Die Bedeutung der Psalmen

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Nassos
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Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 25.10.2013, 15:40

Hallo,

ich habe relativ spät vestanden, dass die Psalmen in den Gebeten etwas Besonderes bzw ganz Wichtiges sind.

Doch was genau macht die Psalmen so wichtig überhaupt bzw verglichen zu anderen Büchern des Alten Testaments? Was ist ihre besondere Bedeutung, wenn ein Hl. Benedikt das wöchentliche Lesen des gesamten Psalters als Regel für Mönche einführt? Unterscheidt sie etwas von anderen Gebeten/Lesungen?

Ich danke Euch sehr für gute Hinweise und Erklärungen. Ich möchte mir dadurch auch selber helfen, die Psalmen besser zu beten und zu leben als sie "nur" zu lesen. Offen gesagt fällt mir auch der Zugang zu manchen Psalmen schwieriger.
Ich hoffe, mein Anliegen ist verständlich.

Danke!

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Igor
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Igor » 25.10.2013, 18:53

Grüß Gott!

Vorab zum Thema, das, lieber Nassos wirklich sehr interessant ist, ein kleiner Tipp:

In den Ausgaben 9 bis 30 der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift "Der schmale Pfad" ist eine Serie von 15 Beiträgen enthalten :arrow: "Kurze Erläuterungen zum Psalter". Diese sind für ein Verständnis der Psalmen sehr hilfreich.

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Nassos
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 26.10.2013, 13:05

Lieber Igor,

ich habe die ganzen Ausgaben leider nicht. Aber ich würde mich sehr über eigene Worte freuen.

Vielen Dank und Gruß,
Nassos

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Hermann
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Hermann » 27.10.2013, 07:52

Nassos hat geschrieben:Aber ich würde mich sehr über eigene Worte freuen.
Hallo Nassos,
über die genauen Gründe, warum die Psalmen eine so wichtige Rolle spielen weiß ich auch nichts, nur das sie das jüdische Gebetbuch schlechthin sind und damit sicher auch das Gebetbuch Jesu und seiner Jünger waren. Auch die ersten Mönche haben praktisch nur die Psalmen als Gebetsbuch gehabt, wie Vater Gabriel Bunge hier sagt:
The canonical prayers in the Prayer Books that we use are a school for prayer. In the beginning they didn’t exist. Thus, the first monks had a quite particular tradition of prayer, which was lost with time. They recited the Psalms and, after each Psalm, they stopped and stood up – because one can say the Psalms sitting – and raised their arms and prayed in silence.
Mir persönlich geht es so, dass ich zu manchen Psalmen einen besseren Zugang habe als zu anderen - aber die Psalmen decken ziemlich breit die ganze Palette der menschlichen Zustände und Situationen ab und bringen sie vor Gott und latent sind die Zustände auch immer in einem vorhanden. Bei den Feinden, die etwa vernichtet werden sollen, denke ich mehr an Dämonen als an Menschen.

LG, Hermann
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Igor
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Igor » 29.10.2013, 18:45

Grüß Gott!

Die Psalmen nehmen in den Gottesdiensten, Andachten und Sakramenten einen großen Raum ein:

Jedes Stundengebet beginnt mit drei Psalmen, die drei Antiphonen der Göttlichen Liturgie sind i.dR. auch Psalmen, die Prokimena vor der Apostellesung sind zum großen Teil Psalmverse, der zweite Teil der Nachtwache beginnt mit dem Lesen von sechs Psalmen, später folgt ein Kathisma (einer von zwanzig Abschnitten des Psalter), bei den Gebeten zur Kommunion lesen wir drei Psalmen, dazu dann noch den Psalm 50 (entspricht Psalm 51 in der westlichen Zählweise), um nur einige sehr wenige Beispiele zu nennen.

Der Psalter wird auch als „Buch der Lobpreisung“ (in der hebräischen Bibel) oder „Buch der Psalmen“ (in der griechischen Bibel) genannt. Die Psalmen stammen von mehreren Verfassern, knapp die Hälfte von David, ferner Asaf, die Söhne Kores‘ u.a.

