Erhard Kästner: Die Stundentrommel vom hl. Berg Athos

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Thuja
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Erhard Kästner: Die Stundentrommel vom hl. Berg Athos

Beitragvon Thuja » 21.03.2013, 21:58

Ihr Lieben,

dieses schon ältere Buch ist im letzten Jahrhundert Mitte der 60-er Jahre geschrieben worden, von einem evangelischen dt. Autor, der 1904 geboren ist (also zum Zeitpunkt des Schreibens auch schon ein gerüttelt Maß Leben und Lebenserfahrung hinter sich hatte), der in jenen 60-er Jahren 2x jeweils wohl 2 Monate auf dem Athos verbracht hat.
Der Titel ist eher vielversprechend.
Der Inhalt... hmmm... man merkt, der Autor ist ein begeisterter Bergwanderer, der sich da auf dem Athos "austoben" konnte. Und das zu einer Zeit, wo wohl nocht nicht so viele "Ausländer" dort waren, er spricht griechisch, was ihm das Ganze erleichterte natürlich. Die Schilderungen der Bergwanderungen sind sehr wortreicht und eindrucksvoll, man kann sich die Landschaft gut vorstellen aufgrund der Beschreibungen. Ab und an ist er ein bisserl neugierig, aber eher im kunstgeschichtlichen Sinn, wenn er in Klosterbibliotheken (er ist Bibliothekar von Beruf) alte Handschriften und Ikonensammlungen "besichtigt", irgendwie sucht er noch die griechtische Antike als Wurzeln dort, scheint es, das klingt immer wieder mal durch... Obwohl er wohl einen griechischen Bekannten und Theologen dabeihat, hält sich sein Interesse an der Orthodoxie stark in Grenzen (und dementsprechend seine Kenntnisse). Er berichtet wohl 'mal, eher im Vorbeigehen und unbeteiligt, von ein paar Kircheninneren, vom Erlauschen/Mithören des nächtlichen Jesusgebets, einmal erwähnt er ein paar Stunden Gottesdienstteilnahme (aber nicht den kompletten!) und erzählt von den Gesprächen mit ein paar Mönchen und Einsiedlern über ihr Leben dort (aber eher die "Äußerlichkeiten" ihres kärglichen Lebens betreffen, ohne damit sein eigenes Leben auch mit zu hinterfragen) und ist erstaunt über die fast überall anzutreffende Fröhlichkeit der Mönche (der innere Reichtum von ihnen ist ihm fremd)... Doch in den geistlichen "Hintergrund" da einzutauchen - da ist er weit entfernt davon, dass Freitags Fastentag ist, wo's keine Butter und keine Milch gibt (und Milchschokolade, die er verschenken will, erst mal deshalb nicht angenommen wird), verwundert ihn. Er und seine Begleiter haben u. a. Salami als Wegzehrung dabei und anderes "Dosenfutter", was sie aber vor den Athosbewohnern verbergen müssen, wenn sie's essen wollen in den Klöstern oder unterwegs, weil ja Fleischprodukte da tabu sind und sie sich sonst Tadel einhandeln. Musste das denn sein, ausgerechnet Salami etc. mitzunehmen?? Und dass Zisternen da wertvolle Wasserspeicher sind für's Trink- und Bewässerungswasser, aber keine "Badewannen", wo mann (jetzt absichtlich mit nn geschrieben!) 'reinhüpfen kann und sich ordentlich abseift und der Seifenschaum dann drinbleibt etc., hat sich bis zu ihm nicht 'rumgesprochen, diese Beschreibungen empfand ich richtiggehend peinlich und nichtachtend die Gegebenheiten. Dass die terrassierten Felder zur Selbstversorgung hochnötig sind, viel Arbeit machen, und nicht der Schönheit dienen, klingt leider auch nicht durch... Nein, er beschreibt nicht "von oben herab", aber ein bisserl distanziert in der Art wie den "Zirkus" oder den "Zoo", den sich der Nordeuropäer anguckt und nicht so ganz ernst nimmt. Einmal erwähnt er, dass die "Philokalie" am Tisch liegt - belustigt, "nicht die Philosophie"... und dass er am Schluss die Ikonen, die in der Einsiedelei gemalt werden, als "leer" und damit "nichts wert" empfindet, obwohl sie den alten Handbücher-Vorlagen entsprechen, fand ich doch sehr "daneben" und unqualifiziert!
Damit finde ich es schade, dass er sich den eigentlichen Hinter-, Unter- und Hauptgrund für den Athos so hat entgehen lassen, die geistliche Erfahrung, das "Eintauchen" dorthinein, er hätte im Prinzip auch woanders wandern können und ähnliche Erfahrungen machen. Und die Stundentrommel/das Semantron hat er wohl nicht allzuoft so wahrgenommen, wie sie/es eigentlich gemeint ist: Als Ruf zum Gottesdienst/Gebet, zum in-die-Tiefe-gehen zum Wesentlichsten...
Fazit: Wenn man viel Zeit hat zum Lesen, durchaus interessant als allgemeiner Reisebericht, aber nicht vom geistlichen Standpunkt aus!

