Predigt des Metropoliten von Sourozh Antonij: Vom Hören

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Igor
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Predigt des Metropoliten von Sourozh Antonij: Vom Hören

Beitragvon Igor » 03.11.2011, 08:25

Grüß Gott!

Die Predigt des Metropoliten von Sourozh Antonij über das Thema "Hören" (bzw. "Zuhören") hat mich sehr beeindruckt.

Ich habe diese auf bogoslov.ru gefunden und stelle sie mal hier rein, da ich meine, dass wir viel davon für uns und auch dem Umgang hier im Forum entnehmen können.
Vom Hören

Anthony (Bloom), Metropolitan of Sourozh

Wir wollen nur jene Worte hören, die uns genehm sind. Wenn der Herr jedoch zu uns spricht, dann verfahren wir mit Ihm so, wie es die Athener mit dem Apostel Paulus getan haben. Wir gehen fort und antworten, dass wir uns ein anderes Mal damit auseinander setzen werden. Und so bleibt unser Leben kleinkariert und arm. Ein Leben in zwei Dimensionen: in Raum und Zeit, ohne Tiefe, ohne Ewigkeit und ohne Begeisterung.“ – aus einer Predigt zum Thema „Zuhören“ von Metropolit Antonij von Sourozh

1973

In der Heiligen Schrift heißt es an einer Stelle ganz explizit: Achtet darauf, wie ihr hinhört und wie ihr zuhört. Dieses Wort könnte für uns eine solche Quelle neuer Inspiration sein und unserem Leben eine neue Tiefe schenken! Wie hören wir hin? Wie hören wir einander zu? Wie hören wir auf die Stimme unseres Gewissens? Wie hören wir das Wort Gottes?

Wir hören uns gegenseitig oft nur unaufmerksam und oberflächlich zu. Meistens empfinden wir es als unangenehm anderen zuzuhören, wenn diese uns ihr Leid klagen, selbst wenn sie dies nicht besonders betonen. Wir hören nicht gerne hin, weil dies bedeutet, irgendwie reagieren zu müssen und das nicht nur für einen Moment, sondern mit dem Herzen und unserer Fürsorge. Es eben nicht nur kurz einmal mit unserem Verstand erfassen, sondern für immer auf den anderen Menschen eingehen, so wie Christus auf das Leid der Menschen und auf dessen furchtbaren Zustand, ohne Gott leben zu müssen, eingegangen ist und für immer Mensch geworden ist. Wir fürchten uns gerade deswegen genau zuzuhören. Deshalb auch können wir einander nicht näher kommen und belassen unsere Beziehungen oft oberflächlich. Wir knüpfen sie und lassen sie wieder zerfallen. Für einen Moment erscheinen sie uns ewig zu sein, dann jedoch erweisen sie sich wie ein Traum, der schnell vorüber gegangen ist.

So hören wir auch auf die Stimme unseres Gewissens. Wir achten nicht auf sie. Wir wollen nicht alle ihre Vorwürfe, mit denen sie sich immer wieder in unser Leben einmischt, hören. Wir wollen weder ihre Vorschläge noch ihre Zurechtweisung, die sie uns zu geben vermag. Auch davor fürchten wir uns und wir hören nur, was wir hören wollen. Alles andere vergessen wir und leben somit an uns selbst und an den Menschen um uns vorbei. Dabei könnten wir in all unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten wirklich zum Menschen heranwachsen, um für alle wirklich das zu sein, was wir sein könnten. Doch wir machen uns immer kleiner und verschandeln das Bild des Menschen in uns.

Und was gäbe es bezüglich des Wortes Gottes zu sagen? Gott Selbst spricht zu uns im Evangelium. Der Heilige Geist weht in ihm. Ein einziges solches Wort, wenn wir es tief, aufrichtig und ernsthaft in uns aufnehmen würden, würde ausreichen, um unsere Leben ganz zu verwandeln, ihm eine neue Wendung zu geben, damit es eine solche Tiefe erlange, wie es das Leben Gottes ist, damit es eine solche Weite annehme, dass in ihm alles menschliche Platz fände, damit es so rein und feurig würde, dass es keinerlei Besudelung mehr zu fürchten bracht und alles Unkraut niederbrennen kann. Wir hören das Wort Gottes zwar jeden Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr, doch wir bleiben trotzdem kalt, weil wir auch das Wort Gottes nicht hören wollen. Wir wollen nur jene Worte hören, die uns genehm sind. Wenn der Herr jedoch zu uns spricht, dann verfahren wir mit Ihm so, wie es die Athener mit dem Apostel Paulus getan haben. Wir gehen fort und antworten, dass wir uns ein anderes Mal damit auseinander setzen werden. Und so bleibt unser Leben kleinkariert und arm. Ein Leben in zwei Dimensionen: in Raum und Zeit, ohne Tiefe, ohne Ewigkeit und ohne Begeisterung.

Der Apostel sagt zu uns: Achtet darauf, wie ihr hinhört. Lasst uns deshalb diese Woche darüber nachdenken. Wie hören wir zu? Wie haben wir das Evangelium und die Epistellesung von heute vernommen? Wie hören wir der Predigt zu? Wie den Gebeten der Kirche, die eigentlich unsere eigenen Worte sind? Lasst uns achtgeben darauf, wie wir anderen Menschen zuhören, die Gott uns schickt, jetzt und in den nächsten Tagen und lasst uns daraufhin uns selbst die Frage stellen: Wie leben ich? Die Stimme des Gewissens erreicht mich nicht mehr, weder durch seine Vorwarnungen noch durch seine Ideen. Auch, was meine Mitmenschen mir sagen, bedeutet mir nichts. Ich höre nur das, was ich hören will. Ebenso das Wort Gottes. Es berührt mich nicht. Ich lass es in meinem Leben außen vor und gehe an allem vorüber, was mir nicht genehm ist. Was bleibt also noch vom Leben? Wie soll ich meinem Leben eine Tiefe geben, woher neue Ideen und woher soll ich neues Leben schöpfen?

Das ist der Grund, warum uns das Leben oft so trostlos erscheint, warum es so langsam und langweilig vor sich her fließt. Dabei könnte es wie eine Quelle sprießen und sich schon auf der Erde aus der Ewigkeit speisen. Lasst uns deshalb achtgeben, wie wir hinhören, und wir werden sehen, wie sich uns ein neuer Weg auftut, der uns zeigt, wie man wirklich leben kann.

Amen

In Christo
Igor
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Als der Höchste hernieder fuhr, verwirrte Er die Sprachen, zerteilte Er die Völker, nun, da Er Feuerzungen ausgeteilt, ruft Er alle zur Einheit: Einmütig preisen wir deshalb den Heiligen Geist. (Pfingstkondakion im 8. Ton)

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