Der hl. Basileios schreibt zur Bedeutung des Psalters:
Es enthält Prophezeiungen über das Zukünftige, leitet an zum Gedenken vergangener Geschehnisse, gibt Gesetze für das Leben, zeigt die Regeln für die Tugendhaftigkeit. Kurz gesagt, es ist die allgemeine Schatzkammer der guten Unterweisungen und vermittelt mit Sorgfalt, was jedem nützt.
Der hl. Athanisios von Alexandria führt aus:
Meiner Meinung nach ist im Buch der Psalmen kurzum das ganze menschliche Leben, sowohl die seelischen Zustände als auch die Bewegungen der Gedanken ausgemessen und beschrieben worden, und etwas, das über das darin Dargestellte hinausginge, ist nicht im Menschen zu finden. Es ist nützlich zur Buße und Beichte; trifft einen Unglück und Versuchung; wird man verfolgt oder gerettet von Böswilligen; ist man betrübt und in Aufruhr oder erleidet irgend etwas diesem Ähnliches; oder hat man die Absicht, den Herrn zu loben, ihm zu danken und Ihn zu verherrlichen – für all dies erhält man Unterweisung durch die göttlichen Psalmen. Daher möge auch jetzt jeder, der die Psalmen spricht, gewiss sein, dass Gott erhört, was durch das Psalmwort erbeten wird.
Die o.g. Zitate stammen aus der Ausgabe Nr. 9 der Zeitschrift „Der schmale Pfad“. Mehr dazu auch hier in der Orthpedia.

In Christo
Igor

PS
Nassos hat geschrieben:... ich habe die ganzen Ausgaben leider nicht.
Ältere Ausgaben der Zeitschrift können auch über die Edition Hagia Sophia bezogen werden.
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von apxwn » 29.10.2013, 23:48

Nassos hat geschrieben:Unterscheidt sie etwas von anderen Gebeten/Lesungen?
Nur mal auf die Schnelle ein Gedanke. Wie sollte wohl damals die junge Kirche des Neuen Testaments anders beten? Ich glaube, es war Rosanow, der einmal schrieb: "Wieso hat Christus die Menschen nicht beten gelehrt?!" - Im gesamten Evangelium finden wir, außer dem hohepriesterlichen Gebet Christi Selbst, nur ein Gebet - das Vaterunser. Ein sieben Zeilen langes Gebet. Sonst nichts. Kuraew geht gar soweit zu sagen, dass im Vergleich mit den Psalmen das Vaterunser "trockene Prosa, eine höfliche Aufzählung von Bedürfnissen" sei. Dagegen reflektieren die Psalmen den ganzen Menschen in all seinen möglichen Verfassungen - und aus jeder Lage gibt es Zugang zu Gott im Gebet. Die Kirche betet durch die Worte der Psalmen, schon immer, und es ist gar nicht anders vorstellbar. Das mal abgesehen von manchen Prophezeiungen über Christus, durch welche die Psalmen ebenso wichtig sind.
ἐὰν γὰρ ἀποθάνη̨ ἄνθρωπος ζήσεται;

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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 31.10.2013, 21:48

Ich denke, dass uns der Gedanke an den Zustand der junge Kirche und wie es für sie damals war, sehr oft fehlt (ähnlich bei der Fragestellung des Sola Scriptura: was hatten die Gemeinden der jungen Kirche überhaupt an Schriften parat). Vielen Dank, dass Du uns da hinführst, apxwn, das war wichtig.
Wobei ich zugeben muss, dass ich auch die Bedeutung der Psalme für die Menschen des AT nicht kannte...

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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Igor » 02.11.2013, 17:10

Im Orthodoxen Medienkanal gibt es auch ein Video zum Thema "Das Psalmgebet" von Erzpriester Johannes R. Nothhaas.
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 19.11.2013, 21:15

Mein lieber apxwn,

wenn man sich das nochmal durch den Kopf gehen lässt, dann stellt man fest, dass der jungen Kirche der Rest des AT ebenso zur Verfügung stand, und in ihm wohl auch jede mögliche menschliche Verfassung sowie auch die Prophezeiung auf Christus enthalten ist. In den Psalmen wohl konzentrierter.
Was auffällt, ist, dass man in den anderen Teilen des AT etwas über andere liest, man sich aber in den Psalmen in diese andere (oder diesen anderen) hineinversetzt. Und da wird es dann schwieriger mit der Identität, weil ich - es sei mir dieser Ausdruck erlaubt - mir "eine Rolle aneignen muss".