Kennt Ihr dieses Buch auch? Was sind Eure Meinungen?

Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

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Hermann
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Re: Erhard Kästner: Die Stundentrommel vom hl. Berg Athos

Beitragvon Hermann » 22.03.2013, 14:14

Hallo Thuja,

Danke für deinen Kommentar, so weiß ich, dass ich das Buch nicht lesen brauche, es gibt ja genug andere gute Bücher (gerade lese ich "Der Menschensohn" von Erzpriester Alexander Men fertig, das Buch kann ich nur empfehlen).

LG, Hermann
Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch hinzugeschenkt.

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Re: Erhard Kästner: Die Stundentrommel vom hl. Berg Athos

Beitragvon Birgit » 24.05.2014, 14:37

Liebe Thuja,
vorgestern und gestern habe ich es endlich geschafft die Hörbuch CDs ( die mir vor Jahren geschenkt wurden) "die Stundentrommel vom Heiligen Berg Athos" einmal anzuhören. Daraufhin habe ich im Internet ein bißchen weiter geforscht und bin auch auf Deinen Beitrag gestoßen: Ich finde, Du tust dem Erhard Kästner ein bißchen Unrecht mit Deiner Beurteilung, es würde sich nur um einen schönen Reisebericht handeln!
Jetzt hatte ich zwar den Eindruck, daß das Hörbuch vielleicht nicht das geschriebene Buch vollständig wiedergibt, denn es fielen mir einige Brüche im Inhalt auf (außerdem wurde von keiner Szene berichtet, in der die Protagonisten in einer Zisterne baden), und daher kann es auch sein, daß ich keinen ganz vollständigen Eindruck vom ganzen Werk gewinnen konnte. Aber einige Kapitel zeugen doch von einem tiefen Berührtsein der auf dem Berg Athos gelebten Spiritualität: und zwar immer dann, wenn Erhard Kästner über die Begegnungen mit einzelnen Mönchen schreibt. Zumindest mich haben die beiden Kapitel über Vater Awakum, die beiden Kapitel über Vater Nikon und das Kapitel über Vater Gerasimos sehr berührt und ich meinte durchaus, von der Spiritualität, die das sehr schön beschriebene Lebenszeugnis dieser Menschen zeigt, so etwas wie Erkennen, zumindest Nachempfinden mitbekommen zu haben. Ich finde Erhard Kästner beschreibt in wunderschönen Worten die Freude, die Vater Awakem empfindet,wenn er seiner (selbstgewählten) Aufgabe, dem unbedingten Dienen für andere nachgeht.Oder wie zart ist Vater Nikon beschrieben, der ursprünglich ein russischer Adeliger war, in seiner immer wieder mühsam errungenen Erkenntnis, was uns alles auf unserem Weg zu Gott hinderlich ist.
Also mein Fazit zu diesem Buch ist: zum einen wirklich eine schöne Reisebeschreibung und vor allem Natur-und Stimmungsbeschreibung, manchmal vielleicht etwas zu opulent und ausholend, zum anderen aber durch die Beschreibung der Mönche auch eine Hinführung zu deren Spiritualität. Die konkrete Erfahrung mit Menschen, die sich ehrlich und selbstkritisch um ein einfaches und kontemplatives Leben bemühen, ist für mich auf dem eigenen Weg ein ganz wichiger Aspekt. Und diese verändernde Erfahrung sehe ich im Buch "die Stundentrommel vom hl.Berg Athos" durchaus immer wieder aufleuchten.
Da finde ich es auch nicht ganz so tragisch (wenngleich doch recht unsensibel), daß Erhard Kästner eine Salami dabei hatte und diese versteckte, wenn ein Mönch zugegen war, nachdem er erkannt hatte, daß man auf dem Berg Athos vegetarisch lebt.
Was mich nun eher in diesem ganzen Zusammenhang schockiert hat, waren die Meldungen, die aus der jetzigen Zeit stammen, nämlich, daß Reichtum, Geldgier und üble Machenschaften und ein gar nicht mehr einfaches Leben auch auf dem Berg Athos schon Einzug gehalten haben - zumindest offensichtlich in einem Kloster. Das täte mir sehr leid um den Heilgen Berg Athos!
Viele Grüße und Gottes Segen! Birgit


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