Dokumentationsstätte habe Kontakt zu 60 ehemaligen Gefangenen, und bei denen gebe es ganz unterschiedliche Meinungen. Außerdem verweist Nickel auf ein Dokument aus dem Jahr 1958. Daraus gehe hervor, dass eine sowjetische Delegation der Abnahme der roten Fahne zugestimmt habe. Nickel plädiert dafür, das ursprüngliche Aussehen durch ein Foto auf dem Gelände zu dokumentieren.
Ratsherr Klaus Dirks, CDU-Vorsitzender in Schloß Holte-Stukenbrock, hält gleichfalls gar nichts von der roten Fahne „Dieses Banner steht nicht unter einem guten Stern. Es hat auf einem Friedhof nichts zu suchen“, sagt er. Dirks ist sich sicher: „Daran werden sich viele stören.“ Seines Erachtens sollte auf einem Friedhof der religiöse Gedanke im Mittelpunkt stehen, nicht ein politisch-ideologischer. Dirks wörtlich: „Erneut wird ein Vorstoß unternommen, das orthodoxe Kreuz, welches sich seit über 50 Jahren auf der Spitze des Obelisken befindet, auf Wunsch einiger weniger ideologisch Getriebener und ewig Gestriger gegen die rote Fahne auszutauschen, und dies gegen den Willen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock und sogar gegen den Willen der mehrheitlich unpolitischen Besucher aus den früheren Sowjetrepubliken. Dieses können wir nicht hinnehmen und werden uns unverändert gegen das „Hissen“ der Roten Fahne auf dem Boden der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock wehren. Wir appellieren an die Entscheidungsträger bei der Bezirksregierung und der Landesregierung, den Willen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock zu respektieren, und kein Symbol für Diktatur, Unmenschlichkeit, Rechtlosigkeit und Unterdrückung auf dem Boden unserer Stadt zu verordnen“.

Auch die Liberalen lehnen es ab, dass auf der Spitze des Obelisken auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof wieder die rote Fahne in Form einer Glasplastik angebracht wird. Stadtverbandsvorsitzende Ulla Lehmann Schloß Holte-Stukenbrock betonte, dass bei den Bestrebungen wichtige historische Fakten außer Acht lassen würden. So sei die rote Fahne „auch als Symbol des menschenvernichtenden Stalinismus zu sehen". Nach Ende des Zweiten Weltkriegs seien zahlreiche Überlebende des Stalag 326 als Vaterlandsverräter in ihrer Heimat wieder in Lager gesteckt worden. Lehmann weist darauf hin, dass sich die heutigen Regierungen von Kasachstan, Usbekistan und der Ukraine mit der Errichtung des orthodoxen Kreuzes einverstanden erklärt haben. Daher solle der Stadtrat an seinem Beschluss festhalten, den Obelisken in seiner jetzigen denkmalgeschützten Form zu erhalten.

Auch die Orthodoxe Kirche meldet entschiedenen Widerspruch an: So wandte sich der Leiter der Ständigen Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland (mit Sitz in Düsseldorf), Erzbischof Longin von Klin, an die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, die er zur Revision der Entscheidung aufforderte, und stellte fest: „Seit Jahren feiern wir orthodoxe Gottesdienste auf diesem Friedhof. Dabei störte das christliche Kreuz auch die sowjetischen Diplomaten nicht. … Ich bin der Meinung, dass diese Fahne eher die Erinnerung an hunderttausend unschuldige Menschen, darunter Priester und Bischöfe, wecken wird, die auch unter dieser Fahne ihren bestialischen Tod in der Sowjetunion fanden. Außerdem sehe ich wie viele andere diese rote Fahne als Symbol der Vernichtung der Religion in der “. In ähnlich lautenden Schreiben wandte er sich an u.a. auch an die Vertreter der anderen christlichen Kirchen: „Erheben auch Sie Ihre Stimme gegen den geplanten Umtausch in Stuckenbrock-Senne, um eine derartige Entweihung des christlichen Heiligtums, des Kreuzes, zu verhindern“.

