Abendgebet in welche Richtung?

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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Emanuel
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Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Emanuel » 19.08.2015, 21:15

Grüß Gott alle zusammen.

Ist es wichtig die Gebete am Abend und am Morgen zu Hause Richtung Osten zu machen?
Gott befohlen!

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Thuja
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Thuja » 19.08.2015, 22:39

Hallo Emanuel,

im Prinzip kannst Du in jeder Himmelsrichtung und in jeder Körperhaltung zu Gott beten - besser als gar nicht, weil Du nicht weißt, wo nun Osten oder so ist...
Aber daheim hast Du ja im Allgemeinen auch ein Ikoneneckerl, wie in der Kirche möglichst nach Osten ausgerichtet, so dass Du automatisch nach Osten guckst, wenn Du davorstehst und betest. Bzw. wenn das räumlich mit der Ost-Ausrichtung nicht möglich ist, dann eben so, dass Du Deine Ikonen ansiehst beim Gebet am Morgen und am Abend zum besser-zentrieren... und Du ein Kerzerl davor anzünden kannst...

Liebe Grüße
Thuja
Господи помилуй мя!

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Lazzaro
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Lazzaro » 19.08.2015, 23:13

Hallo Emanuel!
Ich find es schon wichtig, wegen der Symbolik, die man sich bewußt machen soll: Die Auferstehung, das Paradies.
Yuhanna al Mansur (= Johannes Damascenus) schreibt dazu:
https://www.unifr.ch/bkv/kapitel1691-11.htm
Meine eigene Ikonenecke ist fast exakt nach Osten ausgerichtet, es fehlen 1-2°.
Ich bete möglichst genau nach Osten, oder was ich dafür halte, wir sind ja keine Gesetzesreligion, nach der das Gebet bei falscher Richtung ungültig wäre. Für das Gespräch mit Gott ist die Himmelsrichtung natürlich irrelevant, sie aber suchen ist auch eine sinnvolle Vorbereitung um die Gedanken Gott zuwenden zu können, genauso wie man sich vor dem Beten die Hände waschen kann. Das sind Riten, die das Gebet stützen sollen. Wichtiger ist natürlich der Inhalt, wenn Dich die Form vom Inhalt ablenkt, läuft etwas falsch.
Lazarus
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Kai
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 20.08.2015, 15:44

Gabriel Bunge führt dieses Thema in seinem Buch Irdene Gefäße aus. Er schreibt dort auch über Gebetshaltungen und -gesten, das Buch lohnt sich sehr!

Łukasz
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Łukasz » 28.02.2016, 18:17

Die symbolische Geste (in Richtung Osten beten) find ich sehr wichtig, wenn man natürlich nicht weiß wo Osten ist, dann wird uns orthodoxen Christen das auch nicht zum Nachteil. Wir sind keine Muslime, deren Gebete gleich ungültig werden, wenn sie nicht gegen Richtung Mekka beten. Ansonsten einfach das eigene Smartphone nutzen. Für jedes iPhone, Android- und Windows-Smartphone gibt es genug Kompaß-Apps, die einem genau zeigen, wo Osten liegt.

Kai
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 28.02.2016, 20:01

Ja, wahrscheinlich befindet man sich bei dieser Frage im Spannungsfeld zwischen Gesetzeshörigkeit (=Gebet wird "ungültig" wenn ich Osten nicht finde) und Individualismus (=ich mach mir meinen Osten dort, wo ich ihn haben möchte).

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Lazzaro
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Lazzaro » 29.02.2016, 09:06

Kai hat geschrieben:Ja, wahrscheinlich befindet man sich bei dieser Frage im Spannungsfeld zwischen Gesetzeshörigkeit (=Gebet wird "ungültig" wenn ich Osten nicht finde) und Individualismus (=ich mach mir meinen Osten dort, wo ich ihn haben möchte).
Lieber Kai,
dem ist definitiv nicht so.

Es handelt sich um einen kirchlichen / liturgischen Brauch, der eine gewisse Bedeutung hat. Diesen Brauch kann man respektieren oder auch nicht, es macht theologisch keinen Unterschied. Gesetzeshörigkeit ist es, wenn ich vor jedem Gebet auf die Kompasnadel schaue, ohne zu wissen warum ich so etwas mache.
Es ist eher eine Frage der religiösen Kultur. Man kann zum Beispiel das Tischgebet um die Tafel sitzend beteten oder man kann sich erheben und alle blicken nach Osten. Das eine ist nicht "besser" oder "schlechter": es ist eine andere Gewohnheit, die zweite ist aber mit Sicherheit die ältere.

Ausgehend von letztem Halbsatz kann man sich Gedanken machen inwieweit es sinnvoll ist, auf ältere kirchliche Traditionen zurückzugreifen. Ich halte es für eine sehr gute Vorgehensweise, vorausgesetzt, man weiß, was man warum tut.