Was ich meine ist folgendes. In unseren Gebeten spreche ich immer mit einem "ich" oder einen "wir" und meine damit ganz genau mich oder das Pleroma. Die Gebete sind so, dass sie jeder beten kann und sich damit in Demut identifizieren kann.
Bei den Psalmen ist dieses "ich" ein angeeignetes "ich". So zum Beispiel "reinige mich von meiner Blutschuld" (ich nehme an, hier bezieht sich David auf den Ehebruch un d den Mord des Ehemanns). Ich bekenne mich als Sünder, aber - ganz blöd gesagt - wenn ich niemandes Weib verführt habe und ihn umgebracht habe, wie kann ich dann von Blutschuld sprechen? Desweiteren der oben erwähnte "Feind", der als Dämon ausgelegt wird. Hier sind jedoch Menschen gemeint und vielleicht erkenne ich mich ja auch (ob so mancher Eigenschaft in diesen Feinden wieder. Ich bin jedoch kein Dämon.

Das ist ein Unterschied, aber ist das trotzdem ein Grund, dass die Psalmen so enorm wichtig sind im Vergleich zu anderen Büchern des Alten Testaments?
Ich muss da wohl irgendwas Wichtiges nicht verstanden haben. Ist meine Herangehensweise falsch? Meine Brille? Oder sollte ich die Psalmen einfach lesen und mir sonst keine Gedanken darüber machen? (wie sagte mal ein Priester: "lies die Schrift, auch wenn du sie nicht verstehst. Die Dämonen werden sie verstehen...")

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Hermann
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Hermann » 22.11.2013, 06:25

Hallo Nassos,

ich habe mich gefragt, ob Jesus oder die Gottesmutter auch den Psalm 50 gebetet haben werden oder vornehm geschwiegen haben, weil er sie ja nicht betrifft? Hat Christus nicht unsere Sünden auf sich genommen und dafür die Verantwortung übernommen? Betont man nicht gerade in der orthodoxen Spiritualität, dass wir auch für die Sünden der anderen verantwortlich sind? Ist es nicht so, wenn jemand im Leib Christi Blutschuld begeht, diese Schuld auch an mir klebt und ich für diese Sünde Gott um Vergebung bitten soll? Geht es beim Beten der Psalmen nicht auch darum, uns nicht als Individuum zu sehen, sondern Teil des Leibes Christi zu sein?

Das sind jetzt keine Lösungen sondern nur ein paar Gedanken, die mir dazu so gekommen sind...

In Christus, Hermann
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 22.11.2013, 22:41

Hallo Hermann,

also ich glaube, dass sich Jesus im Großen und Ganzen bis zur Zeit Seines öffentlich Wirkens sehr intensiv u.a. mit dem Lesen der Schriften beschäftigt haben wird und in der Zeit geistlich gewachsen ist und im Heiligen Geist die geistliche Reife erreicht hat, um sein Werk anzugehen.

Da Er aber auch Gott ist, spielt er bei dem Psalm 50 eine besondere Rolle: Er ist der (zweite) Gesprächspartner in diesem Dialog, der Adressat.
Somit also als Gottmensch nun Sprechender wie auch Hörender. Und dadurch wohl nun endlich das Beten der Psalme für uns "vollendet" (wie auch das AT im NT).

Wir sind alle Leib Christi, aber wir verbleiben auch Individuen. Ich kann nicht Sünden anderer beichten, wiewohl ich auch weiß, dass Sünden auf die gesamte Schöpfung Auswirkungen haben (so wie auch Gebete, übrigens).

Die Frage bleibt allerdings: was hebt die Psalmen so hervor?

In Christus,
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nassos » 04.12.2013, 20:27

Heute wurde auf dem blog lightofdesert etwas bzgl Psalmen (von Vater Johannes Nothhaas) veröffentlicht:

http://lightofdesert.blogspot.de/2013/1 ... hhaas.html

Nikolaus
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Re: Die Bedeutung der Psalmen

Beitrag von Nikolaus » 07.02.2014, 14:58

Hallo,
Ich sehe die Psalmen auch als eines der wichtigsten Bücher im alten Testament, zudem als eines der Stärksten. Die Psalmen sind alte überlieferte Lieder, die meist König David zugeschrieben wurden und sind ein Beispiel, wie man Gebete lebendig und ausdrucksstark formulieren kann und auch ein Dokument des Schmerzes und des unerschütterlichen Glaubens, den der oder die Verfasser in Worte fassten.

LG Niko

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