Scharfe Kritik an dieser Entscheidung übte auch der Generalsekretär der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Bischöflicher Rat Nikolaj Thon auf Anfrage des evangelischen Nachrichtendienstes „idea“: „Diese Idee zeugt von völliger Unkenntnis der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – für mich ist das einfach nur ein Skandal“. Die rote Fahne sei „ein Symbol millionenfachen Leids, hunderttausendfachen Todes und der Zerstörung der Religion.“ Es könne „kaum etwas Absurderes“ geben, als 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus in der Sowjetunion ein christliches Kreuz durch eine rote Fahne zu ersetzen. Zudem sei mit Sicherheit ein großer Teil der Gefangenen im Lager orthodoxe Christen gewesen. Bei Kriegsende wäre den Befreiten bloß keine andere Wahl geblieben, als die Fahne aufs Denkmal zu setzen.

Orthodoxe Kirche protestiert gegen Abnahme des Kreuzes

Gegen die geplante Ersetzung des russischen orthodoxen Kreuzes auf der Spitze des Obelisken auf dem Soldatenfriedhof in Schloss Holte-Stukenbrock durch eine rote Fahne, die angeblich jetzt die Landesregierung angeordnet haben soll, meldet auch die Orthodoxe Kirche entschiedenen Widerspruch an: So wandte sich am 30. März 2011 der Leiter der Ständigen Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland (mit Sitz in Düsseldorf), Erzbischof Longin von Klin, an die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, die er zur Revision der Entscheidung aufforderte, und stellte fest: „Seit Jahren feiern wir orthodoxe Gottesdienste auf diesem Friedhof. Dabei störte das christliche Kreuz auch die sowjetischen Diplomaten nicht. … Ich bin der Meinung, dass diese Fahne eher die Erinnerung an hunderttausend unschuldige Menschen, darunter Priester und Bischöfe, wecken wird, die auch unter dieser Fahne ihren bestialischen Tod in der Sowjetunion fanden. Außerdem sehe ich wie viele andere diese rote Fahne als Symbol der Vernichtung der Religion in der UdSSR“. In ähnlich lautenden Schreiben wandte er sich an u.a. auch an die Vertreter der anderen christlichen Kirchen: „Erheben auch Sie Ihre Stimme gegen den geplanten Umtausch in Stuckenbrock-Senne, um eine derartige Entweihung des christlichen Heiligtums, des Kreuzes, zu verhindern“.

Scharfe Kritik an dieser Entscheidung übte auch der Generalsekretär der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Bischöflicher Rat Nikolaj Thon, auf Anfrage des evangelischen Nachrichtendienstes „idea“: „Diese Idee zeugt von völliger Unkenntnis der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – für mich ist das einfach nur ein Skandal“. Die rote Fahne sei „ein Symbol millionenfachen Leids, hunderttausendfachen Todes und der Zerstörung der Religion.“ Es könne „kaum etwas Absurderes“ geben, als 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus in der Sowjetunion ein christliches Kreuz durch eine rote Fahne zu ersetzen. Zudem sei mit Sicherheit ein großer Teil der Gefangenen im Lager orthodoxe Christen gewesen. Bei Kriegsende wäre den Befreiten bloß keine andere Wahl geblieben, als die Sowjet-Fahne aufs Denkmal zu setzen. Auf die Gräber selbst aber hätten sie, wie Originalaufnahmen zeigen, selbst damals in der Stalin-Zeit orthodoxe Kreuze gestellt. Es könne nicht hingenommen werden, wenn jetzt das christliche Symbol der Hoffnung durch dasjenige einer überwundenen Diktatur ersetzt werden solle. Außerdem sei ihm auch kein zuständiger Repräsentant der Russischen Orthodoxen Kirche bekannt, der etwas von einer solchen Vereinbarung mit den Behörden wisse.
Apostolischer Kanon 39 (32): Priester und Diakonen sollen ohne Wissen und Willen des Bischofs Nichts thun: denn dieser ist's, welchem das Volk des Herrn anvertraut worden, und von welchem Rechenschaft über ihre Seelen gefordert werden wird.

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