Lazarus
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Kai
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 29.02.2016, 09:26

Lieber Lazzaro,
wahrscheinlich ist die Hälfte meines Gedankens im Kopf geblieben und war daher nicht ganz verständlich, denn ich finde du beschreibst ziemlich genau, was ich mit "Spannungsfeld" umrissen habe, also nochmal neu: Form ohne Inhalt ist leer und wahrscheinlich nur bedingt fähig, über einen gewissen Zeitraum die Inhaltslosigkeit zu überstehen. Heißt: Das bewusste (!) nach Osten wenden kann helfen, eine gewisse Gebetshaltung einzunehmen. Schwirrt dann mein Geist ab oder bin in einer Zeit, in der Beten schwer fällt (oder oder oder) kann der Körper den Geist wieder einfangen und neu ausrichten. (Das funktioniert ja auch auf ähnliche Weise beim Komboskini).
Die andere Seite wäre eben, sich überhaupt keine Gedanken über die Ausrichtung, Haltung, etc. zu machen, also den Inhalt über die Form zu stellen.
Lazzaro hat geschrieben:Ich halte es für eine sehr gute Vorgehensweise, vorausgesetzt, man weiß, was man warum tut.
Ja, ich auch!
Grüße
Kai

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Lazzaro
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Lazzaro » 29.02.2016, 18:23

Lieber Kai,
Im Prinzip kommen wir zu dem gleichen Ergebnis, der Unterschied liegt aber in der Herangehensweise:

Deine ist protestantisch geprägt : ich bin gesetzestreu, ich bin individualistisch, ich bin irgendwo dazwischen.
Meine ist orthodox geprägt: Die Kirche macht das, weil es eine Bedeutung hat, das heißt unsere Kirchenväter und die Apostelschüler haben das gemacht und ich stelle mich in ihre Tradition (oder auch nicht).

Das ist gelebte Katholizität (=Sobornost): das was schon immer, von allen und überall auf der Welt praktiziert und gelehrt wird.
Im Unterschied zur ev. Kirche haben wir keine Adiaphora (Siehe dort: https://de.wikipedia.org/wiki/Adiaphoristischer_Streit ), sondern auch praktische Gebräuche und kirchliche Sitten haben einen Bekenntnis-Charakter.

Lazarus
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 29.02.2016, 20:45

Lieber Lazzaro,
Lazzaro hat geschrieben: Deine ist protestantisch geprägt [...]
Ja das ist sie und es wäre spannend für mich zu erfahren, wo noch (und was das Orthodoxe Pendant dazu ist). Mir ist nur nicht so klar wo genau der Unterschied liegt: Gesetzestreue vs. Traditionsachtung/-befolgung oder wie würde man das beschreiben? Einem (religiösem) Gesetz folge ich doch auch, weil ich die Autorität anerkenne und mich unter diese (freiwillig) stelle, da fällt es mir schwer den Unterschied zur Tradition zu sehen, zumal du ja auch schreibst
Lazzaro hat geschrieben: Diesen Brauch kann man respektieren oder auch nicht [...]
:?:
Ich stehe voll auf dem Schlauch.
Grüße
Kai

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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Dschorik » 01.03.2016, 13:32

nun zuaue kann man sich ja an seiner "schönen Ecke" orientieren.
Und wo Osten ist, weiß man da wegen dem Sonnenaufgang in der Regel auch.
Wenn man unterwegs ist und man weiß das nicht ist das auch kein Drama... :)
An jedem Ort sind die Augen Jahwes, / wachend über Böse und Gute! (Spr. 15, 3)

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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Lazzaro » 04.03.2016, 17:38

Lieber Kai, du hast geschrieben
Mir ist nur nicht so klar wo genau der Unterschied liegt: Gesetzestreue vs. Traditionsachtung/-befolgung oder wie würde man das beschreiben?
Mit abendländischer "Kontroverstheologie" kommst Du hier nicht weiter: A gegen B / Schwerpunkt C im Vergleich zu Schwerpunkt D funktioniert in der Orthodoxen Kirche nicht.

Die OK definiert sich nicht durch den Gegensatzt zu anderen christl. Gemeinschaften sondern durch sich selbst, das heißt durch die kirchliche Tradition oder auf deutsch: die kirchhl. Überlieferung. Zu ihr gehören die theologische akademische Lehre, die Liturgie, die Kirchenväter und der praktische Vollzug des Glaubens mit seinen Gebräuchen. Eine Trennung der Disziplinen ist nicht vorgesehen. Im öffentlichen Leben gibt es eine feste Ordnung. Im privaten Gebet und im eigenen Haushalt kann ich mir mehr Freiheiten erlauben, z. B.: Ich kann vor dem Anschneiden das Brot so segnen wie es in meiner Familie üblich ist, oder ich halte mich an den russ.-kirchlichen Brauch. Ich orientiere (!) meine Schöne Ecke möglichst genau, oder ich bete in Richtung der Ikonen, so wie sie gerade im Bücherregal (oder wo auch immer) stehen. Oder ich mache beides ganz anders.

Bruder Dschorik hat völlig recht: Man muß sich darüber gar nicht so viele theologische Gedanken machen. Dürfen darf man es schon.
Dschorik hat geschrieben:Nun zu Hause kann man sich ja an seiner "schönen Ecke" orientieren.
Und wo Osten ist, weiß man da wegen dem Sonnenaufgang in der Regel auch.
Wenn man unterwegs ist und man weiß das nicht ist das auch kein Drama... :)
Lazarus, am Dienstag Richtung Norden gebetet habend :sorry: , da die Kirche so ausgerichtet war
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 04.03.2016, 20:14

Lieber Lazarus, du hast geschrieben:
Lazzaro hat geschrieben:Die OK definiert sich nicht durch den Gegensatzt zu anderen christl. Gemeinschaften sondern durch sich selbst [...]
Das scheint mir eine Kernaussage zu sein, über die ich jetzt mal ein paar Wochen nachdenken werde. Danke!
Kai

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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Lazzaro » 05.03.2016, 19:17

:oopsp: Habe ich etwas falsches gesagt?
In dem Fall bitte ich um Entschuldigung.
Lazzaro
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Re: Abendgebet in welche Richtung?

Beitrag von Kai » 05.03.2016, 20:58

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, das hilft mir ein ganzes Stück weiter, ich muss nur drüber nachdenken, bevor ich mich weiter dazu äußere. Alles gut, danke!

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